Leichtathletik-EM

Betty Heidlers goldener Wurf in Barcelona

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Hammerwurf-Goldmedaille und zwei Medaillen im Hochsprung. Carsten Schlangen holt über 1500 Meter die erste Männer-Medaille.

Barcelona. Als ihr Hammer die Chancen der Konkurrenz buchstäblich zertrümmert hatte, reckte sie die Arme in den Abendhimmel von Barcelona und ließ sich von 25 000 Zuschauern in der Olympiaarena für das zweite Gold ihrer Karriere feiern. "Auf diesen Sieg hatte ich spekuliert", meinte die 25 Jahre alte Weltmeisterin von 2007 und WM-Zweite von Berlin 2009. Selbstsicher hatte die Bundespolizistin zuvor schon überall verkündet: "Mein Ziel ist mindestens Silber."

Betty Heidler hat sich binnen zweier Jahre von der wankelmütigen Athleten, die mehrfach als Favoritin scheiterte, zuletzt als Fünfte bei Olympia 2008 in Peking, zur zuverlässigsten Athletin der Werfer-Nation gewandelt. "Betty hat ihre Lektion gelernt", sagte Trainer Michael Deyhle schmunzelnd, der die gebürtige Berlinerin durch viele Täler nun zu neuen Höhen führte.

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Mit 75,92 Meter hatte die "nebenbei" Jura studierende EM-Fünfte von 2006 im zweiten Durchgang die Konkurrenz geschockt. Als sich die wegen Dopings zwei Jahre gesperrte ehemalige Weltrekordlerin Tatjana Lysenko (Russland) im vierten Versuch auf 75,65 Meter steigerte, setzte Heidler gleich einen drauf - und überbot ihre Saisonbestmarke im fünften Durchgang auf 76,38 Meter. Damit näherte sie sich bis auf 74 Zentimeter ihrem letztjährigen deutschen Rekord. Auch Anita Wlodarczyk, die Heidler 2009 in Berlin das WM-Gold entrissen hatte, war nach Rückenproblemen mit 73,34 Meter als Dritte diesmal chancenlos.

Die Pleiten ihrer Werfer-Kolleginnen in Barcelona hatten sie unbeeindruckt gelassen; sowohl das Scheitern ihrer Klubkameradin Katrin Klaas, die als WM-Vierte in der Qualifikation unterging, als auch Rang acht durch Diskus-Favoritin Nadine Müller und die klar verfehlten Medaillen im Kugelstoßen. "Ich lasse diese Dinge nicht wirklich an mich heran, sonst kann es der eigenen Leistung schaden. Ich besinne mich ganz auf mich, damit fahre ich erfolgreich", sagte die starke Frau, die selbst genug Fehlschläge erlebt hatte.

Für Heidler war es die dritte große Medaille ihrer Karriere, für Stabhochspringerin Silke Spiegelburg nach Silber bei der Hallen-EM die erste im Freien, für ihre Kollegin Elisaveta "Lisa" Ryzih und 1500-Meter-Läufer Carsten Schlangen die ersten überhaupt. "Es wurde Zeit, dass diese Medaille kam. Ich hätte sie gern schon letztes Jahr in Berlin gewonnen", meinte Spiegelburg, die Tränen vergossen hatte, als sie bei der Heim-WM auf Platz vier landete. Bis 4,65 Meter leistete sich die 24-Jährige, die zum Auftakt der Diamond League in Doha gesiegt hatte, keinen Fehlversuch. Bei 4,70 Meter scheiterte die Olympiasiebte zweimal und hob den letzten Sprung wie die frühere U-20-Weltmeisterin Ryzih für 4,75 Meter auf. Beide scheiterten. Die Russin Swetlana Feofanowa, 30, gewann mit ebendieser Höhe.

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Carsten Schlangen, der 1,90 Meter lange Berliner, schien wie infiziert von den Medaillen der anderen. Bisher war er vier Mal deutscher Meister, aber international immer nur Mitläufer. "Mein Ziel war das Finale. Und hier wollte ich fighten bis zum Umfallen", meinte der 29 Jahre alte Architekturstudent. Das tat er. Seinem langen Schlussspurt wusste nur der Spanier Arturo Casado zu widerstehen. Diese Endspurtstärke kam nicht von ungefähr. "Ich habe viel an meiner Spritzigkeit trainiert - und zwar auf Rasen", berichtete er. "Vielleicht hat mir das den letzten Kick gegeben." Schlangen zeigte aber auch eine taktische Meisterleistung und unbändigen Willen, vorne mitmischen zu wollen und unbedingt auf einen Medaillenrang zu laufen. "Ich wollte es machen auf den letzten Metern, und ich habe es durchgezogen. Ich habe immer versucht, im vorderen Drittel des Feldes mitzuschwimmen, ich habe jedoch nicht mit aller Gewalt meinen Platz gehalten", erzählte er, "das kostet unterwegs auch zu viele Körner. Am Ende hatte ich wohl deshalb noch die nötigen Reserven."

"Großartig dieses Gold von Heidler. Und wer hätte Silber durch Carsten Schlangen erwartet?", meinte ein entspannter Clemens Prokop, der als Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) versprach: "Die Medaillenzahl von bisher sieben kann sich fast noch verdoppeln. Ich sehe am Sonnabend und Sonntag noch Chancen auf zehn Medaillen und darunter einige Titel. Wir liegen nach dem schwachen EM-Start jetzt voll im Soll."