Nicht mehr olympisch

Ringer-Bundestrainer: „Das ist ein Desaster, unglaublich“

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IOC streicht Ringen aus dem Olympiaprogramm. In Hamburg sinkt die Zahl der Sportler seit 1990 rapide. Iran und Russland protestieren.

Hamburg. "Das Herz" sei ihm "stehen geblieben", als er am Nachmittag die Nachricht hörte. Klaus Kolodzick, 73, war über Jahrzehnte der wichtigste Funktionär im Ringersport in Hamburg. Als Vorsitzender des Verbandes ebenso wie als Vorsitzender des ältesten deutschen Ringervereins, des SC Roland. Natürlich war er fassungslos, als er vom Aus seines Sports bei Olympischen Spielen erfuhr: "Es ist ein Trauerspiel, Ringen ist eine der ältesten Sportarten der Welt, wahrscheinlich sogar die älteste."

Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat die klassische Sportart am Dienstag überraschend aus dem Programm für die Sommerspiele 2020 gestrichen und damit die Ringerszene in einen Schockzustand versetzt. Der seit der Antike bei Olympia vertretenen Sportart droht ohne die bisherigen IOC-Mittel in Höhe von 8,36 Millionen Euro pro Olympiazyklus der Untergang.

"Das ist fatal für uns", sagte Manfred Werner, Präsident des Deutschen Ringer-Bundes (DRB): "Es hat keinerlei Vorzeichen vonseiten des Weltverbandes gegeben." Bundestrainer Michael Carl erklärte: "Welche langfristigen Auswirkungen das haben wird, kann man noch gar nicht absehen."

Carls Bundestrainerkollege Maik Bullmann kommentierte: "Das ist ein Desaster, unglaublich." Der Goldbacher war 1992 in Barcelona der letzte von insgesamt acht deutschen Olympiasiegern. Carl Schumann (Berlin) hatte bei den ersten Spielen der Neuzeit 1896 in Athen die erste Goldmedaille gewonnen. Namen wie Wilfried Dietrich, "der Kran von Schifferstadt", Adolf Seger und Pasquale Passarelli ("die Brücke von Los Angeles") waren bekannte Größen im deutschen Sport. Vorbei. Olympiasieger Passarelli erklärte: "Ich hätte nie gedacht, dass das so schnell geht. Ich dachte, die Sportart kann sich noch erholen."

312 aktive Ringer waren Anfang dieses Jahres bei sechs Vereinen in Hamburg registriert, 1990 waren es noch 773. Auch deutschlandweit geht es bergab: 65.563 Ringer gab es zu Jahresbeginn, vor zehn Jahren waren es noch 72.329. Das sind immer noch mehr als die 27.000 Eishockeyspieler. Aber: "Ringen ist nicht telegen", vermutet Kolodzick. "Noch kenne ich die Begründung des IOC nicht, aber am Ende hängt doch alles mit dem Geld zusammen."

Ringen wird nun 2016 in Rio de Janeiro zum vorerst letzten Mal bei Sommerspielen auf dem Programm stehen, nachdem es in Lausanne im vierten Wahlgang acht Stimmen gegen den Kampfsport gab. Seit den ersten Spielen der Neuzeit im Jahr 1896 gehörte die Sportart ohne Unterbrechung dazu. Auch im antiken Olympia waren die Ringer stets dabei.

Eine kleine Chance auf den Verbleib im Programm besteht aber noch: Zusammen mit den Neuaufnahme-Kandidaten Baseball/Softball, Sportklettern, Karate, Rollersport, Squash, Wakeboard und Wushu steht Ringen Ende Mai bei der Exekutiv-Sitzung in St. Petersburg/Russland noch einmal auf dem Prüfstand. Doch ein Kommando zurück gilt angesichts des Dranges des IOC zur Modernisierung als unwahrscheinlich. "Die Welt ändert sich", räumt Kolodzick ein und meint: "Der harte Rangkampfsport passt vielleicht nicht mehr in die Zeit."

Iran und Russland protestieren gegen Olympia-Aus


Die Ringernation Russland hat unterdessen gegen ein Olympia-Aus für die Traditionssportart ab 2020 protestiert und sieht Chancen für einen Erhalt der Disziplin. Sportminister Witali Mutko forderte in Moskau eine Erklärung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Die Entscheidung der IOC-Exekutive sei „unverständlich“. Er hoffe, dass am Ende die „Vernunft“ siege und Ringen den Status behalte.

Als „absurd“ kritisierte der Präsident der Kampfsport-Vereinigung Russlands FSBR, Michail Mamiaschwili, die Pläne. Moskauer Sportfunktionäre meinten, dass es Chancen gebe, bei der IOC-Vollversammlung im September in Buenos Aires ein Ende der olympischen Disziplin zu verhindern.

„Für Russland war Ringen eine der wichtigsten Quellen seines sportlichen Nationalstolzes seit Sowjetzeiten“, schrieb die Zeitung „Kommersant“. Zuletzt sei Russland bei den Olympischen Sommerspielen in London voriges Jahr beste Mannschaft geworden. Unter den elf Medaillen hätten die Russen viermal Gold geholt.

Auch andere Ex-Sowjetrepubliken wie Aserbaidschan, Georgien und Kasachstan fürchten um den Status. Vor einen „historischen Fehler“ warnte der aserbaidschanische Olympiasieger Farid Mansurow in dem Internetportal azerisport.com.

Auch der Iran will gegen das wahrscheinliche Olympia-Aus für die Ringer ab 2020 Protest einlegen. „Diese Entscheidung der IOC-Exekutive ist zweifellos ein großer Verlust für den Sport im Iran, und wir werden daher dagegen protestieren“, sagte Mohammad Ali-Abadi, Präsident des iranischen Olympischen Komitees, der Nachrichtenagentur Mehr am Mittwoch. Ringen ist nach Fußball die populärste Sportart im Iran und neben Gewichtheben ein Garant für olympische Medaillen.

Die IOC-Exekutive hatte am Dienstag in Lausanne die Empfehlung beschlossen, Ringen den Olympia-Status abzuerkennen. Die Entscheidung muss von der IOC-Vollversammlung im September in Buenos Aires noch bestätigt werden. Dieser Schritt gilt als reine Formalie.

( (HA/sid) )

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