Boxen

Ina Menzer - die „schnelle Feder” greift noch einmal an

| Lesedauer: 30 Minuten
E. F. Kaeding

Dreifach-Weltmeisterin, Modelmaße, ungeschlagener Champion, dann Verlust aller Titel. Nun Wiederaufstieg? Ina Menzer boxt am Freitag in Hamburg.

Am Fuße eines Hügels, etwa 16 Kilometer außerhalb Hamburgs, steht eine alte, mit grüner Farbe angestrichene Halle. Bevor man in die Einfahrt zur Halle einbiegt, führt der Weg vorbei an einer lokalen Edeka-Tankstelle und einer Autowerkstatt, auf dessen Grundstück ein verbeulter Chrysler-Coupe aus den frühen 1990ern gammelt. Hier her ist der einst größte Boxstall Europas, die Universum Box Promotion, gezogen, nachdem es vor zwei Jahren misslang die lukrativen Fernsehverträge mit dem ZDF zu verlängern.

Viele gute Boxer haben die Firma seitdem verlassen. Ina Menzer ist geblieben. Als ungeschlagener Dreifach-Champion dominierte sie sechs Jahre lang in unvergleichlicher Art das internationale Federgewicht. Dann verliert sie plötzlich gegen eine technisch-zweitklassige Gegnerin alle drei Weltmeistergürtel. Die Niederlage kam für alle Beteiligten überraschend. Heute, zwei Jahre danach, steht Menzer wieder im Gym. Sie arbeitet für den 12. Oktober, für den Tag ihres Comebacks, für den Tag, an dem sie endlich wieder um einen Titel kämpfen wird. Dies ist die Geschichte des Boxers Ina Menzer. Ihr Aufstieg, ihr Fall. Eine Geschichte über das Gewinnen und das Verlieren, in dessen Mitte ihre erste Profiniederlage vom 3. Juli 2010 steht.

Es heißt, niemand wird als Boxer geboren. Aber es gibt zweifellos Beigaben, die einen Athleten im Ring herausragen lassen. Die so genannte Kampfmoral ist eines dieser Attribute. Es ist keine theologisch übergeordnete Moralvorgabe, oder vom Trainer in tausend Trainingsrunden eingedrillt. Es ist das „Herz“ des Boxers, das, was ihn weiter draufhauen lässt, wenn seine Lunge längst brennt wie Feuer, die Beine nachgeben, wenn die Fäuste sich anfühlen wie Betonklötze und die Arme wie verkochte Spaghetti.

Mike Tyson motivierte die lebensfeindliche Aggression der Straße während das arme italiensche Immigrantenkind, Rocky „Der Dollar ist sein Gott“ Marciano, nur einen Weg zur materiellen Erlösung kannte: Arbeit; austeilen, einstecken und immer weitermachen. Der Grund weshalb Ina Menzer in den Ring steigt, erklärte sie einst so: „Weil ich nicht vermöbelt werden will.“

Wenn Menzer von sich und ihren Kämpfen erzählt, und man ihr dabei in das schmales Gesicht schaut, dann glaubt man einer Figur aus der russischen Literatur gegenüber zu sitzen. Nicht einem Boxer, der sein Geld damit verdient, anderen ins Gesicht zu schlagen und selbst Schläge einzustecken. Es ist nicht das rollende R, das ihren Wörtern noch immer eine energische osteuropäische Härte verleiht. Sie spricht gewählt, überlegt, was und wie sie etwas sagt. Es ist diese aristokratische Kühle, die dabei von ihren hohen Wangenknochen und dem milchweißen Farbton ihrer Haut ausstrahlt, die sich nur dann erwärmt, wenn ein lautes, kehliges Lachen durch ihren Körper nach außen vibriert. Dann leuchten ihre Augen, die braunen Haare fallen in den Nacken, und die vier Zentimeter lange Narbe scheint hervor. Dieser helle Strich, der wie ein Schatten über ihrer rechten Augenbraue liegt; Ein Cut, der nicht von dem verlorenen Kampf vor zwei Jahren gegen die Kanadierin Jeannine Garside stammt, und der doch etwas mit ihrer Niederlage zu tun haben soll.

Die Porsche Arena in Stuttgart am 3. Juli 2010— Für die damals 29-jährige Menzer beginnt dieser Abend wie jeder andere auch. In der Großraumhalle sitzen über 4000 Menschen auf den Rängen und warten auf sie, die Dreifach-Weltmeisterin, den Champion, warten auf einen weiteren Sieg der „Schnellen Feder“. Den siebenundzwanzigsten Sieg im 27. Kampf. Vor den Fernsehern der Republik verfolgt ein Millionenpublikum die Berichterstattung der ZDF „Universum Fight Night“, nach dem Abtritt der ersten großen Boxerin Regina Halmich drei Jahre zuvor haben Menzers Erfolge das Frauenboxen wieder zurück zum Quotenhit geführt.

Weitab von den Erwartungen und den TV-Lichtern steht Menzer in ihrer Kabine und lässt sich die roten Fausthandschuhe überstülpen, den linken wie immer zuerst. Sie lockert die Arme, wirft sie ein paar rechte Gerade in die auf Kopfhöhe gehaltenen Pratzen ihres Trainers. In der Ecke sitzt ihr Ehemann und erzählt Witze. Die Stimmung ist gut. Menzer hat die Gegnerin selbst ausgewählt. Jeannine Garside ist zwei Jahre älter als Menzer, sie hat gerade einmal 13 Kämpfe absolviert und davon bereits dreimal verloren. Sie gilt als Schlägerin, nicht als Boxerin. Menzer fühlt sich siegessicher, die Experten sind überzeugt. Es ist kurz vor 23 Uhr. In etwa fünfzig Minuten wird Menzers Kopf nach hinten wegknicken, abrupt, so als hätte sie jemand aus einem Zug gestoßen. Das offene Haar wird Menzer ins schweißverklebte Gesicht peitschen, sie wird sich an den Körper ihrer nordamerikanischen Widersacherin klammern wie an eine lebensrettende Boje, und mit offenem Mund nach Luft japsen.

Ihren ersten Knockout erzielte Menzer als sie dreizehn Jahre war. Gegen eine Mädchengang auf dem Heimweg von der Schule. Das war 1993. Da lebte sie bereits seit drei Jahren in Deutschland und wusste mit Provokationen umzugehen. Atbasar, die Stadt in der sie 1980 zur Welt kommt liegt in Kasachstan. Ihre Eltern sind Wolgadeutsche. Ina Menzer fühlt sich als Deutsche und in der Unionsrepublik der Sowjetunion ist sie die Deutsche. Die Familie lebt mit dem Stigma des Faschismus und muss Anfeindungen über sich ergehen lassen. Als der Eiserne Vorhang 1990 zusammenbricht, zieht es die Menzers zusammen mit Hunderttausenden anderen Wolgadeutschen nach Deutschland. Die neue Alte Heimat verspricht sozialen Aufstieg und wirtschaftliche Stabilität.

Die offizielle Bezeichnung der Neuankömmlinge ist Spätaussiedler, aber wer mit der Amtssprache nichts anfangen kann oder will, nennt sie Russlanddeutsche oder einfach nur Russen. Der Großteil von ihnen wird in Notunterkünften untergebracht, in Lager am Rande der Gesellschaft. Die Menzers wohnen zusammen mit anderen Familien in einem zweistöckigen Haus, auf jeder Etage gibt es acht Zimmer, in Neuss, in der Nähe von Mönchengladbach. Sie haben nicht viel Geld, kein Auto, aber sie versuchen sich zu integrieren. Ina und ihre beiden Zwillingsbrüder gehen zur Schule, lernen die deutsche Sprache. Integration aber ist nie eine Einbahnstraße. So hart und vor allem leise man an seinem eigenen sozialen Aufstieg im Land auch arbeitet, so bleibt man doch angewiesen auf das Wohlwollen der alteingesessenen Nachbarn.

Du sollst nicht Prügeln

Inas Vater trifft Vorsichtsmaßnahmen. Er warnt sie und ihre beiden Brüder inständig, sich von Hänseleien nicht provozieren zu lassen. Ihr dürft „niemals als Erster angreifen und euch bloß nicht prügeln“, erinnert sich Menzer an die mahnenden Worte. Mit dreizehn muss sie sich beweisen. „Da war eine Gruppe älterer Mädchen“ erzählt Menzer, „so um die 16 Jahre, die hatten Langeweile und dachten 'Nehmen wir uns das kleine Mädchen mal vor'“. Als die Gruppe das Kind aus Kasachstan sieht, fangen sie an zu pöbeln und beschimpfen Ina Menzer mit Worten, an die sie sich heute nicht mehr erinnern will. Menzer schimpft zunächst zurück, aber die Mädchen fangen an, sie zu schubsen und reißen an ihren Haaren. Menzer hat Angst und geht weiter, hört und erträgt ihren Spott — bis vor die elterliche Haustür.

Hier ist der Heimweg zu Ende, sie kann nicht mehr weglaufen. Viele große Boxerkarrieren sollen mit einer satten Straßenprügelei begonnen haben. Ina Menzers beginnt anders. Sie lässt die Mädchen stehen, geht ins Haus und schließt die Tür hinter sich. Dann fängt sie an zu weinen. Du sollst nicht prügeln, niemals. „So sind wir aufgewachsen,“ sagt sie. Heute, gut zwanzig Jahre später, muss sie lachen: „Ich müsste den Mädchen eigentlich einen Blumenstrauß schicken. Als Dankeschön.“ Das Erlebnis stößt eine der herausragendsten Karrieren im Frauenboxen an.

Als der Vater Abends nach Hause kommt und seine Tochter ihm unter Tränen von dem Geschehen erzählt, fahren sie am nächsten Tag dorthin, wohin der Teenager seit Monaten will, seitdem er im Fernsehen „Winners und Sinners“ mit Jackie Chan sah: Zur Karateschule. Der Vater hat Angst, diesmal waren es lediglich böse Worte, aber was passiert nächstes Mal? Seine Tochter soll dann zumindest wissen, wie sie sich wehren kann. Ducken, springen, ausweichen, Angriffe voraussehen und blocken, Ina Menzer ist begeistert von der asiatischen Defensivkampfkunst, die für sie so wenig mit Gewalt zu tun hat und soviel mit den geschmeidigen Bewegungsabläufen eines Tänzers. Sie trainiert bis zu sieben Mal die Woche. Es folgen Kickboxen und Kung-Fu-Einheiten. Ihre beiden Brüder schließen sich der Schwester an, dienen ihr als Trainingspartner denn Ina trainiert nicht gerne mit Fremden. Als die Jungs eines Tages keine Lust mehr haben von ihrer großen Schwester getreten zu werden, entscheidet sie sich für das Boxen. Sie ist sechzehn. Die Leidenschaft für die asiatische Kunst der Defensive nimmt sie mit, an den Ort, den der französische Soziologe Loic Wacquant in seiner Feldstudie Leben für den Ring, die „Schmiede“ des Athleten tauft: in den Gym des Vereins „Faustkämpfer Mönchengladbach.“

Seit 1925 unterrichtet der Verein Athleten in der Wissenschaft des Boxens. „Wer boxt, der prügelt nicht,“ lautet das Motto, oder: Wer prügelt, der boxt nicht. Denn mit dem Sport der Profis, wo ein Publikum unterhalten werden will, hat Amateur-Boxen wenig gemein. In der deutschen Boxgrundschule wird präzise Technik und taktische Voraussicht gelehrt. Hier wird das kultiviert, was Wacquant den „faustkämpferischen Habitus“ nennt: Immer gleiche Trainingseinheiten brennen in Körper und Geist des Athleten die Schlag- und Bewegungsabläufe ein, die den Boxer später in der Feuerprobe des Rings auszeichnen werden. Aber bevor er das Duell annimmt, muss er sich entscheiden. Die Wahl der Waffe — Angriff oder Verteidigung — trifft mitunter nicht der Trainer sondern der Novize selbst. Und in den meisten Fällen ist es nicht einmal eine Wahl.

Der Mensch, schreibt der Anthropologe Pierre Bourdieu, sei ein historisch geprägtes Lebewesen. Er trage in seinem Körper erworbene Gefühle und Kategorien, die abgelagerte Produkte seiner vergangenen sozialen Erfahrungen sind. Stark vereinfacht ausgedrückt, du wirst und handelst wie du aufwächst. Oder: Niemand wird als Boxer geboren, sondern als Mensch. Und niemand betritt die „Schmiede“ als unbeschriebenes Blatt.

Kaum jemand verkörpert dieses Konzept so nachdrücklich wie der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister Mike Tyson. Seine Kampfbilanz bis er 13 Jahre ist liegt bei 38 Festnahmen, unter anderem wegen wiederholter Prügeleien mit denjenigen, die ihn wegen seiner hohen Stimme und seines Sprachfehlers verspotten. Was die „Reform School“ bei dem Jungen aus dem New Yorker Problembezirk Brooklyn nicht schafft, dass versucht sein Ausbilder Cus D'Amato gar nicht erst. Es heißt, ein guter Trainer ist, wer seinem Schützling nicht mehr beibringt, als dieser erlernen kann. D'Amato nutzt das ungestüme Potential seines Schützlings und modelliert den jugendlichen Straftäter zu „Kid Dynamite“. Ein Angriffsboxer, mit Eisenfäusten, schnell wie explodierendes Dynamit, fiebrig auf der Suche nach dem Knockout.

Auch für Ina Menzer war die Wahl ihrer Waffe vermutlich nie eine Wahl. Ihre physischen und mentalen Eigenschaften entscheiden für sie. Einfach drauf und angreifen?! „Nein, das bin ich nicht,“ sagt sie und verschränkt die Arme vor sich. Und so wie sie das Wort mit ihrem ganzen Körper ablehnt, bekommt man unweigerlich das Gefühl, dass Angriff für sie ein Synonym ist für das vom Vater verbotene Prügeln. Bei „Faustkämpfer Mönchengladbach“ streift sie die Handschuhe über, um sich zu verteidigen, nicht um anzugreifen. Waldemar Altergott, ihr Amateurtrainer, formt sie zum Defensivtechniker, zum klassischen Konterboxer.

Menzer ist ehrgeizig und arbeitet hart. Das habe sie herausragen lassen, erinnert sich Altergott. Der disziplinierte Feinschliff an ihrem naturgegebenen Stil zeichnet sich aus. Sie wird der Tänzer, der Finter, der Taktierer und kühl kalkulierende Punktesammler. Ihre flinken Karate-Beine tragen sie rein und wieder raus, bevor der Andere überhaupt ausgeholt hat, und ihre rechte Gerade sticht schnörkellos in die Lücken der Deckung ihres Gegners. Als Amateur gewinnt sie zweimal die Niederrheinmeisterschaften, wird 2001 Internationale Meisterin und zwei Jahre später Internationale Deutsche Meisterin. 2004 unterschreibt sie beim Hamburger Boxstall Universum Box-Promotion einen Profivertrag. Unter Erfolgstrainer Michael Timm kommt sie schnell auf Temperatur. Die ersten zehn Gegner schlägt sie problemlos. Der elfte Kampf bringt Menzer den WIBF-Weltmeistertitel. Sie gewinnt weiter, schlägt technisch gute und technisch durchschnittliche Boxer. Sie wartet ab, tanzt, und seziert sauber ihre Fehler. Menzer erteilt Boxlektionen. Auch gegen die starke Sandy Tsagouris.

Vier Zentimeter

Im März 2008 macht die bullige Kanadierin ihrem Spitznamen „Lil' Tyson“ alle Ehre und verwickelt Menzer in einen brutalen aber technisch feinen Schlagabtausch. Menzer hält mit. In der fünften Runde kommt es zu einem unabsichtlichen Kopfstoß der Nordamerikanerin. Der Referee unterbricht und schickt Menzer in die Ecke. Blut, fein wie ein Pinselstrich gezogen, rinnt über ihre weiße Haut bis unter das Kinn. Oberhalb der rechten Augenbraue ist die Haut geplatzt. Aus einem Riss von knapp vier Zentimetern Länge pulsiert Blut, zwei Tropfen landen unterhalb von Menzers Auge und fließen langsam herunter. Der Ringarzt gibt das „Ok” zum Weitermachen. Menzer führt nach Punkten, unaufgeregt zieht sie ihre taktische Linie stoisch bis zum Ende durch und belohnt sich mit dem vakanten Gürtel des renommierten World Boxing Council (WBC). Ihren bisher größten Erfolg feiert sie im Krankenhaus. Der Cut muss behandelt werden solange er frisch ist. Es ist ihre erste schwere Verletzung dieser Art. Der Doktor näht die Wunde mit 13 Stichen. „Das hat wirklich wehgetan,“ erinnert sie sich. „Das war mit Schmerzen verbunden.“ Sie nennt den Fight ihren „Blutkampf.“

„Ina Menzer: Unsere härteste Weltmeisterin“ titelt die Bildzeitung. Nur drei Monate nach der Ringschlacht steht sie wieder im Ring. Es ist ihr 21. Sieg in Folge. Doch so einfach es im Ring aussieht, so sehr quält sich Menzer vor jedem Kampf. „Ina ist jemand, der unwahrscheinlich viel nachdenkt,“ sagt Michael Timm. Sie zweifelt und grübelt vor jedem Kampf „Was ist, wenn es schief geht?“ und Timm muss sie in der Kabine permanent mit Schlagtraining beschäftigen, um sie von diesen negativen Gedanken abzulenken. Ahnt ihr Unterbewusstsein, was die Siegesserie verschleiert?

Glanz der Siegesserie

Das Jahr 2009 soll eines der erfolgreichsten in Menzers Karriere werden. Dreimal verteidigt sie ihre beiden Titel, zweimal gegen die starke Niederländerin Esther Schouten. Beim Rückkampf nimmt sie den WM-Gürtel nach Version der WBO mit aus dem Ring. Jetzt ist Ina Menzer Dreifach-Weltmeisterin und seit fünf Jahren ungeschlagen. Das World Boxing Council wählt sie zur Boxerin des Jahres, dem ZDF liefert sie als Hauptkämpfer der "Universum Champions Night" Traumquoten. Die Medien beglaubigen ihre Dominanz und sie genießt das Ansehen. „Ina Menzer, ungeschlagene 3-fach Weltmeisterin“: im Radio, in Zeitungen und auf Magazinseiten.

Sie spricht mit Deutschlands erstem Talkshow-Pfarrer „über philosophische Fragen unserer Zeit”, trainiert Schulkinder für den Integrationswettbewerb der Bertelsmann Stiftung und wird zur neuen „Botschafterin des Frauenboxens“ erkoren. Anfang 2010 kulminiert die mediale Anerkennung im sportlichen Höhepunkt. In Magdeburg schlägt Menzer Ramona Kühne, Weltmeisterin in der schwereren Klasse des Superfedergewichts, in der sechsten Runde durch technischen Knockout und schwärmt: „Das war mein bester Fight.“ Es ist ihr 26. Sieg. Ina Menzer, die „Schnelle Feder“, ist das Non Plus Ultra im Internationalen Federgewicht. Phil Woolever von The Sweet Sciene.com schreibt nach dem Fight: „For me, Menzer is the best female boxer on the planet.” Dann kommt der 3. Juli 2010.

Der Kampf

Der Sieg soll ihr Karrierehöhepunkt werden. Menzer hat Jeannie Garside ausgesucht, weil diese auf Platz Eins der unabhängigen Rangliste BoxRec steht — zu Unrecht, findet Menzer noch heute. Die Nordamerikanerin ist für Menzer eine Schlägerin, die wild Fäuste schwingend auf ihre Gegner zuläuft. Keine Boxerin wie sie. Auch körperlich könnten die beiden Konkurrenten unterschiedlicher nicht sein: Während Menzer mir ihrer schlanken Kontur auch auf dem Laufsteg hätte Karriere machen können, sieht Garside aus, wie ein durchgebräunter Bodybuilder, der sich zum Frühstück bereits Eiweißriegel auftellert. Menzer ist unbeeindruckt, die Abendplanung steht: Garside „einfach ausboxen“, das T-Shirt mit dem BoxRec-Emblem # 1 überstreifen, und den 27. Sieg mit ein paar russischen Teigtaschen feiern, die ihr Schwiegervater vor jedem Kampf backt, um ihr den Sieg zu versüßen.

Ein Schlag durch die Deckung des Champions

Es sind 40 Sekunden in Runde Eins geboxt, als der Plan zum ersten Mal an diesem Abend durcheinander gerät. Menzer macht was sie immer macht. Sie erkennt schnell eine Lücke in Garsides Deckung und schiebt ihr eine lange Rechte in die Magengrube. Ein präziser Körpertreffer. Aber Garside verschlingt ihn gleichgültig. Ihre Antwort ist ein kurzer linker Haken, den sie Menzer so kraftvoll aufs Kinn hämmert, dass diese nach hinten aus der Balance kippt. Sie muss einen Ausfallschritt machen. Der Schlag erwischt Menzer auf dem Höhepunkt ihres Selbstvertrauens. Sie schluckt den Treffer, absorbiert ihn äußerlich unbeschadet, aber sie verdaut ihn nicht. Der Schock reist durch ihr Nervensystem und lähmt auf seinem Weg ihre sonst so flinke Beinarbeit.

In der Pause muss Michael Timm erste Anweisungen verteilen. „Bleib nicht stehen!“ sagt er. „Rein mit der Linken und wieder weg. Geh rechts rüber und hau die Rechte als Konter gegen. Okay?“ Menzer nickt, holt tief Luft und haucht ein bedrücktes „Ja.“

Und tatsächlich. Sie ist der Champ, und was einmal eingebrannt ist, das funktioniert auch in Extremsituationen. Anfang der zweiten Runde landet sie einen saftigen rechten Konter. Wie ein scharf geschossener Pfeil trifft Menzers Faust voll auf die rechte Wange der Kanadierin. Wieder macht Garside weiter als wäre nichts geschehen. Menzers Verunsicherung schlägt in Ungeduld um. Sechs Jahre ungeschlagen, 26 Siege . . . es muss funktionieren. Aber ihre Beinarbeit will nicht einrasten in den Rhythmus ihrer Armbewegungen; es fehlt die richtige Distanz zum Gegner, ihre Schläge treffen nicht. „Ina, Ina“ ruft das Publikum.

Der Sprechchor motiviert die Falsche. Nach der Pause macht Garside das, wofür sie eingeladen wurde: Sie geht offensiv nach vorne. Mit totaler Ignoranz gegenüber der hohen Kunst des Boxens, aber mit dem Geist eines Kämpfers, schießt sie ihre Schwinger mit dem Abwurfwinkel eines Hammerwerfers auf Menzer ab. Ohne Pause. Sie haben die Trefferquote einer Streubombe: Innenhandwischer kratzen an Menzers Ohr, Ellbogen knallen ihr an den Hals, Schläge trommeln auf den Hinterkopf. Zwei Minuten Trommelfeuer. Menzer greift nach Garsides Hals und verkeilt ihn im Schwitzkasten. „She can't deal with the pressure! She's all done!“ höhnt es aus Garsides Ecke. Der Ringrichter löst die Umklammerung. Pause. Wieder fordert Timm seine Boxerin auf, nicht stehen zu bleiben. Aber Menzer hört ihn nicht mehr. Ihr Kopf ist angesprungen, und dort oben denkt sie nicht über die Taktik der kommenden Runde nach. Sie grübelt über die Runde, die eben vorbei ging, über die davor, und die davor, „Warum lasse ich zu, dass sie mich trifft? Warum?“

Déjà-vu

Die vierte Runde soll sie auf andere Gedanken bringen. Als Garside ein weiteres Mal eine Attacke abfährt und einen Sprung ansetzt, stößt sie dabei mit dem Kopf unabsichtlich an Menzers rechte Augenbraue. Ende der Runde. Menzer sitzt auf ihrem Hocker und denkt nicht mehr an Jeannine Garside sondern „Scheiße, jetzt ist das wieder aufgeplatzt!“ Plötzlich steht da Sandy Tsagouris vor ihrem innerem Auge, der brutale Schlagabtausch zwei Jahre zuvor . . . ihr „Blutkampf“ . . . sie sieht den Schnitt im Fleisch über ihrer rechten Augenbraue, sie denkt an den Doktor, sie fühlt die 13 Stiche, „Oh Gott, nicht schon wieder. Nein, nein!“ Der Gong klingelt. Menzer stellt sich in den Ring. Ein Boxer mit Angst vor Schmerzen. Garside schlägt 120 Sekunden lang auf sie ein. Abseits vom Ring wird ihre völlig verzweifelte Mutter gestützt von drei Sanitätern aus der Halle gelotst. Menzer übersteht die fünfte Runde und sinkt stumm auf den Schemel.

Ihr Trainer hockt vor ihr und muss eine Entscheidung fällen. Er weiß, dass die ersten vier Runden verloren sind, und für die fünfte sieht es nicht besser aus. Sein Schützling musste noch nie einem Kampf hinterher laufen. Jetzt droht die erste Niederlage. Es droht der Verlust aller drei Weltmeistergürtel. Garside über die „feine Klinge“ ausboxen hat nicht funktioniert. Timm schaut ihr ins Gesicht, dann verkündet er den Taktikwechsel: Du musst „komplett volles Rohr nach vorne gehen.“ Menzer schaut ihn wortlos an. „Ich war irritiert“, erinnert sie sich. Ich dachte: „Das ist falsch. Das ist nicht mein Stil.“ Aber der Trainer sagt es ihr ins Gesicht, fordert, was der Kampf jetzt einfordert. Sie muss den Dampfhammer auspacken, um noch zu gewinnen. Sie muss angreifen, um ihre Titel nicht zu verlieren. Die Ringglocke läutet. Timm kneift Menzer in den Rücken, um sie wachzurütteln.

Was der Kampf fordert

Die sechste Runde. Die dreimalige Weltmeisterin klebt am Boden, bewegt sich, als hätte sie Betonklötze an den Füßen. Ihr Trainer kauert über seinem Stuhl und schreit Anweisungen in den Ring. Menzer versucht anzugreifen, mit zu prügeln, aber kann nicht, will nicht, weiß nicht wie. Es scheint, als sperre sich etwas in ihrem Inneren dagegen. Timm springt von seinem Stuhl, lugt mit aufgerissenen Augen unter den Seilen des Rings hindurch, schreit erneut, dann noch mal, dann haut er mit der flachen Hand auf den Ringboden, als wolle er seine Anweisungen einprügeln. Es zeigt Wirkung. Menzer atmet tief ein, presst die Lippen zu einem Strich, und holt aus. Der Dampfhammer. Es ist eine Bewegung wie von einem Holzfäller. Im weiten Bogen rast ihre Rechte auf ihre Gegnerin zu. Das Luftloch, das sie schlägt, ist so mächtig, dass der Schwung ihren Körper um neunzig Grad herumreißt. Die Weltmeisterin steht im rechten Winkel offen zu Garside. Der ist es gleichgültig, ob Menzer die Antwort nicht sehen sondern hören will. Sie holt aus. Zweimal. Die Kraft des Aufpralls schleudert Menzers Kopf wie bei einem Auffahrunfall ungebremst umher, er knickt nach links ab, beim zweiten Aufschlag schaukelt er nach vorne. Haare fliegen umher, weitere Fäuste wie Bruchstücke zischen vorbei. Menzers Versuch anzugreifen endet in Flucht. Aber diesmal gibt es keine Tür, hinter der sie verschwinden könnte. Sie dreht ihrer Peinigerin den Rücken zu und rettet sich mit zwei Schritten vor weiterer Prügel. Gong.

Menzers Sekundanten bearbeiten den lädierten Körper. Jemand presst zittrig ein Adrenalinstäbchen in die wieder aufgeplatzte Wunde an der Augenbraue, ein anderer reibt hektisch mit einem Schwamm Haare und Schweiß aus ihrem Gesicht. Menzer starrt geistesabwesend, während Timm auf sie einredet: „Du musst anfangen zu fighten. Du musst rein gehen!“ Menzer murmelt: „Es läuft gar nichts“. Ihre ausgepumpten Arme liegen auf dem Ringseil. Die psychische Dauerbelastung der letzten sechs Runden hat sich auf ihren sonst so konditionsstarken Körper übertragen. Und so greift sie vier Runden vor Schluss auf jene Option zurück, auf die Boxer zurückgreifen, denen alle anderen Optionen ausgegangen sind: Sie sucht den Lucky Punch. Kurz vor Ende der siebten Runde treibt Garside sie in die Seile und Menzer verliert entkräftet den Mundschutz. Er rutscht ihr aus dem offenen Mund und plumpst auf den schweißbefleckten Boden. Als die Glocke nach der zehnten Runde läutet, springt die Kanadierin durch den Ring. Ina Menzer geht in die Kabine, duscht, und isst die russischen Teigtaschen, die ihr Schwiegervater für sie gebacken hat. „Es war wie ein Traum,“ erinnert sie sich, „ein Alptraum.“ Die 29-jährige „Schnelle Feder“ hatte verloren, das 13-jährige Mädchen, das nicht prügelt, hatte sie geschlagen.

Fragt man Menzer heute nach dem Grund für ihre Niederlage, schaut sie nach oben, überlegt und sucht die richtigen Worte. Ein Psychiater hätte es ihr so erklärt: Die Niederlage sei nicht von einer Sekunde auf die andere passiert, habe der gesagt, nachdem sie ihn konsultierte, weil sie Monatelang abends mit dem Gedanken an den Kampf schlafen ging und morgens wieder aufwachte. Es sei ein langer Weg gewesen, der auf diesen 3. Juli 2010 zugelaufen sei, erinnert sich Menzer an die Analyse, und ihre Stimme klingt, wie von jemanden, der etwas auswendig lernen musste, um es zu behalten. Sie schaut wieder nach oben, dann sagt sie: „Dieser wirkliche Grund, wo ich sage „Ah, das ist es wirklich gewesen“, dass weiß ich bis heute nicht.“ Die Analyse ihres Trainers ist kürzer: Ina habe sich nie mit der Offensive identifizieren wollen, so Timm. Sie hätte sich immer dagegen gesperrt.

Es ist 8:30 Uhr, ein Mittwochmorgen Ende August 2012. Es liegt noch Tau auf den Dächern einiger Autos, als ein weißer BMW Kombi auf den Parkplatz vorfährt. Menzer steigt aus, sie trägt eine schwarze Daunenweste mit Pelzkragen, Leggins und ein pinkfarbenes Longsleeve. Sie geht unter dem Schild hindurch, mit den zwei verblichenen und überdimensionalen Boxhandschuhen, das an der grünen Hallenfront angebohrt ist. Drinnen hört man das Quietschen von Schuhen auf Hallenboden, alle drei Minuten eine schrilles Klingeln, und lautes Rufen Move, Move! Ein neuer Cheftrainer steht da vor den taumelnden Sandsäcken; Michael Timm hat das Unternehmen Universum vor wenigen Wochen verlassen. Menzer legt ihre Daunenweste ab, und spult ihren fünf-Wochen Konditionsplan ab. In wenigen Wochen kämpft sie um die Europameisterschaftskrone der WBO. Seilspringen, Bauchmuskelübungen, und Schlagtraining. Denn um zu gewinnen, muss sie vor allem eins: angreifen. „Vier, fünf, sechs Schläge, nicht nur 1-2-3“, sagt Tony Brooks zu ihr. „Das musst du hinkriegen!“ Menzer tanzt um die Boxbirne, die Stirn konzentriert in Falten, dann rattert die Kette. 1-2-3-4-5-6. Die Gonguhr schrillt. Die anderen Boxer machen Pause. Menzer macht weiter. 1-2-3-4-5-6, 1-2-3-4-5-6. „Das reicht,“ ruft Brooks ihr zu. Menzer schaut ihn an. „Meinst du?“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sport