Zurückgekehrt

Michael Stich: Siegesfeier im Swimmingpool

Hamburger Sportstars an den Stätten großer Momente: Michael Stich, Turnierdirektor des Tennis-Events am Rothenbaum, erinnert sich an seinen Triumph in Hamburg vor 20 Jahren.

Hamburg. Viele Male ist er achtlos vorbeigelaufen an seinem Porträt, das im Umlauf hinter der Osttribüne des Centre-Courts am Rothenbaum die Siegergalerie schmückt. Als Turnierdirektor der traditionsreichsten deutschen Tennisveranstaltung, die von diesem Sonnabend an ihre 107. Auflage erlebt, ist Michael Stich seit 2009 für Wohl und Wehe seines Lieblingsturniers verantwortlich. Zeit für Sentimentalitäten bleibt da selten. Doch an diesem nasskalten Vormittag hat der 44 Jahre alte Wimbledonsieger von 1991 nicht nur die Zeit, die Zeichnung zu betrachten, sondern sogar die Pflicht, denn er ist zurückgekehrt an die Stätte seines emotionalsten Triumphes und soll sich erinnern an den 9. Mai 1993. Den Tag vor mehr als 20 Jahren, an dem zum bislang letzten Mal ein deutscher Profi in Hamburg triumphieren konnte.

Michael Detlef Stich, aufgewachsen in Elmshorn, ist kein Mensch, der sich an Vergangenes klammert. Die einzige greifbare Erinnerung, die ihm von damals geblieben ist, ist ein Schläger seines Ausrüsters Fischer mit der Seriennummer MS 369, der zwar nicht vom Finale, aber immerhin aus der Zeit stammt. Sogar den Siegerpokal hat Stich weggegeben, er steht im Arbeitszimmer seines Vaters. Er selbst bewahrt in seinem eigenen Arbeitszimmer nur die Pokale aus Wimbledon, wo er 1991 den Titel gewann, vom Daviscupsieg 1993 und der ATP-WM im selben Jahr auf. Aber die Bilder in seinem Kopf, die sind noch da, verschwommen zwar in manchen Details, aber dennoch lebhaft und bunt.

„Ich erinnere mich, dass ich als der klare Favorit ins Finale gegangen bin. Ich hatte im Viertelfinale erstmals in meiner Karriere Ivan Lendl besiegt, und das deutlich in zwei Sätzen, und im Halbfinale hauchdünn in drei Sätzen Emilio Sanchez geschlagen“, sagt er. Sein Finalgegner war der Russe Andrej Tschesnokow; Weltranglisten-72. und ein Spieler, den damals nur Tennis-Insider wirklich einzuschätzen wussten. „Ich habe sehr ungern gegen ihn gespielt, weil er ein exzellenter Konterspieler war, und ich hatte in einigen Spielen zuvor nie einen Weg gefunden, ihn wirklich zu beherrschen“, erinnert sich Stich.

Die Möglichkeit jedoch, ein Jahr nach der bitteren Finalniederlage gegen den Schweden Stefan Edberg erneut um den Rothenbaum-Titel kämpfen zu können, elektrisierte den damals 24-Jährigen. „Ich hatte mir zu Beginn meiner Karriere eine Liste mit Zielen gemacht, auf der ich alles Erreichte abhakte. Anfangs stand da drauf, dass ich am Rothenbaum mal in der Qualifikation starten wollte. Nach meinem Wimbledonsieg war ein Sieg in Hamburg mein höchstes Ziel“, sagt er. Mit dem Wissen, dass Stich als Jugendlicher durch die Zäune schlüpfte, um am Rothenbaum seine Idole spielen zu sehen, wird das Ausmaß der Gefühle klar, die den deutschen Ausnahmespieler bei Auftritten in seiner Heimatstadt durchschüttelten.

„Bis heute versuche ich, den aktuellen Spielern klarzumachen, wie wichtig die Heimturniere für sie sein sollten“, sagt er. Wie wichtig Hamburg für ihn war, spürte Stich, der während des Turniers stets im kleinen Hotel Garden in der Magdalenenstraße nächtigte, als er sich am Finalsonntag mit seinem Coach Mark Lewis warmschlug – wie gewohnt auf Kleinfeld. „Ich sah, wie nach und nach immer mehr Menschen auf die Anlage strömten. Das Wissen, dass die alle wegen mir kamen, hat mich schon gehörig unter Druck gesetzt, aber mich auch unglaublich motiviert. Den größten Druck habe ich mir sowieso selbst gemacht“, sagt er.

An die Minuten vor dem Match hat Stich keine Erinnerungen mehr. Glücksbringer waren seine Sache nie, die einzige Marotte, die er hatte, war die, auf dem Platz zwischen den Ballwechseln die Linien nicht zu betreten. Die Atmosphäre auf dem damals noch nicht durch ein Dach geschützten Centre-Court empfand er als zwiespältig. „Die Leute waren euphorisch, wenn es gut lief, und unzufrieden, wenn mir Fehler unterliefen“, sagt er.

Stich spielte nicht sein bestes Tennis, er durchlebte eine Achterbahnfahrt nicht nur der Gefühle, sondern auch aus sportlicher Sicht. 6:3 gewann er den ersten, 6:7 verlor er den zweiten Satz. Doch nach dem Tiebreak des dritten Durchgangs, den er trotz 1:5- und 3:6-Rückstands noch 9:7 gewann, stellte sich erstmals die Gewissheit ein, Tschesnokow packen zu können.

Als nach 3:12 Stunden der Matchball zum 6:4 im vierten Satz verwandelt war, fiel die ganze Last, die Stich auf seinen Schultern gefühlt hatte, von ihm ab. „An die ersten Gedanken erinnere ich mich nicht, aber ich bin erst einmal in meine Box gerannt, wo mein Trainer und meine damalige Frau saßen, anstatt am Netz Tschesnokow die Hand zu geben“, sagt er. Sein Gegner verzieh ihm dies spätestens, als er die Tränen sah, die Stich bei seiner Ansprache ans Publikum vergoss. „Da hat man gespürt, wie wichtig ihm dieser Sieg war“, sagte der Russe damals.

Stich mag die Bilder dieser Rede bis heute nicht anschauen, sie sind ihm ein wenig peinlich, „weil ich keinen Satz ohne brechende Stimme herausgebracht habe“. Seiner Tränen schämt er sich allerdings nicht. „Im Rückblick stufe ich meinen Sieg am Rothenbaum als den emotionalsten Moment meiner Karriere ein, noch emotionaler, als es der Wimbledonsieg war“, sagt er. Für die Ansprache hatte er sich keine Worte zurechtgelegt, er war schon damals ein freier Redner. „Und bei den vielen Dingen, die einem da innerhalb von Sekunden durch den Kopf schießen, wäre jede Vorbereitung sinnlos“, sagt er.

Sein Preisgeld, rund 336.000 D-Mark, hat er aufs Konto eingezahlt; ganz so, wie es ihm sein kaufmännisch geprägter Vater beigebracht hatte. Nur ein einziges Mal, nach seinem Finaleinzug bei den French Open 1996, hat er sich von einem Preisgeld eine teure Uhr gegönnt, an der er zuvor jeden Tag vorbeigelaufen war. Zusätzlich zum Scheck gab es ein Mountainbike („Das hat fast 20 Jahre gehalten“) und ein Mobiltelefon von Hauptsponsor Panasonic.

Ob es ein Zeichen für eine ausschweifende Partynacht ist, dass Stich sich an die Feierlichkeiten nach dem Sieg nicht mehr erinnert? „Ich weiß nur, dass mein Coach und ich in den nicht beheizten Swimmingpool des Clubs an der Alster gesprungen sind“, sagt er. Natürlich nicht, ohne vorher die Schuhe auszuziehen. Auch im Überschwang der Gefühle ist Stich nie ein Durchdreher gewesen. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass es keine ausschweifende Partynacht – und dementsprechend nichts zu erinnern – gab.

Nach seinem Karriereende hat Michael Stich manches Mal damit gehadert, dass er besondere Momente seiner Laufbahn nicht genüsslicher ausgekostet hat. Und in den vergangenen Jahren hat er sich mehrfach gewünscht, dass endlich sein deutscher Nachfolger für die Siegergalerie gefunden wird. Am liebsten wäre ihm ein Hamburger Sieger, einer, der vielleicht nachempfinden könnte, was ihn damals bewegte. Als Turnierdirektor auf der anderen Seite zu stehen und den Triumph zu erleben wäre ein perfekter Abschluss eines Kapitels der Rothenbaum-Geschichte, das viel mehr verdient als achtloses Vorbeilaufen.