DFB-Kapitän in der Kritik

Philipp Lahm macht den "feinen Unterschied"

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Philipp Lahm veröffentlichte in seinem Buch Teaminterna aus der Nationalmannschaft und griff ehemalige Trainer an. Dafür erntet er harsche Kritik.

Frankfurt/Main. „Der feine Unterschied“ verursacht größten Wirbel. Philipp Lahm hat mit der scharfen Kritik an seinen ehemaligen Trainern Rudi Völler und Jürgen Klinsmann sowie der Darstellung des deutschen Teams bei der EM 2008 als völlig zerstrittene Gemeinschaft die Spitze des deutschen Fußballs aufgeschreckt. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) herrschte Befremdung, nachdem Lahms „feiner Unterschied“ am zweiten Tag in Auszügen via „Bild“-Zeitung in die Öffentlichkeit transportiert wurde. In den Handel soll das 19,90 Euro teure Buch am Montag gelangen.

„Um die Situation seriös bewerten und sorgfältig einordnen zu können, müssen unsere Entscheidungsträger erst einmal das Gesamtwerk kennen, um sich so einen kompletten Überblick über die Inhalte und Zusammenhänge zu verschaffen“, erklärte DFB-Mediendirektor Ralf Köttker.

Für schwierige Entscheidungen muss etwas Zeit gewonnen werden. Nachdem Präsident Theo Zwanziger und DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach den Fall im Laufe des Tages begutachtet hatten, machten sie ihn zur Chefsache. Normalerweise liegen Belange der Nationalmannschaft bei Harald Stenger, dem früheren DFB-Direktor, der in die Rolle des Teamsprechers gewechselt ist.

Das Ausplaudern von internen Vorgängen steht bei der deutschen Nationalmannschaft auf dem Index und müsste nach den bisherigen Gepflogenheiten eine Strafe nach sich ziehen. Bundestrainer Joachim Löw, das gilt als sicher, wird über die Preisgabe von Mannschaftsgeheimnissen „not amused“ sein.

Für die Kennzeichnung des Teams, das vor zwei Jahren Vize-Europameister wurde, als „zerstrittenen Haufen“, benutzt Lahm sogar Löw, der das damals bestritten hat, als Zeugen. Der Trainer habe erkannt, dass die Mannschaft frische Energien brauche. Mit der EM 2008 begann der Fall von Kapitän Michael Ballack, den Lahm schließlich nach Streitigkeiten ablöste.

„Ältere Spieler scheißen junge Spieler auf dem Platz zusammen. Statt füreinander in die Bresche zu springen, zieht einer den anderen runter“, beschrieb Lahm das Geschehen in der Nationalelf beim 1:2 gegen Kroatien im zweiten EM-Spiel in Klagenfurt. Einige hätten mit „demonstrativer Körpersprache“ demonstriert, dass sie keine hundertprozentige Leistung abliefern wollten. „Durcheinander und Gemecker“ habe auf dem Spielfeld geherrscht. Bei der Aussprache am Tag darauf hätten „manche Spieler keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen andere gemacht“.

Die Frage, ob Schriftsteller Lahm mit seiner Indiskretion sensibler Vorgänge aus dem innersten Kreis Kapitän der Nationalmannschaft bleiben kann, wird sich in den nächsten Tagen stellen. Harald Schumacher flog nach einer Buchveröffentlichung Ende der 1980er Jahre aus der Nationalmannschaft und wurde vom 1. FC Köln verkauft, Lothar Matthäus wurde beim FC Bayern als Kapitän nach seinen Früh-Memoiren abgesetzt.

„Da ist Philipp Lahm, der eigentlich einen guten Charakter hat, nie negativ auffällt und immer moderate Interviews gibt, ein bisschen falsch beraten“, sagte der frühere Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld im Fernsehsender Sky. „Ich finde das eigentlich nicht günstig, denn als aktueller Nationalspieler sollte man sich ein wenig zurückhalten. Das ist ein Buch, das Kritik übt an seinen Vorgesetzten“, erklärte Hitzfeld. „Man fragt sich, warum hat er die Kritik nicht früher angebracht? Als Klinsmann da war, als van Gaal da war, hat er sich ja auch immer zurückgehalten. Und das finde ich eigentlich schade.“

Völler fand am Mittwoch nichts schade, der frühere DFB-Teamchef war wütend. Er bezeichnete Lahms Beschreibungen, die ein Österreicher zu Papier gebracht haben soll, als „erbärmlich und schäbig“. Lahm habe „null Charakter“ schimpfte Völler. Nicht nur in der „Bild“, die Lahms wenig positive Schilderung von Klinsmann als Bayern-Coach zur Serien-Eröffnung am Dienstag und die negativen Interna aus dem DFB-Team am Mittwoch gedruckt hatte, sondern auch in der „Rheinischen Post“ waren Buchauszüge erschienen. Zwar besitzt „Bild“ eigentlich die Exklusivrechte an einem Vorabdruck, aber dem Verlag soll der Fauxpas unterlaufen sein, dass einige Exemplare zu früh in den Verkauf gerieten.

Lahms Darstellung von Völlers Arbeit müssen für einen Trainer als vernichtend empfunden werden. „Mir kam das so vor, als würden ein paar Kumpels zusammen in die Ferien fahren. Wir trainierten nichts Spezielles, lustig, ja, und völlig unsystematisch“, lauten Lahms Vorwürfe schwarz auf weiß an die Adresse des heutigen Leverkusener Sportdirektors. Der Verteidiger, damals 19 Jahre alt, wurde von Völler erst im Februar 2004 in die Nationalelf geholt und bestritt lediglich neun Spiele bis zum frühen EM-Ausscheiden in Portugal unter der Regie des Teamchefs, der zwei Jahre zuvor den DFB zur Vize-Weltmeisterschaft geführt hatte.

Beim FC Bayern wurde verhalten reagiert. „Lahm hat ein Buch geschrieben. Was sollen wir sagen?“, erklärte Medienchef Markus Hörwick. „Der Boulevard hat das komprimiert abgeschrieben. Bevor das Buch kurz und klein gemacht wird, sollte man es erst ganz lesen.“

Bei einigen Fans steht die Sache jedoch schon fest. Auf Lahms Facebook-Seite wird dem Profi empfohlen: „Philipp, wechsel Deinen Berater, der Dir wahrscheinlich den Mist eingeredet hat, ein Buch zu schreiben. Arbeite lieber an besseren Leistungen im Fußball. Das Ganze war stümperhaft“, lautet einer der kritischen Beiträge. Tatsächlich soll Berater Roman Grill diese Buchveröffentlichung auch mit kalkulierten Kontroversen vorbereitet haben. Der brave Philipp, der gerne wie ein Politiker sprechende Lahm, könne ein neues markantes Profil gebrauchen.