"Wir müssen Golf beschleunigen"

Zu teuer, nur etwas für Alte mit viel Zeit? Alexander Baron von Spoercken will mit den üblichen Klischees aufräumen

Lüdersburg. Martin Kaymer will einen Golfboom auslösen, kündigte er gestern in München an (siehe Bericht rechts). Aber wie realistisch ist das? Alexander Baron von Spoercken gilt als Trendsetter in Sachen Golf in Deutschland. Der 63-Jährige begnügt sich nicht nur mit dem Betreiben zweier Plätze in Lüdersburg, dazu treibt er mit der Clubhaus AG den Bau von öffentlichen (Kurz-)Plätzen voran und setzt sich als Vorsitzender des Bundesverbandes Golfanlagen für bessere Strukturen ein.

Abendblatt:

Baron von Spoercken, wann setzt denn nun der Golfboom ein?

Alexander Baron von Spoercken:

Der Golfsport in Deutschland ist mit rund vier Millionen Interessierten, aber nur gut einer Million aktiven Spielern laut Studien ein schlafender Riese. Insofern ist Kaymer eine Riesenchance, zumal ich mir sicher bin, dass er keine Eintagsfliege ist. Der Junge hat einen Plan. Das Problem ist nur, dass er zwar auf dem Weg zu einem Superstar ist, ihn hier aber kein Mensch kennt ...

... weil ihn kaum einer sehen kann.

Dass die 'Action' im Golf mit einer Zeitverschiebung von bis zu neun Stunden in den USA stattfindet und die Rechte beim Bezahl-Fernsehen liegen, ist eindeutig ein Nachteil, ja. Schon bei Dirk Nowitzkis Popularitätsanstieg in Deutschland hat sich dieser Umstand verzögernd ausgewirkt. Ein wesentliches Problem ist nun mal, dass sich die Zahl der übertragenen Golfstunden im Free-TV in den letzten zehn Jahren von 350 auf 140 verringert hat. Dabei sind die Medien der Nährboden, auf dem jeder Sport gedeiht.

Warum braucht Golf diese öffentliche Anschubhilfe?

Wir haben sicher noch ein kleines Imageproblem trotz zahlreicher Initiativen wie St. Pauli Golf, der HSV-Golfabteilung oder dem Verein clubfreier Golfer. Noch immer hält sich hartnäckig die Meinung, dass Golf etwas für alte und vor allem reiche Menschen sei. Dabei ist das Blödsinn. Golf kostet nicht mehr als die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio.

Ist in den bestehenden Strukturen mit den Klubmitgliedschaften überhaupt eine Entwicklung weg von einer Randsportart zum Massensport möglich?

Diese Klubsysteme werden ja bereits durch neue Konzepte und Anlagetypen überholt. Wir müssen Golf einfacher machen, Golf ist viel zu kompliziert und mit Regularien behaftet, das will heute kein Mensch mehr. Die Leute wollen frei und unabhängig sein, keine langwierigen Prüfungen für die Platzreife ablegen. Allein der Begriff Platzreife wirkt schon abstoßend und unattraktiv.

Sie bieten Online-Prüfungen für die Platzerlaubnis an, ist das nicht lebensgefährlich? Golfbälle sind hart.

Keiner springt doch vom Fünf-Meter-Brett, ohne schwimmen zu können. Beim Skifahren ist es das Gleiche. Was ich damit meine: Wir sollten es stärker der Vernunft der Leute überlassen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Bis jetzt wacht der Verband mit seinen Regeln darüber, dass die Mauer um den Golfsport dicht und hoch bleibt.

Wie wollen Sie mehr Menschen für Golf begeistern?

Durch Erhebungen wissen wir, dass der Durchschnittsgolfer nicht bereit ist, länger als 20 Minuten zu einem Platz zu fahren. Wir müssen also das Image verbessern und den Sport "beschleunigen", dichter an die Menschen ran. Neun-Loch- statt 18-Loch-Anlagen sind das ganze Vergnügen in der halben Zeit. In Hamburg gibt es Anzeichen dafür, dass man die Zeichen der Zeit erkannt hat, nehmen Sie Red Golf in Moorfleet oder die Golf Lounge. Allerdings wird es immer einen Markt für den typischen Klubspieler geben.

Sie betreiben Citygolf in Köln und München. Wie unterscheiden sich diese Gelegenheitsgolfer von den Klubspielern?

Sie werden staunen, 40 Prozent unserer Kunden sind Klubspieler, die unsere Anlage als komplementäres Angebot verstehen. Unsere Befragungen zeigen aber deutlich: Diese Golfer wollen in erster Linie Spaß, welches Handicap sie haben, ist für sie völlig uninteressant.

Wie schnell werden diese neuen, modernen Anlagen kommen?

Nach der Finanzkrise zeigt sich, dass es enorm schwer ist, neue Golfanlagen zu finanzieren. Die Banken sind zögerlich, Investoren vorsichtig hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit von Golfanlagen. Dazu kommt, dass es in den 90er-Jahren eine Verdopplung des Angebots an Anlagen gegeben hat, was an der Nachfrage vorbeiging, auch wenn es jedes Jahr 30000 neue Golfer gibt. Dies hat zu einem teilweise brutalen Preiskampf geführt. Es bleibt daher abzuwarten, wie schnell sich neue, zeitgemäße Anlagen durchsetzen. Der Markt wartet darauf.