Wimbledon

Kielerin Kerber will Serena Williams die Grenzen aufzeigen

Seht her, ich bin die Nummer eins: Angelique Kerber

Seht her, ich bin die Nummer eins: Angelique Kerber

Foto: Andy Rain / dpa

Angelique Kerber kann im ersten Wimbledon-Endspiel Tennis-Geschichte schreiben. Wie Sie das Match kostenfrei sehen können.

London. Ein Sieg noch auf dem Heiligen Rasen. Noch einmal ein Tennis-Wunder gegen Serena Williams. Angelique Kerber strebt mit dem ersten Wimbledon-Triumph einer Deutschen seit 20 Jahren ihre ganz persönliche Krönung an. Und das an dem Ort im Südwesten Londons, der wohl für immer am intensivsten mit den goldenen deutschen Tennis-Zeiten von Boris Becker oder Steffi Graf verbunden bleiben wird. „Wimbledon ist etwas ganz Besonderes“, sagte die neue deutsche Tennis-Queen. „Ich will das auch genießen.“

Am Sonnabend (15 Uhr/Sky) betritt Kerber ein letztes Mal in diesem Sommer die ruhmreichste Bühne, die ihre Sportart zu bieten hat. Zum zweiten Mal in diesem Jahr greift die Kielerin nach einer Grand-Slam-Trophäe, wieder heißt ihre Gegnerin Serena Williams. Sie hat es schon einmal gegen die oft schier übermächtig auftretende Amerikanerin geschafft.

Es war am 30. Januar, als Kerber in Melbourne sensationell die Australian Open gewann und sich als erste Deutsche seit Steffi Graf 1999 den Titel bei einem der vier bedeutendsten Turniere sicherte. „Ich werde rausgehen wie in Australien und versuchen, ihr zu zeigen, Ok, hier bin ich, ich will das Match auch gewinnen“, sagte Kerber.

„Serena auf Rasen Extraklasse“

Die deutschen Tennisfans werden mitfiebern. Sie soll die Sehnsucht nach der ersten Wimbledon-Siegerin seit Steffi Graf 1996 stillen. Fernsehbilder des Auftritts wird es in der Heimat nur auf Sky geben.

Erstmals darf die Linkshänderin am finalen Tag in Wimbledon noch raus auf den Platz. Serena Williams, deren Schwester Venus Kerber im Halbfinale besiegte, kennt die Atmosphäre viel genauer. Sechsmal hat sie bei dem Rasenturnier schon triumphiert, zweimal das Endspiel verloren. „Serena ist eine der Größten, die es je gab und auf Rasen noch mal eine Extraklasse. Wenn eine Serena ihr bestes Tennis spielt, ist fast nichts zu machen“, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner.

Williams, seit 177 Wochen durchgängig die Nummer eins der Damen-Welt, fehlt ein lang ersehnter Sieg, um im Tennis-Olymp weiter nach oben zu klettern. Seit dem vergangenen Jahr jagt sie den Grand-Slam-Rekord von 22 Titeln, der bisher Steffi Graf einzigartig macht.

Kerber in Wimbledon makellos

Auch wegen der Historie müssen sich beide – Williams und Kerber – die Fragen und Vergleiche mit der deutschen Tennis-Ikone immer wieder anhören. Für die Schleswig-Holsteinerin war am Tag vor dem Endspiel eine Pressekonferenz angesetzt. Ihre Rivalin war davon befreit.

Die 34-Jährige stand ausführlicher Rede und Antwort, nachdem sie die Russin Jelena Wesnina in nur 48 Minuten im Halbfinale gedemütigt hatte. „Wenn sie in ihrer Komfortzone steht, schlägt sie alle 6:1 und 6:1“, sagte Kerber. Es ist aber die Norddeutsche, die in ihren sechs Matches bislang keinen Satz verloren hat.

„Angelique Kerber bekommt ein bisschen den Ruf als Spaßbremse, zumindest was die Williams-Familie betrifft“, schrieb „The Guardian“, nachdem sie den fünften Sister Act im Wimbledon-Finale verhindert hatte. „The Daily Telegraph“ erinnerte an Kerbers „Schock-Sieg“ in Melbourne.

Kerber erhält Tipps von Steffi Graf

So nah dran ist Deutschlands derzeit beste Tennisspielerin an einem Kindheitstraum. So nah dran am zweiten Grand-Slam-Titel ihrer Karriere. Als kleines Mädchen wünschte sie sich, wie Steffi Graf bei den großen Turnieren anzutreten, die goldenen Pokale oder den überdimensionalen Silberteller wie in Wimbledon auch einmal in den Händen zu halten. „Ich weiß noch, wie ich Wimbledon im Fernsehen geschaut habe“, sagte Kerber. „Dass alle in Weiß gespielt haben, das wurde auch von außen immer als etwas Besonderes wahrgenommen.“

Steffi Graf bleibt ihr Vorbild, ist aber auch ein gelegentlicher Ansprechpartner. Im gemeinsamen Training hat die Wahl-Amerikanerin ihrer Nachfolgerin in schwierigen Phasen Mut zugesprochen, an sich und ihr Spiel zu glauben. Denn Kerber ist eine, die trotz ihrer neun Turniersiege immer wieder mal an sich selbst zweifelt.

„Man kann sie auch manchmal an die Wand klatschen, liebevoll“, sagte Rittner, „weil sie dann bockig ist oder stur ist oder Zweifel anbringt, wo sie nicht angebracht sind.“ Am Samstag will Deutschlands Tennis-Liebling mit Selbstbewusstsein rausgehen. Kerber will diesen Wimbledon-Titel. Und sie lacht, wenn sie daran denkt, dass sie anschließend „vielleicht fünf bis sechs Stunden“ am Telefon hängt. Hoffentlich um Glückwünsche entgegenzunehmen.