Windsurf-Weltcup auf Sylt

Wunderkind der Wellen mit Wurzeln in Hamburg

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Bastian Henrichs

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Getty

Am Sonnabend startet der Windsurf-Weltcup auf Sylt. Der Weltmeister steht jetzt schon fest: Philip Köster ist der jüngste seit Robby Naish.

Der erste Weg führt ihn an den Strand. Wie immer. Mal sehen, wie die Wellen sind, woher der Wind weht und ob es sich lohnt, gleich das Brett startklar zu machen. Draußen mühen sich ein paar Wellenreiter ab, eine Welle zu erwischen, die sie weiter als zehn Meter trägt. Windstärke vier bis fünf, so wie an diesem Tag auf Sylt, reichen Philip Köster nicht. Dabei will er endlich raus aufs Wasser, zurück in sein Element. Das Kribbeln ist wieder da. Von den ganzen Interviewterminen, Fotoshootings und Videodrehs hat er genug. Bei seiner Ankunft auf Sylt haben ihm selbst die Parkplatzeinweiser zum Glückwunsch die Hand durch die Fensterscheibe des Autos gestreckt, die Bedienung im Café hat ihn aufgeregt angegrinst und gratuliert. Schulterklopfen hier, Händeschütteln dort. Köster mag all diesen Rummel nicht. Deswegen hatte er sich drei Tage zurückgezogen, war bei einer Freundin in der Nähe von Hamburg, der Heimatstadt seiner Eltern. Er war müde, brauchte eine Pause, etwas Abstand. Und Zeit, um zu verdauen, was in den vergangenen Tagen und Wochen geschehen ist.

Philip Köster ist Weltmeister geworden. Er ist der beste Windsurfer östlich von Hawaii und westlich der Fidschi-Inseln. Er hat in dieser Saison alle drei Weltcups gewonnen, er hat genau einen Heat, einen Lauf gegen einen direkten Konkurrenten, verloren. Er hat sich seinen Traum erfüllt, mit 17 Jahren. In der Szene sagen sie über ihn, dass er das Maß aller Dinge ist, dass er womöglich auf Jahre hinaus nicht zu schlagen sei. Von all dem will Köster nichts wissen. Er will nur surfen. Seit drei Tagen stand er nun schon nicht mehr auf dem Brett.

Morgen startet der Windsurf-Weltcup auf Sylt, der letzte der Saison. Köster hat ein Heimspiel. Das sieht er zumindest so, denn wenn er mal nach Deutschland kommt, zwei- bis dreimal im Jahr, dann besucht er die Verwandten und Bekannten in Hamburg, oder er ist zum Surfen auf Sylt. Jeder kennt ihn hier, und viele der Besucher kommen in diesem Jahr, um ihm, dem ersten Windsurfstar mit norddeutschen Wurzeln, zuzujubeln, wenn er Ende der Woche, als Höhepunkt, den Pokal des Weltmeisters überreicht bekommt, egal ob er in Westerland gewinnt oder nicht. "Das wird sicher toll", sagt er, "mit dem Pokal gehe ich dann vielleicht auch mal auf die Abschlussfeier." Die Hauptsache aber ist, dass es endlich wieder ums Surfen geht, um den Sport, den er so liebt, für den er lebt.

Philip Köster, groß, kräftig, dunkelblonde halblange Haare, braun gebrannt, sieht aus und kleidet sich wie man sich einen Surfer vorstellt, aber er ist nicht der Typ, der sich auf Partys herumtreibt, der ständig einen lockeren Spruch auf den Lippen hat und das Klischee des ausschweifenden Strandlebens erfüllt. "Am meisten freue ich mich auf Gran Canaria", sagt er. "Da ist es ruhiger und ich kann mich endlich wieder entspannen."

Auf Gran Canaria ist Köster geboren und aufgewachsen. Das schlichte Haus seiner Eltern Rolf und Linda liegt einsam in einer Bucht am schwarzen Steinstrand von Vargas, keine 100 Meter vom Wasser und zehn Minuten von Poço, einem der beliebtesten Windsurfspots der Welt, entfernt. Seine Eltern sind vor 30 Jahren ausgewandert, haben hier eine Surfschule betrieben. Philip wächst am Strand auf, das Leben spielt sich im Freien ab. Es bleibt ihm eigentlich gar nichts anderes übrig, als zu surfen. Mit acht Jahren steigt er erstmals aufs Brett, seitdem fast jeden Tag. Wenn zu wenig Wind ist, schwimmt er, wird sogar Juniorenmeister im Freistil. "Schon nach einem Jahr habe ich gesehen, dass Philip ein richtig guter Windsurfer wird", sagt der Vater stolz. Die ersten zwei Jahre lässt er seinen Sohn ohne Trapez fahren. Dadurch, dass er nicht am Segel festgeschnallt ist und sich nicht ins Segel hängen kann, lernt der kleine Philip die Technik schneller und muss viel mehr Kraft aufwenden. Ein gutes Training. "Trotzdem blieb er schon damals stundenlang draußen. Ich musste ihn immer zurückpfeifen", sagt Rolf Köster. Der 59-Jährige kann seinem Sohn nach vier Jahren zwar noch Tipps bei der Technik geben. Die Tricks, die Philip beherrscht, die Sprünge, die er macht, darüber kann der Vater, selbst über 30 Jahre aktiver Surfer, nur noch staunen. Mit zwölf Jahren startet Philip bei seinem ersten Weltcup, mit 15 gewinnt er erstmals.

Im vergangenen Jahr hat er die Schule mit dem Realschulabschluss verlassen. "Das war wichtig für mich", sagt er. "Schule und Surfen zu kombinieren war sehr schwierig. Mein Schreibtisch stand am Fenster und ich habe immer nur auf die Wellen geschaut." Die Prioritäten waren klar. Schon als kleiner Junge habe er sich zum Ziel gesetzt, Weltmeister zu werden, erzählt Köster. Er spricht langsam und leise. Beinahe schüchtern, zurückhaltend, ein bisschen wie ein 17-Jähriger, der zum ersten Mal im Elternhaus der neuen Freundin auftaucht. Nicht so wie ein Surfweltmeister. Wer ihm zu seiner großartigen Leistung gratuliert, erntet ein Schulterzucken und ein verschämt genuscheltes "joah, danke". "Ich bin glücklich über meine Leistung", sagt er, "aber ich habe das noch nicht richtig realisiert."

Da hilft es auch nicht, wenn andere ihm sagen, was er geleistet hat, wenn er hört, dass er der erste deutsche Weltmeister und der jüngste seit dem legendären Robby Naish ist, der mit 13 Jahren seinen ersten Titel gewann. Naish, Kösters Vorbild und mittlerweile 48 Jahre alt, ist voll des Lobes über seinen potenziellen Nachfolger. Er vergleicht ihn mit Björn Dunkerbeck, der anderen Windsurf-Legende, mit 35 WM-Titeln erfolgreichster Surfer aller Zeiten. Richard Page, Manager der Welttour der Professional Windsurfers Association (PWA), sagte kürzlich, dass Köster in den nächsten Jahren "the man to beat" sei, also derjenige, der geschlagen werden muss, um einen Weltcup zu gewinnen. Und Ricardo Campello, der Einzige, der Köster dieses Jahr geschlagen hat, sagte nach der entscheidenden Niederlage vergangene Woche, dass er froh sei, wenigstens einmal gewonnen zu haben. Denn dabei werde es die nächsten Jahre wohl bleiben. Solche Sätze und Aussagen interessieren den Weltmeister nicht.

Genauso macht er es mit dem gestiegenen Druck. Als er den zweiten Weltcup gewonnen hatte und alle anfingen zu rechnen, welcher Platz zum Titel reicht, hat er sich aufs Gewinnen konzentriert und in Dänemark einen fast perfekten Finallauf hingelegt. Danach erklärte PWA-Chef Page, der bei den Weltcups auch selbst in der Jury sitzt, dass vor allem Köster dafür verantwortlich sei, dass ein Doppelsalto vorwärts in der Bewertung nur noch acht bis neun Punkte wert ist. Bisher konnte man mit einem solchen Sprung auf die Höchstwertung von zwölf Punkten hoffen. Der Doppelsalto gehört längst zu Kösters Standardrepertoire, den Push-Loop-Forward, ein Vorwärts- und ein Rückwärtssalto in einem Sprung, hat er perfektioniert, während seine Konkurrenten noch daran verzweifeln. Kösters Sprünge sind die waghalsigsten, die extremsten - und sie sprengen das Bewertungssystem. "Ich habe Spaß daran, neue, verrückte Sachen auszuprobieren", sagt er und sein Gesicht hellt sich auf, sobald er über Tricks und Sprünge sprechen darf. "So hoch zu fliegen ist ein tolles Gefühl. Ich denke, ich bin mutiger als andere."

Auch auf Sylt sind die Erwartungen hoch. 200 000 Zuschauer werden an neun Wettkampftagen erwartet - und jeder will den dreifachen Salto sehen. Doch Köster weiß: "Daraus wird nichts. Zu wenig Wind, die Wellen sind zu niedrig." Seit einiger Zeit versucht er sich an dem Sprung. Er überlegt ständig, wie er sich weiter verbessern kann. Nicht nur die halsbrecherischen Manöver, auch seine Art, mit den Wellen zu spielen, den Wind zu nutzen, statt gegen ihn anzukämpfen. Wenn Köster surft, sieht es aus, als koste es ihn keine Kraft. Es sei wie bei einem Heißluftballon, erklärt der Vater. "In der Luft merkt man nicht, wenn um einen herum ein Orkan weht. Wenn man das Segel richtig beherrscht, kann es beim Surfen genauso sein."

Köster surft ständig und überall. "Auch im Bett", sagt er. Denn in Gedanken habe er den dreifachen Salto schon mehrmals perfekt gesprungen und gelandet. In der Realität ist ihm das noch nicht gelungen, lange wird es aber wohl nicht mehr dauern. "Philip übt so lange, bis er einen Trick kann", sagt Vater Rolf. Manchmal sieben, acht Stunden am Tag, bis er Krämpfe in Armen und Beinen hat. Die dicken Schwielen auf den Innenflächen seiner Hände sind seine Zeugen. "Aber dann kommt er immer mit einem Lächeln nach Hause." Mädchen, Partys, Alkohol? Köster hat kein Interesse. Dass es Kollegen gibt, die nächtelang durchfeiern und dann übermüdet auf dem Brett hängen oder gar nicht antreten, kommt vor. Köster kann das nicht verstehen.

Sein Ehrgeiz, immer der Beste zu sein, und sein Mut, jeden noch so schwierigen Sprung auszuprobieren, haben ihm den WM-Titel beschert. Aber es ist nicht nur sein Talent auf dem Surfbrett, mit dem er den Sport revolutioniert. Sein bescheidenes Auftreten ist ebenso bemerkenswert.

Das macht ihn zu einer begehrten Werbefigur. Fotoshootings finden oft an den bekanntesten Surf-Stränden der Welt, auf Hawaii oder in Australien, statt. Reisen ist nach dem Surfen Kösters größte Leidenschaft, aber nur, wenn es an schöne Strände und zu den Wellen davor geht. Außer in Hamburg war er noch nie in einer Großstadt. "Ich mag es nicht so gerne, wenn so viele Leute um mich herum sind", sagt er. Er gibt zu, dass es auf Gran Canaria auch mal einsam werden kann, wenn keine Wellen und kein Wind da sind. Aber er weiß, wo er hingehört. "Mein Leben spielt sich am Strand ab." Wind und Welle sind seine besten Freunde, die anderen sind Surfer, mit denen er sich gut versteht. Das engste Verhältnis hat er jedoch zu seinem Vater, der auf den Touren sein ständiger Begleiter ist. Und gleichzeitig Lehrer, Taxiunternehmen, Organisator und der Caddy, der die richtigen Segel bereitlegt. Bezahlt bekommt Köster die Flüge mittlerweile von seinen Sponsoren. Die nächste Reise führt ihn nach Thailand. Dort stellt die Firma Starboard ihre Surfbretter her. Köster testet die Bretter und darf sie nach eigenem Gusto verbessern. Nächstes Jahr bekommt er eine eigene Linie. Surfbretter, die seinen Namen tragen - und vielleicht für eine neue Ära im Windsurfen stehen.

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