Kickboxen

„Gegen den Krebs gibt es keinen Rückkampf“

Klaus-Peter Dieckmann (r.), im Albertinen-Krankenhaus Spezialist für Hodenkrebserkrankungen, half Boxweltmeister Dima Weimar während der Chemotherapie, mit den Folgen der giftigen Medikamente umzugehen. Der Mediziner bewundert den Leistungssportler für dessen unbändigen Kampfgeist

Klaus-Peter Dieckmann (r.), im Albertinen-Krankenhaus Spezialist für Hodenkrebserkrankungen, half Boxweltmeister Dima Weimar während der Chemotherapie, mit den Folgen der giftigen Medikamente umzugehen. Der Mediziner bewundert den Leistungssportler für dessen unbändigen Kampfgeist

Foto: Roland Magunia

Der Hamburger Kickboxer Dima Weimer erhielt im Juni die Diagnose Hodenkrebs. Wie er den härtesten Gegner seines Lebens besiegte.

Der Ort, an dem Dima Weimer kurzfristig sein Leben entgleitet, ist eigentlich als Oase der Ruhe vorgesehen. Mit blauen Polstern bezogene Sofas stehen dort, in einer vom Tageslicht durchfluteten Nische des Flurs. Patienten, die sich auf der Urologiestation des Albertinen-Krankenhauses in Schnelsen von den Folgen ihrer Operationen erholen, treffen sich dort mit Besuchern, wenn sie ungestört reden wollen. Blumen stehen auf dem Tisch, man soll sich wohlfühlen und dem Stress des Klinikalltags entfliehen können.

Als Dima Weimer am 15. Juni dort sitzt, hat er kein Interesse an Blumen oder guten Gesprächen. In seinem Kopf ist nur Platz für diesen einen Gedanken: Was, wenn es wirklich Krebs ist? Eine Woche zuvor hatten Ärzte belastetes Gewebe aus seinem linken Hoden entfernt, um es auf Tumorzellen zu untersuchen. Weimer, Kickboxweltmeister und Polizeikommissar, über den das Abendblatt mehrfach groß berichtete, hatte das böse Wort über Monate aus seinem Gedankenkosmos verdrängt, seit er im Januar durch Zufall eine Verhärtung ertastet hatte. Die ersten Untersuchungen beim Urologen wiesen auf eine Verkalkung hin. Und genau daran glaubt Weimer auch noch, als ihm Professor Klaus-Peter Dieckmann, am Albertinen-Krankenhaus Experte für Hodenkrebserkrankungen, im Februar zu einer Operation rät, um einen Tumorbefall ausschließen zu können.

„Von Krebs wollte ich wirklich nichts wissen. Ich bin 29 Jahre alt, ein junger, gesunder und fitter Leistungssportler. Was habe ich mit Krebs zu tun? Das war meine erste Reaktion“, erinnert er sich. Also schlägt er die Warnung des Professors in den Wind. Immerhin stehen im März und April zwei wichtige Kickboxkämpfe an, die er um jeden Preis der Welt bestreiten will. Dass der Preis sein Leben hätte sein können, das weiß der Russlanddeutsche, der als Neunjähriger mit den Eltern und der ein Jahr jüngeren Schwester Ina aus Usbekistan nach Hamburg kam, heute. Damals wusste er es nicht.

40 Minuten sitzt Dima Weimer auf dem Flur der Station und wartet auf die Ergebnisse der Gewebeproben. Eine Woche zuvor hatte er sich operieren lassen, nachdem er nach den beiden Kämpfen auch noch unbedingt seine Boxkurse in einem Robinson-Club in der Türkei geben musste. Dafür opfert er seinen Jahresurlaub, Müßiggang ist nichts für ihn. „Ich habe die Operation vor mir hergeschoben, auch weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es wirklich Krebs sein würde. Im Nach­hinein war es absolut unprofessionell und falscher Stolz, aber ich dachte, dass ich unbesiegbar bin“, sagt er.

Die eigene Verwundbarkeit, sie wird ihm an jenem 15. Juni zum ersten Mal auf brutale Weise bewusst. Die 40 Minuten Wartezeit kommen ihm vor wie Stunden, weil da ein Gefühl ist, das er bis dahin nicht kannte: Angst. Als Bereitschaftspolizist hat er bei Castor-Transporten oder Mai-Krawallen dem schwarzen Block gegenübergestanden, als Kickboxer im Ring übermächtigen Asiaten. Aber in diesem Krankenhaus spürt Dima Weimer zum ersten Mal Angst, und er weiß auch warum: „Ich bin ein absoluter Kontrollfreak. Doch das war ein Gegner, den ich nicht kon­trollieren, auf den ich mich nicht vorbereiten konnte. Ich wusste, dass es keinen Rückkampf geben würde, wenn ich diesen Kampf verliere. Und dann spürte ich, wie machtlos ich war.“

An die Minuten, in denen er aufgerufen wird, ins Ärztezimmer geht und dort die Diagnose erhält, die sein Leben verändern wird, kann er sich kaum noch erinnern. „Als der Doktor sagte, dass es Krebs ist, war es, als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen. Zum Glück saß ich, sonst wäre ich zusammengesackt. Was dann gesagt wurde, habe ich nicht mehr gehört oder wahrgenommen. Ich sah, wie der Arzt den Mund bewegte, aber es kam nicht in meinem Hirn an“, sagt er.

Die meisten Menschen denken im Moment einer Krebsdiagnose an den Tod; daran, dass sie Leid über ihre Familie, ihre Freunde bringen könnten. Dima Weimer fragte sich als Erstes, was aus seinem Sport werden würde. Er schämt sich heute fast dafür, andererseits ist er aber auch glücklich damit, zeigt es ihm doch, welchen Stellenwert das Kämpfen für ihn hat. Und wahrscheinlich muss man ihn verstehen, denn der Kampfsport war es, der ihm in Neuwiedenthal, wo er aufwuchs, den Weg von der Straße ins Leben wies. Er hatte schon früh gelernt zu kämpfen, aber der Sport gab diesem Kampf einen Rahmen, Regeln und Respekt. „Ohne den Sport wäre ich wahrscheinlich im Knast gelandet“, sagt er.

Sein Kampfgeist ist es, der die Angst nach der Diagnose auch schnell wieder verdrängt. Weimer, der sich immer schon sehr leistungssportgerecht ernährt und seinen Körper als sein wichtigstes Kapital angesehen hatte, beginnt im Internet über Behandlungsmöglichkeiten zu recherchieren. Er konsultiert Dutzende Ärzte, er geht als Anhänger alternativer Medizin zu Heilpraktikern und auch zu Wunderheilern. Aber bis auf Letztere raten ihm alle dazu, den Rat von Professor Dieckmann anzunehmen und eine Chemotherapie zu beginnen. Irgendwann ist auch die Ehefrau, die Angst vor der hochgiftigen Chemie hat, überzeugt. „Mit der Chemo hat man mir Heilungschancen von 99 Prozent zugesichert. Dazu konnte es keine Alternative geben“, sagt er.

Allerdings weiß er vor seiner Zustimmung noch nicht, dass es Komplikationen geben würde. Weil er die Operation wegen seiner Kämpfe zu lange aufgeschoben hatte, hatte der aus drei Unterarten bestehende Mischtumor in den Bauchraum gestreut. Statt eines Behandlungszyklus werden ihm drei auferlegt. Doch inzwischen hat Weimer längst wieder auf Wettkampfmodus geschaltet. „Ich habe von Anfang an gesagt, dass der Krebs mich nicht besiegen wird. Ich bin immer positiv an die Sache herangegangen und habe mir geschworen, das Ganze als negative Episode meines Lebens zu sehen, aus der ich das Positive ziehen will.“

Es ist diese Einstellung, die Professor Dieckmann am Patienten Weimer schätzt. „Er ist nicht depressiv geworden, sondern hat aktiv an seiner Heilung gearbeitet. Das machte es uns leichter. Man hat immer gespürt, dass er ein Kämpfer ist“, sagt der Mediziner. Das musste er auch sein, denn die Behandlung, die für Weimer am 20. Juli beginnt, hat es in sich. Ein Zyklus umfasst drei Wochen. In der ersten Woche bekommt der 1,78 Meter große Athlet fünf Tage am Stück seinen Medikamenten-Cocktail, bestehend aus drei verschiedenen Zytostatika mit Cis-Platin als Hauptwirkstoff. Dazu gibt es vor- und nachbereitende Tropflösungen. Von morgens 9 bis abends 20 Uhr fließen die Gifte intravenös in seinen Körper. Dasselbe wiederholt sich an Tag acht und 15, bis am 22. Tag der nächste Zyklus startet.

Weimer wird von Schluckauf gequält, der wie Chili in der Speiseröhre brennt

Um die Nebenwirkungen einzudämmen, gibt es noch Mittel gegen Übelkeit sowie Aufbaupräparate, in seltenen Fällen auch Beruhigungsmittel. Für einen, der eher auf den letzten Drücker zum Arzt geht und Schmerztabletten nur im äußersten Notfall einnimmt, eine absolute Qual. Umso erstaunlicher, dass sich die körperlichen Ausfallerscheinungen in Grenzen halten. In der dritten Woche des ersten Zyklus fallen ihm die Haare büschelweise aus. Die Reste rasiert er ab, der kahle Schädel passt nicht besonders zu seinem freundlichen Gesicht. Bleierne Müdigkeit und Appetitlosigkeit sind ständige Begleiter, das Essen, das ihm Ehefrau und Mutter täglich frisch liefern, bereitet kein Vergnügen. Am quälendsten ist jedoch der Schluckauf, der ihn jeden Abend bis zum Einschlafen so lang peinigt, bis die Speiseröhre brennt, als hätte man sie mit Chilischoten gereinigt.

Und trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, an jedem behandlungsfreien Tag Sport zu treiben, was dazu geführt hat, dass er trotz der Chemotherapie nicht krank aussieht. Er geht joggen, fährt Rad („50 Kilometer, ganz entspannt“) – und boxt dreimal die Woche. „Die Vollbelastung, die wir sonst in den letzten drei Runden gehen, habe ich aber nicht geschafft“, sagt er, fast klingt es entschuldigend. Professor Dieckmann schüttelt den Kopf bei diesen Worten. Bewegung sei zwar die beste Medizin, „dennoch muss man dem Körper auch die Chance geben, sich zu erholen. Das muss Dima lernen.“

Tatsächlich, das muss er lernen, und er ist auch gewillt, das zu tun. Zu lange hat er nicht gemerkt, dass der Leistungssport, den er als Ausgleich zum stressigen Polizistenalltag als unverzichtbar erachtet, auch Stress für seinen Körper bedeutete. „Ich habe mir einfach nie eine Pause gegönnt, es musste immer noch weitergehen. Jetzt hat sich mein Körper diese Pause selbst genommen, und das muss ich respektieren lernen“, sagt er.

Dima Weimer ist überzeugt davon, dass die Erkrankung ihn zu einem besseren Menschen gemacht hat. Er habe ein neues Körpergefühl gewonnen, höre mehr in sich hinein. Dadurch dass er die Kontrolle, die ihm immer so wichtig war, an fremde Menschen abgeben musste, habe er Entspannung gefunden. Und er hat seine Ernährung umgestellt. Das viele Eiweiß, das seine Muskeln brauchten, hat er reduziert, weil es ihn übersäuert hat. Er versucht sich basischer zu ernähren, isst viel Obst und Gemüse, sogar bisweilen Kohlenhydrate, die früher verpönt waren.

Und er hat angefangen, seine Erlebnisse in Worte zu fassen. Inspiriert durch die Biografie des Radsport-Exzentrikers Lance Armstrong, der selbst eine schwere Form des Hodenkrebses überstand, und die er schon zweimal gelesen hat, schreibt Weimer ein Buch über sein Leben. „Das ist seit vielen Jahren erstmals etwas, was ich ohne Leistungsdruck tue, und ich spüre, wie es meinen Kopf befreit und mich über Stunden entspannt“, sagt er.

Am 14. September war Dima Weimer zum vorerst letzten Mal auf Station A3 im Albertinen-Krankenhaus. Der dritte Zyklus ist beendet, eine Abschlussuntersuchung muss nun klären, ob die Metastasen im Bauch verschwunden sind. Falls nicht, wird eine weitere Operation nötig, um die befallenen Lymphknoten zu entfernen. „Wie auch immer es kommt: Seine Chancen, wieder gesund zu werden, stehen bei 99 Prozent, und er wird auch wieder ohne Einschränkungen Hochleistungssport betreiben können“, sagt Dieckmann.

Er will Männer aufrütteln, Hodenkrebs ernster zu nehmen, als er es tat

Genau das ist das Ziel, das sich der ehrgeizige Kämpfer gesetzt hat. Er freut sich auch schon wieder auf die Arbeit in der Wache Wilhelmsburg, er vermisst die Kollegen. Einige hatte er in seine Erkrankung eingeweiht, ansonsten wissen es bislang nur die engsten Freunde. Wer ihn mit Glatze sah, dem erzählte er, dass er eine Wette verloren habe. „Ich will einfach nicht, dass man mich bemitleidet. Mit der Opferrolle komme ich nicht klar. Außerdem brauchte ich Ruhe für die Chemo“, sagt er. Nun allerdings, da sie beendet ist, will er aufklären, aufrütteln, damit junge, testosterongeladene Männer wie er Hodenkrebs ernst nehmen. Ernster, als er es tat.

Vor allem aber freut sich Dima Weimer auf sein Comeback. Am 31. Oktober steigt er in Hamburg, seiner Heimatstadt, vor seinen Fans im Dima-Sportcenter in Lohbrügge als Profi­boxer in den Ring. „Im Kickboxen habe ich alles erreicht. Im Profiboxen fange ich als ein Niemand an, aber warum sollte mich das nach den vergangenen Monaten schocken?“, fragt er. Seine Familie, die anfangs hoffte, dass der Krebs ihn zum Aufhören zwingen würde, unterstützt ihn dabei, weil sie weiß, dass er diesen Antrieb braucht, um zu funktionieren. Um er selbst zu bleiben. „Ich weiß, dass es unvernünftig ist. Aber das harte Training gibt mir das Gefühl, lebendig zu sein“, sagt er.

Leistungssportler, die von einer schweren Erkrankung niedergeworfen werden, sagen diesen Satz oft: Dass es keinen Kampf gibt, der härter ist als der um das eigene Leben. Dima Weimer weiß jetzt, dass er stimmt.