Hockey

Verbandsspitze einig: Deutsches Hockey braucht Strukturreform

Die deutschen Hockeydamen haben das WM-Halbfinale verpasst, den Herren droht dies ebenfalls. Verbandsspitze und Bundestrainer sind deshalb einig darüber, dass Veränderungen nötig sind.

Den Haag Es gibt ja diesen Spruch, den Holländer nutzen, wenn es in großen Turnieren gegen die Deutschen geht. „Deutsche Sportler sind erst besiegt, wenn sie im Bus in die Heimat sitzen“, heißt es. Das mag stimmen, die Chancen auf eine Halbfinalteilnahme der deutschen Hockeyherren bei der WM in den Niederlanden sind jedoch nur noch marginal, und die deutschen Damen haben das Semifinale bereits verpasst. Unabhängig vom endgültigen Abschneiden hat die Verbandsspitze mit der Aufarbeitung des Turniers längst begonnen.

„Jeder sieht, dass beide Teams nicht richtig im Turnier angekommen sind, weil wir in der Vorbereitung nicht die Zeit hatten, um sie optimal einzustellen. Es ist eingetreten, was wir befürchtet hatten: dass uns der frühe WM-Termin große Schwierigkeiten bereitet“, gibt DHB-Sportdirektor Heino Knuf offen zu. Während bei den Herren Verletzungen und Krankheiten sowie berufliche Beanspruchung wichtiger Leistungsträger die Vorbereitung negativ beeinflussten, ist bei den Damen deutlich zu sehen, dass ihnen Wettkampfhärte fehlt, die man nur im regelmäßigen Vergleich mit den Topnationen bekommen kann. Das Problem: Es fehlen vor allem Zeit und auch etwas Geld, um diese Vergleiche auszutragen.

Die leitenden DHB-Funktionäre sind sich mit den Bundestrainern Markus Weise (Herren) und Jamilon Mülders einig darüber, dass einige Grundübel an ihren Wurzeln gepackt werden müssen. DHB-Präsident Stephan Abel sieht drei Kernpunkte. „Erstens leisten wir uns als einzige Nation der Welt, mit Hallen- und Feldhockey zwei verschiedene Sportarten auf höchstem Niveau ausüben zu wollen. Zweitens müssen wir gemeinsam mit den Vereinen daran arbeiten, dass die Terminplanung für die Nationalspieler entlastet wird. Und drittens sind wir leider Sklaven des Weltverbands FIH, dessen Fokus nicht auf dem Sport und den Athleten liegt, sondern auf der kommerziellen Entwicklung möglichst vieler Turniere.“

Problem eins mag hausgemacht erscheinen, dennoch ist man beim DHB davon überzeugt, auf die Halle nicht verzichten zu wollen. „Die Ausbildung im taktischen und koordinativen Bereich, die unsere Spieler in der Halle genießen, ist ein wichtiger Baustein für die Erfolge im Feld“, sagt Knuf. Zwar könne man überlegen, im Erwachsenenbereich den Hallenspielbetrieb zu reduzieren, dennoch werde man an der Spielvariante unter dem Dach festhalten. Das könnte vor allem dann ein Pluspunkt werden, sollte das Internationale Olympische Komitee (IOC), das Hockey nach den Spielen von London auf der Streichliste hatte und nur knapp den Vorzug vor dem Ringen gab, entscheiden, bei Olympia auf die Spielvariante Hockey 5 (vier Feldspieler plus Torwart) zu setzen. Der Weltverband hatte diese eingeführt, um auch mitgliederschwachen Verbänden einen geregelten Spielbetrieb ermöglichen, die Zahl seiner Mitgliedsverbände von derzeit rund 130 erhöhen und so das IOC vom Stellenwert des Hockeys überzeugen zu können.

Problem zwei ist viel schwerwiegender. Um die Leistungsdichte zu verbessern und um Zeitkorridore für Nationalmannschafts-Lehrgänge freizuschlagen, regt Damen-Chefcoach Mülders eine Reduzierung der Bundesliga von zwölf auf acht Vereine und eine Komprimierung der Hallensaison, die derzeit in vier Regionalstaffeln á sechs Teams ausgetragen wird, an. Dem allerdings müssten auf dem Bundestag 2015 die Vereinsvertreter zustimmen, und die schauen traditionell nicht auf das große Ganze, sondern zunächst auf ihre Sorgen.

Sie brauchen die Nationalspieler, um wahrgenommen zu werden, und sie brauchen viele Spiele, um sich finanzieren zu können. Die Lösung könnte eine Rückkehr zu Regionalstaffeln sein, aus denen sich die Besten schnell zu einem Achterfeld zusammenfinden. Die Leistungsdichte würde steigen, der Terminkalender entzerrt. „Es wäre perfekt, wenn wir im September und Oktober und von April bis Juni Feldhockey, im Januar und Februar in der Halle spielen und den Rest für die Nationalteams freihalten würden“, sagt Mülders.

Diese Rechnung berücksichtigt allerdings Problem drei nicht ausreichend. Der Weltverband, der auf Hallenhockey überhaupt keine Rücksicht nimmt, überrascht in fast jedem Jahr mit neuen Ideen. So wurde vor zwei Jahren die World League als Qualifikationsturnier für die Großereignisse WM und Olympia eingeführt, trotzdem gibt es weiterhin die EM und die Champions Trophy, die zwar massiv abgewertet wurden, dennoch aber nicht ausgelassen werden können, weil sie Punkte für die Weltrangliste bringen, die wiederum wichtig für die Einstufung zur World League ist. Und ein Verpassen der Olympischen Spiele kann sich der DHB nicht leisten, weil daran die Fördermittel des Bundesinnenministeriums gekoppelt sind. Das WM-Abschneiden hat dagegen kaum Einfluss auf die staatlichen Gelder.

Dazu kommen Gedankenspiele um die Einführung einer Vereins-WM, auf die die aufstrebende indische Profiliga drängt, deren Finanzkraft schon jetzt eine Reihe an Nationalspielern während der Hallensaison anlockt. Eine Damenliga ist in Indien ebenfalls in Planung. „Wenn das kommt, weiß ich wirklich nicht mehr, wann wir noch Lehrgänge abhalten sollen“, sagt Mülders.

Im kommenden Jahr müssen sich die deutschen Teams Anfang Juni bei der World League für Rio 2016 qualifizieren und im August die EM in England spielen. Das Bundesligafinale soll deshalb auf Anfang Juli und damit zwischen zwei Nationalmannschafts-Höhepunkte verlegt werden. Wie viele solcher Kompromisse man den Vereinen und vor allem den Auswahlspielern zumuten kann, ist ungewiss. „Im Zweifel müssen die Clubs auch mal auf ihre Nationalspieler verzichten“, sagt Abel. Für Begeisterung dürfte das kaum sorgen. Deshalb legt die Verbandsspitze auch Wert auf die Feststellung, dass man nichts ohne die Zustimmung der Clubs verändern werde. „Die Vereine sind unser Souverän. Wir müssen in einer gemeinsamen Aktion dafür sorgen, dass wir unsere Struktur zum Wohle aller verändern. Aber alle müssen auch verstehen, dass wir uns nur in den Erfolgen unserer Aushängeschilder sonnen können, wenn wir ihnen die Grundlagen dafür ermöglichen“, sagt Abel.

Sportdirektor Knuf ist deshalb bei aller Enttäuschung über das wahrscheinliche Verpassen des Halbfinales nicht allzu böse darüber, dass die Defizite offen zutage getreten sind. „Es ist ganz deutlich, dass das ganze System überfrachtet ist“, sagt er. „Ich hoffe, dass ein Warnschuss reicht, damit alle aufwachen.“ Wenn nicht, werde der Rückstand in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr aufzuholen sein. „Und das hat dann Konsequenzen für das gesamte deutsche Hockey.“