FC St. Pauli: Stadionplaner ziehen sich zurück

Streit ums Millerntor: Erster Unternehmer klagt

1,3 Millionen Euro Mehrkosten beim Bau der insgesamt 14 Millionen Euro teuren Südtribüne waren vermeidbar.

Hamburg. Die neue Südtribüne des Millerntorstadions: stolzes Wahrzeichen des Aufschwungs bei Zweitligaklub FC St. Pauli. Bestaunt, beklatscht, bejubelt. "Sie ist unverwechselbar wie unser Verein selbst - von oben nach unten und von innen nach außen", sinnierte Präsident Corny Littmann im November auf der Jahreshauptversammlung (JHV) des Klubs. Ein Satz, der beim Blick hinter die Fassade in neuem Licht erscheint. Denn der insgesamt 14 Millionen Euro teure Bau hat Missgunst gesät. Beteiligte Unternehmen berichten von Zwist, groben Fehlern und Unprofessionalität. Mit mindestens zwei Partnern liegt der FC St. Pauli im Rechtsstreit. "Es scheinen alle im Krieg auseinandergegangen zu sein", sagt Christian Witzger, Geschäftsführer der AGN-Gruppe. Die AGN, als Architekturbüro mit der Planung des Stadions betraut, zog sich vorzeitig zurück. Eine ungewöhnliche Entscheidung. "Man hatte uns gesagt, dass die nächste Tribüne sofort nach Fertigstellung der Südtribüne gebaut wird", erklärt Witzger, "aber das war nicht so. So gut St. Pauli Fußball spielt und so toll die Fans sind, so unprofessionell hat sich der Klub bei der Planung des Stadions präsentiert."

Während sich die Architekten mit dem Verein außergerichtlich über die Modalitäten der Vertragsauflösung einig werden konnten, hat die Gestaltungswerkstatt "Kunstwerk St. Pauli" die Mühlen der Justiz bemüht. Beim Landgericht Hamburg ging Montag eine Klage ein, die den Klub zu einer Zahlung von 15 000 Euro auffordert. "Wir wissen davon nichts", sagt Michael Meeske, Geschäftsführer des FC St. Pauli und der Millerntorstadion-Betriebsgesellschaft (MSB). Das Schriftstück wird dem Verein in den nächsten Wochen zugestellt.

Die Gestalter, die ein Salär von 85 000 Euro erhielten, sind enttäuscht. "Die Summe bezog sich auf zwölf Monate. Doch durch die Verzögerungen auf der Baustelle zogen sich auch unsere Arbeiten in die Länge", sagt Geschäftsführer Johannes Wienand, der mit seinem Partner Marco Reyes Loredo von August 2007 bis März 2008 unentgeltlich weiterarbeitete. "Niemand hat uns gesagt, dass wir die Arbeit einstellen sollen. Auch den von uns mehrfach eingeforderten Vertrag haben wir nie bekommen", ärgert sich Wienand. Nach einem Gespräch mit Littmann und Meeske sowie St. Paulis Projektbetreuern Wolfgang Helbing und Torsten Vierkant wurde im April laut Wienand eine Vergleichszahlung von 30 000 Euro beschlossen. Die eine Hälfte traf auf dem Konto ein, die andere nicht.

"Natürlich nicht", sagt Meeske, "die haben gute Arbeit geleistet und sind entsprechend entlohnt worden. Die Vorwürfe aber sind absurd. Die Zahlung war an Zusatz-Leistungen gekoppelt, die letztendlich nicht erbracht wurden und anderweitig eingekauft werden mussten." Zwei Parteien, zwei Meinungen. Das Urteil wird nun ein Richter fällen.

Auch das Institut für Sportstättenbau kommuniziert mit dem Verein nur noch über Anwälte. Instituts-Geschäftsführer Claus Binz war als Projektsteuerer eingesetzt worden, kündigte den Vertrag aber am 10. Oktober fristlos. "Es gab finanzielle Außenstände, das Verfahren läuft", erklärt Binz. St. Pauli erkannte die Kündigung indes nicht an und kündigte daraufhin selbst. Formaljuristische Schachzüge, die auch in den nächsten Wochen noch fortgeführt werden dürften.

Auf sein Geld, einen hohen fünfstelligen Betrag, musste auch Lothar Stelljes lange warten. Seine Baufirma aus Bremervörde zog den Blickfang der Tribüne, die Backstein-Fassade, hoch: "Wir wurden von Generalunternehmer Hellmich Bau mit der Begründung vertröstet, dass St. Pauli schlecht und schleppend bezahle."

Im Fadenkreuz der Kritik steht bei vielen Beteiligten der verantwortliche Projektsteuerer aus Bad Münstereifel. "Herr Binz ist den Erwartungen nicht annähernd gerecht geworden", sagt Meeske. Binz hatte Projektnebenkosten (Steuerberater, Rechtsanwälte, Spesen) in Höhe von 500 000 Euro nicht eingeplant. "Zudem hätte er die unnötigen Fehler, die während der Planungsphase gemacht worden sind, erkennen können."

Hintergrund: Die Logen waren ohne Decken eingeplant worden, für die Spielerkabinen war kein Mobiliar vorgesehen, die Lichtanlage fehlte in der gesamten Tribüne, die Wasseranschlüsse für den Tresen im Clubheim ebenso. Der steht jetzt auf einem nachträglich errichteten Podest. Allein aufgrund von Zeitverzug und nachträglich angefallenen Kosten entstand eine Mehrbelastung von 800 000 Euro. Eine Summe, deren Höhe etwa deckungsgleich mit dem Umbau des Trainingsgeländes an der Kollaustraße ist.

"Irgendwer muss da etwas falsch gemacht haben", sagt Architekt Witzger. "Wir als Verein haben uns nicht viel vorzuwerfen", sagt Meeske verärgert. Binz dagegen, dessen Institut Stadionprojekte wie die SAP-Arena in Sinsheim und die Stadien in Rostock oder Leipzig begleitet hat, kritisiert den Verein: "Es ist doch klar, dass jetzt ein externer Schuldiger gesucht wird. So etwas wie am Millerntor haben wir noch nie erlebt. Rückblickend muss ich sagen, dass es ein Fehler war, diesen Job zu übernehmen."

Beim FC St. Pauli muss man sich zumindest einen Vorwurf gefallen lassen - mit Binz auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. Die Bauabschnitte zwei bis vier werden ohne ihn stattfinden. Aus den Fehlern der Vergangenheit soll gelernt werden.

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