Hamburg

Claude-Oliver Rudolph: "Nur mit Sport bleibe ich der Bösewicht"

Foto: Roland Magunia

Der Schauspieler Claude-Oliver Rudolph probt in Hamburg für ein Musical. Im Abendblatt spricht er über Muskeln, Angst und Herbert Grönemeyer.

Hamburg. Er gilt als "Bad Boy" des deutschen Films, erlangte nationalen Ruhm durch "Das Boot" und die Rolle des "Chinesen-Fiete" im Mehrteiler "König von St. Pauli". Zudem spielte Claude-Oliver Rudolph im James-Bond-Film "Die Welt ist nicht genug" an der Seite von Pierce Brosnan. Seine besondere Leidenschaft gilt dem Kampfsport, für den der 54-Jährige inzwischen als europäischer Vorsitzender und Welt-Vizepräsident des World Fight Club tätig ist, der Dachorganisation verschiedener Kampfsport-Einzelverbände. Momentan probt Rudolph in Hamburg für die Hauptrolle im Musical "Mord im Rampenlicht", das am 23. Oktober im Delphi-Showpalast (Eimsbütteler Chaussee) uraufgeführt wird.

Hamburger Abendblatt: Herr Rudolph, wie sehr prägt der Sport Ihren Alltag?

Claude-Oliver Rudolph: Mehr als das, er bestimmt mein ganzes Leben. Als Neunjähriger habe ich mit Judo angefangen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass ich im Fußball eine Flasche war. Herbert Grönemeyer als Kapitän unserer Bochumer Klassenmannschaft hat mich immer nur aufgestellt, wenn sich absolut kein anderer mehr fand. Im Kampfsport fühlte ich mich sofort zu Hause, denn ich wollte nicht länger der kränkelnde Schwächling sein, der ich als kleiner Junge war. Danach kam die ganze Palette vom Vollkontakt bis hin zum Thai- und Kickboxen. Von 1969 bis 1974 war ich im Judo ungeschlagen, mehrmals deutscher Jugendmeister, und noch heute mache ich mindestens 45 Minuten Sport pro Tag. Muss ich ja auch in meinem Alter, ich will schließlich meine Position als Deutschlands Bösewicht Nummer eins verteidigen. Mein Erfolg beruht darauf, dass die Leute tatsächlich Angst bekommen, wenn sie mich sehen. Das ginge automatisch verloren, wenn ich die körperliche Straffheit einbüße, wenn mein Bauch schwabbeln und die Schultern herunterhängen würden. Mein Idol Charles Bronson hat die Rolle bis 84 gespielt, da habe ich noch einiges vor mir.

Das Internet-Lexikon Wikipedia meldet Zweifel an und stellt fest, dass ihre Titel nicht belegt seien.

Rudolph: Ach, es steht so viel Müll im Internet, da kann man sich ja gar nicht mehr gegen wehren. Wenn ich das heute Abend berichtige, steht's wahrscheinlich morgen doch wieder verkehrt drin. Unter meinem Namen sind bei Google 18,5 Millionen Einträge registriert. Soll ich die alle lesen? Erkundigen Sie sich bei den Verbänden. Die werden meine Angaben bestätigen.

Was machen Sie sportlich noch, außer Ihre Muskeln zu stählen?

Rudolph: Ich laufe sehr gern, kein Jogging, das geht zu sehr auf die Gelenke, sondern Power-Walking. Diese Passion ist während der Vorbereitung auf den Film über den Jakobsweg entstanden.

Den auch Hape Kerkeling bewältigt hat.

Rudolph: Hör'n Sie auf! Hape ist ja teilweise mit dem Zug gefahren oder getrampt. Dabei ist es höchstens erlaubt, mal einen Abschnitt zu reiten, ansonsten muss der 900 Kilometer lange Weg zwingend zu Fuß zurückgelegt werden. So habe ich das gemacht und hatte im Ziel nicht mal Blasen an den Füßen.

Reiten können Sie also auch. Haben Sie das wegen der Schauspielerei gelernt oder aus Neigung?

Rudolph: Weder noch, als Kind habe ich das gelernt.

Reizt es Sie als Draufgänger nicht, auch mal über Hindernisse zu springen, in einem richtigen Parcours?

Rudolph: Habe ich ja gemacht, beim "TV total"-Springreiten. Aber bei der Generalprobe ging mein Pferd durch und war absolut nicht mehr zu bändigen, obwohl ich schon das ganze Zaumzeug abgerissen hatte. Erst als ich ihm in die Mähne griff, brachte ich das Pferd zum Stehen. Nach der Erfahrung bin ich aus der Nummer ausgestiegen und zum Finale nicht mehr angetreten. Das war auch besser so, denn die Sendung ging voll daneben.

Halten Sie Sport für charakterbildend oder geht es Ihnen darum, Ihr eigenes Abbild eines kernigen Kerls zu festigen?

Rudolph: Beides. Durch die asiatischen Kampfsportarten verliert man die Angst, speziell die Angst vor Schmerzen. Ich könnte ja kein Brett und keinen Stein mit dem Unterarm zerschlagen, wenn ich Angst davor hätte, mir wehzutun. Natürlich geht man da nicht unbeschadet raus, mein ganzer Körper ist vernarbt. Ich bin ja nicht aus Stahl, sondern aus Fleisch und Blut. Aber das ist es mir wert, weil ich mir auf diese Weise die körperliche Reaktion der Angst abtrainiert habe.

Noch heute erinnern sich viele Fernsehzuschauer mit Entsetzen an den blutigen Promi-Boxkampf, den Sie gegen den Moderator und Fitnesstrainer Pierre Geisensätter durch K. o. verloren haben. Hat Sie das gewurmt?

Rudolph: Ja klar, extrem. Ich war mir einfach zu sicher gewesen, den wegzuhauen und hatte mich kaum vorbereitet. Deshalb war es für mich enorm wichtig, dass ich den Rückkampf in der zweiten Runde gewonnen habe. Danach war die Welt wieder in Ordnung. Übrigens bin ich auch amtierender Promi-Bull-Riding-Champion von Pro7. Allerdings hatte sich außer mir auch keiner auf einen echten Bullen getraut. Die anderen haben Ochsenkarrenrennen gemacht oder so was.

Sie bevorzugen offenbar Individualsportarten. Mögen Sie nicht in Teams spielen?

Rudolph: Fußball kann ich nicht, für Basketball bin ich zu klein, Volleyball ist mir zu soft.

Haben Sie wenigstens einen Fußball-Bundesligaklub, mit dem Sie sympathisieren?

Rudolph: Genau genommen nicht. Meine Vereine steigen sowieso immer ab, das verleidet mir die Sache zusätzlich. Wegen meiner Herkunft beobachte ich das Abschneiden von Eintracht Frankfurt und dem VfL Bochum. Beide sind gerade abgestiegen, genauso wie der FC St. Pauli.

Aber in Hamburg haben Sie doch nie gelebt.

Rudolph: Doch. Ich hatte zehn Jahre lang eine Freundin, mit der ich am Poelchaukamp wohnte. Sollte ich aus Luxemburg mal wieder nach Deutschland ziehen wollen, käme nur Hamburg für mich in Betracht. Außerdem habe ich ja gerade erst als Produzent den Film "Gegengerade - niemand siegt am Millerntor" abgedreht, der demnächst im NDR-Fernsehen läuft.

Ist Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel für Sie ein deutscher Held?

Rudolph: Nein, deutsche Helden sind für mich Hans Albers, weil er im Dritten Reich zu seiner jüdischen Frau gestanden hat, und Willy Brandt wegen seiner Ostpolitik. Sonst fiele mir gar kein deutscher Held mehr ein, außer vielleicht Gerd Müller. Über den lästerten alle, er könne ja nur abstauben. Alles Quatsch, der Mann war ein Strafraumgenie. Müller war auf dem Fußballplatz das, was Klaus Kinski am Set war. Und was die Formel 1 anlangt, halte ich Michael Schumacher noch immer für den Größten. Übrigens besitze ich auch eine Rennfahrerlizenz und habe einige Rallyes gewonnen. Nach einem lebensbedrohlichen Unfall habe ich auf Wunsch meiner Kinder damit aufgehört.

Wenn Sie Ihr Leben lang die Muskeln gestählt haben, um bestens in Schuss zu bleiben, dann muss doch der Gedanke nahe gelegen haben, es mal mit Anabolika zu probieren. Haben Sie?

Rudolph: Niemals. Meine Muskulatur ist dem dauernden Kampf mit eisernen Hanteln zu verdanken. Ich lehne es grundsätzlich ab, chemische Substanzen oder gar Hormone von Affen einzunehmen, weil ich nicht weiß, was die in meinem Körper anrichten. Ich trinke auch keinen Schnaps, obwohl manche sogar behaupten, ich sei deswegen kein richtiger Mann. Dafür kann ich von mir behaupten, dass ich vermutlich der einzige Schauspieler weltweit bin, der noch nie Drogen genommen hat - jedenfalls kenne ich keinen anderen.

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