Sportgespräch mit Hans-Joachim Stuck

"Schumacher ist sein Ruf wurscht"

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In einer Woche beginnt in Bahrain die 61. Saison der Formel 1. Die Einschätzung eines Experten.

Hamburg. Welche Chancen hat Rückkehrer Michael Schumacher, wer sind die Favoriten, welche Zukunft hat die Formel 1? Hans-Joachim Stuck, der in den 70er-Jahren selbst 74 Grand-Prix-Rennen bestritt, ist langjähriger Beobachter der Szene. Er gibt Antworten.

Hamburger Abendblatt: Herr Stuck, die neue Formel-1-Saison wird vom Comeback Michael Schumachers überstrahlt. Was trauen Sie ihm zu?

Hans-Joachim Stuck: Erst einmal begrüße ich das sehr. Zweitens verstehe ich ihn, auch mich juckt es ja manchmal ... Von seinen Fähigkeiten her fährt er vorn mit, keine Frage. Nur wird ein ganz wichtiger Faktor sein Auto sein. Wenn ihm Ross Brawn und Mercedes ein Fahrzeug hinstellen, das von der Basis her stimmt, ist er mit dabei. Aber wenn da irgendein Problem auftaucht und das Auto nicht gleich bei der Musik ist, wird es auch für Schumacher schwierig werden - weil er einfach im Vergleich zu seinen Ferrari-Zeiten nicht mehr diese uneingeschränkten Testmöglichkeiten hat, wo er tagelang in Maranello und Mugello herumfahren und die Probleme aussortieren konnte. Durch die Angleichung der Technik sind die Teams unglaublich eng beieinander. Was früher Sekunden waren, sind heute Zehntel. So ist Schumachers Comeback eine mutige Entscheidung, weil er natürlich auch viel verlieren kann.

Abendblatt: Riskiert er sein eigenes Denkmal?

Stuck: Ihm persönlich ist das völlig egal. Michael Schumacher ist ein Renntier. Er hat in seinem Leben nichts anderes gemacht als Rennsport. Mit dem Aufhören hat er sich nie wirklich beschäftigt. Das würde er vielleicht erst merken, wenn es in die Hose gehen sollte. Aber er ist gesettelt, er hat alles - und sein Ruf? Na, ja, es wäre schade, aber das ist ihm wurscht.

Abendblatt: Setzt der Körper nicht irgendwann Grenzen? Wie lange kann man auf diesem Niveau Formel 1 fahren?

Stuck: Das ist ein wichtiger Punkt. Auch Schumacher wird mit großen Augen schauen, wenn er gegen eine neue Fahrergeneration wie einen Vettel, einen Alonso, einen Hamilton antritt. Das ist ja kein Oktoberfest. Die Burschen sind ein ganzes Stück jünger und risikobereiter. Da kann er im Qualifying schon mal das eine oder andere Hundertstel wegen der Risikobereitschaft und des ganz normalen "körperlichen Abbaus" liegen lassen. Im Rennen wird ihm dagegen die Neuregelung zugute kommen, dass nicht mehr nachgetankt werden darf. Er muss zusammen mit Ross Brawn eine Abstimmung für das ganze Rennen erarbeiten. Da sehe ich seine große Stärke.

Abendblatt: Sie kennen Michael Schumacher. Was hat ihn aus Ihrer Sicht getrieben, es noch einmal zu versuchen ?

Stuck: Schon der Rücktritt war ja umstritten. Ich bin sicher, dass er gehen musste, weil Ferrari schon Kimi Räikkönen verpflichtet hatte. Michael war einfach mit dem Thema noch nicht fertig. Er hat dieses Renn-Gen im Körper, und er kann es nach wie vor. Ihm macht der Rennsport Spaß, das ist sein Leben. Warum sollte er damit aufhören? Er hat mal zu mir gesagt: "Du hast es gut, du warst in der Formel 1 nicht so erfolgreich, und du kannst jetzt irgendwo Langstreckenrennen fahren, und wenn du da mal geschlagen wirst, spielt das keine große Rolle." Wenn ein Schumacher irgendwo anders antritt, wollen ihn alle besiegen. Auch deshalb ist er Motorradrennen gefahren. Da konnte er nicht eingeordnet werden. Aber wenn er jetzt wieder Formel 1 fährt, muss er natürlich etwas bringen.

Abendblatt: War der Wechsel zu Mercedes der richtige Schritt?

Stuck: Ich war sehr überrascht. Zum einen, weil Mercedes einen anderen Weg geht als andere Hersteller und auf die Formel 1 setzt. Wenn das schiefgeht, wäre es für das Unternehmen der Super-GAU. Aus Schumachers Sicht ist die Kombination perfekt - ein deutscher Fahrer in einem (halb-)deutschen Auto. Der Daimler-Konzern kann einen Michael Schumacher viel besser nutzen, als Ferrari das konnte. Ob sie Werbung machen mit dem SLS oder ihn auf Ausstellungen präsentieren - so etwas tut Mercedes unheimlich gut. Aus Marketing-Sicht ist das ein genialer Schachzug.

Abendblatt: Mercedes muss aber lernen, dass alle jetzt über den Fahrer reden, nicht mehr über die Silberpfeile ...

Stuck: Gott sei Dank ist Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug, den ich sehr schätze, jetzt aufgewacht. Deutscher Fahrer, deutsches Auto - das ist die ideale Mischung, auch wenn Mercedes da vielleicht mal hintenan steht. Das ganze Umfeld, das Schumacher mitbringt, ist ja wie zwei Sechser im Lotto. Und man merkt schon, wie schnelllebig die Zeit ist: Wenn man jetzt Schumacher im Mercedes sieht, ist Ferrari schon längst vergessen.

Abendblatt: Es fährt ja nicht nur ein Deutscher bei Mercedes. Welche Rolle hat Nico Rosberg?

Stuck: Auf Nico wird ein unverständlich großer Druck ausgeübt. Wer muss denn bitte einen siebenmaligen Weltmeister schlagen? Wenn er nur ein Zehntel weg ist, hat er seine Aufgabe völlig erfüllt. Der Nico kann in aller Ruhe seinen Job machen. Der ganze Hype um Schumacher berührt ihn nicht. Ich bin überzeugt, dass er ihm sehr nahe kommen und sicher auch mal schneller sein wird.

Abendblatt: Mercedes ist eine Ausnahme. Ansonsten verlassen die großen Werke die Formel 1. Auch zu Ihrer Zeit fuhren nur Ferrari und die britischen Teams. Eine gut e Entwicklung?

Stuck: Das ist hervorragend. Je mehr sich die Hersteller involvieren, um so komplizierter wird es. Sie sind zu wankelmütig, sie nehmen zu viel Einfluss, sie wollen alles bestimmen, alles regieren. Für mich reicht es, auch aus der Sicht des Volkswagen-Konzerns, vollkommen aus, als Hersteller einen Motor zu liefern. Das ist billiger, man kann mehrere Teams beliefern, man hat nicht die Schmach, wenn man hinterherfährt, und man partizipiert, wenn man gewinnt. Wir brauchen in der Formel 1 die Vielfalt. Jetzt haben wir 24 Autos, vielleicht werden es mal 28 sein. Die Hersteller haben es zwar gut gemacht, aber eindeutig überzogen. Da standen dann hinter jedem Fahrer ganze Marketingkolonnen. Ich habe es als Fernsehreporter erlebt: Da mussten wir schon vor dem Rennen die Fragen einreichen! Dieser Blödsinn hört jetzt endlich wieder auf.

Abendblatt: Noch ein Wort zu Sebastian Vettel. Viele schätzen ihn sehr stark ein, es hapert aber noch mit der Zuverlässigkeit des Autos. Was trauen Sie ihm zu?

Stuck: Für mich ist Vettel absoluter Titelfavorit. Der Red Bull scheint wieder so schnell zu sein wie im vergangenen Jahr. Der technische Direktor Adrian Newey ist ein Genie. Die Probleme scheint man schnell aussortieren zu können. Vettel hat's drauf - und er wird, auch wegen Schumacher, in Ruhe gelassen.

Abendblatt: Können wir von den anderen deutschen Fahrern etwas erwarten?

Stuck: Ich hoffe, dass Adrian Sutil bei Force India ein Auto bekommt, mit dem er auch ins Ziel fahren kann. Wenn er auf der Straße bleibt, hat er große Chancen. Und Sie wissen ja, dass ich ein großer Timo-Glock-Fan bin. Leider sitzt er gemessen an seinen Fähigkeiten in einem Auto (das neue Virgin-Team, d. Red.), das seiner nicht würdig ist.

Abendblatt: Werden die Rennen durch das Tankverbot interessanter oder besteht die Gefahr, dass man gar nicht mehr überholen kann?

Stuck: Die Formel 1 wird nicht schlechter sein als im vergangenen Jahr. Diese spektakulären Tankstopps waren doch künstlich. Jetzt hätte mir allerdings ein einziger Reifenwechsel gereicht. Ich glaube, wir werden auch Überholmanöver sehen. Die neue Fahrergeneration lässt ja nichts anbrennen, die schenkt sich nichts, da wird schon gefightet.

Abendblatt: Wer ist Ihr Favorit auf die Weltmeisterschaft?

Stuck: Vettel muss man auf dem Zettel haben. Fernando Alonso und Ferrari können den hohen Erwartungen wohl noch nicht gerecht werden. Und Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes ist nicht zu unterschätzen. Aber erst in einer Woche, beim ersten Training in Bahrain, müssen die Burschen die Hosen herunterlassen. Da zeigt sich, wer beim Testen geblufft hat und wer nicht.

Abendblatt: Hat die Formel 1 angesichts der Wirtschaftskrise und der Umweltprobleme überhaupt noch eine Zukunft?

Stuck: Der Motorsport steht vor einer großen Wende. Er muss Mittel und Wege finden, wieder Vorreiter für technische Lösungen zu werden. Hybrid, Wasserstoff und Gas sind nur Zwischenlösungen. Für mich ist das Zukunftsmodell die Elektrik. Ein Elektromotor hat einen enormen Wirkungsgrad und ein Mordsdrehmoment, damit kann man sicher guten Sport machen. Für die Formel 1 wäre das eine wichtige Konsequenz, um dem Sport nicht irgendwann die Grundlage zu entziehen.

Abendblatt: Sie sind Repräsentant für den Bereich Motorsport im VW-Konzern. Gibt es in Ihrem Haus Ambitionen, in die Formel 1 einzusteigen, zum Beispiel, wenn der sogenannte Weltmotor kommt, der vielfältig einsetzbar ist?

Stuck: Wir warten auf eine Entscheidung des Weltverbandes Fia über ein vernünftiges Motorenreglement. Dann werden wir über dieses Thema nachdenken. Im Rallyesport funktioniert das ja schon.

Abendblatt: Und wann sitzen Sie selbst wieder im Rennwagen?

Stuck: In drei Wochen beim zweiten Lauf zur Langstreckenmeisterschaft auf dem Nürburgring. In einem Audi R8.