Tennis: Michael Stich zieht erste Bilanz

"Zu 80 Prozent gibt es 2010 wieder ein Turnier"

Der Turnierdirektor will in den nächsten Wochen über eine Fortsetzung im kommenden Jahr entscheiden. Gesucht wird ein Titelsponsor.

Hamburg. Michael Stich wird die diesjährige Tennisveranstaltung am Rothenbaum in schmerzhafter Erinnerung behalten. Eine Knieverletzung stoppte seinen sportlichen Einsatz beim Showturnier der Legenden, "die erste in meiner Karriere". 40 Jahre alt musste er für diese Erfahrung werden, doch die Ärzte gaben Entwarnung. "Sie haben mir gesagt, dass ich weiterspielen kann", berichtete Stich.

Ob am Hamburger Rothenbaum in den nächsten Jahren weiter Tennis gespielt wird, darüber haben Turnierdirektor Stich und sein Partner Detlef Hammer bislang nicht entschieden. Sechs bis acht Wochen Zeit wollen sich die beiden Gesellschafter der veranstaltenden Hamburg Sports & Entertainment GmbH (HSE) geben, um alle Zahlen zu prüfen. "Wir werden alles dafür tun, dass es hier weitergeht. Wir sind angetreten, um dieses hochklassige Event noch viele Jahre fortzuführen. Zu 80 Prozent wird es auch 2010 ein Tennisturnier am Rothenbaum geben. Eine definitive positive Aussage wäre zu diesem Zeitpunkt aber nicht zu verantworten", sagte Stich. Das klang in den vergangenen Tagen schon mal optimistischer.

Zwei Faktoren werden die Fortsetzung des Turniers bestimmen: ob in diesem Juli die von Stich geforderte schwarze Null geschrieben wird, danach sieht es momentan aus, und sich in den nächsten Monaten ein Titelsponsor für das kommende Jahr finden lässt. Der österreichische Online-Wettanbieter Bet-at-home mit Lizenz aus Malta steht zwar wieder bereit, der Europäische Gerichtshof fällt jedoch frühestens im Frühling 2010 sein Grundsatzurteil, ob der deutsche Glücksspielstaatsvertrag mit der Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit des EU-Rechts vereinbar ist. Der Termin kommt für den Rothenbaum zu spät. Diesmal hatte das Hamburger Verwaltungsgericht der HSE jegliche Werbung mit dem privaten Wettbüro untersagt. Bet-at-home erfüllte dennoch seine finanziellen Zusagen, zahlte 400 000 Euro.

Rechnet man Stichs 80-Prozent-Wahrscheinlichkeit auf den Turnieretat von rund 3,2 Millionen Euro herunter, wäre von einer strukturellen Finanzierungslücke für 2010 über 640 000 Euro auszugehen. Wahrscheinlich muss die HSE bis zum Herbst insgesamt eine Million Euro neu akquirieren, um dem Turnier die monetäre Machbarkeit für die Zukunft zu sichern. Auch der Zuschuss des Deutschen Tennisbundes (DTB) von rund 400 000 Euro steht zur Disposition. Er wird wahrscheinlich gestrichen. Der DTB wollte schon in diesem Jahr nichts mehr für den Rothenbaum zuzahlen - verständlich nach Millionenverlusten mit dem Turnier seit 2001.

Insgesamt 50 000 Zuschauer waren in der vergangenen Turnierwoche auf der Anlage, Eintritt zahlten weniger als 40 000. Im vergangenen Jahr, als der Rothenbaum noch den höheren Masters-Status hatte, kamen 93 513. "Das wechselhafte Wetter mit dem vielen Regen hat uns sicherlich nicht geholfen, auch hätte ich mir einen deutschen Spieler im Halbfinale oder Finale gewünscht", sagte Stich. "Unser Ziel ist es, künftig noch mehr Besucher auf die Anlage zu locken." Er will die Eintrittspreise modifizieren, Familientickets einführen und die Werbung für das Turnier im Umland verstärken. "Das wäre auch eine Aufgabe für den Hamburg-Tourismus." Von der Stadt fühlen sich Stich und der DTB weiter nicht in dem erhofften Maße unterstützt. Der Dank Stichs und des DTB-Präsidenten Georg von Waldenfels galt daher in erster Linie Frank Horch, dem Präses der Handelskammer. Horch hatte unter großem persönlichem Einsatz die Hamburger Wirtschaft zum Einstieg am Rothenbaum motiviert. Die Stadt dagegen hatte lange um ihre Zuwendung von 200 000 Euro gerungen. Das mag der Grund gewesen sein, dass Sportsenatorin Karin von Welck (parteilos) nicht zur Siegerehrung auf den Centre-Court gebeten wurde.

Beifall, der Mut machte, erhielt Stich von Spielern und Zuschauern für die Organisation des Turniers und die Gestaltung des Publikumsbereichs. Die Anlage strahlte in frischer Optik, lud zum Verweilen ein und trug zur entspannten Stimmung bei. "Es sind die vielen Kleinigkeiten, die perfekt waren, die zeigen, dass hier Leute mit Herz und Verstand am Werk sind. Ich habe mich hier zu Hause gefühlt", sagte Turniersieger Nikolai Dawidenko. Und DTB-Präsident von Waldenfels lobte: "Der Einsatz von Michael Stich ging weit über das Normalmaß hinaus."

Eben bis an die Schmerzgrenze.


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