Liechtenstein: Roger Beck ist Jurist und spielt nebenbei im Nationalteam

Raus aus dem Anzug und rauf auf den Platz

Der Fußballplatz in Schaan, hat die Frau vom Liechtensteiner Fußball-Verband gesagt, ist gleich neben der Autobahn, kann man gar nicht verfehlen.

Schaan. Der Fußballplatz in Schaan, hat die Frau vom Liechtensteiner Fußball-Verband gesagt, ist gleich neben der Autobahn, kann man gar nicht verfehlen. Das ist gut formuliert: Im Grunde ist ja ganz Liechtenstein neben dieser einen Autobahn, der Schweizer A13, von der fünf Abfahrten ins Fürstentum Liechtenstein führen. Liechtenstein ist kaum größer als Hamburg-Bergedorf und hat nur knapp mehr Einwohner als Barmbek-Süd: 35 000 Menschen leben hier auf 160 Quadratkilometern. Ein "Zwergstaat", ganz offiziell.

Roger Beck ist hier aufgewachsen, in Schaan, "das ist die bevölkerungsreichste Gemeinde", sagt Beck. Schaan zählt knapp 5800 Bewohner. Dieser Tage ist die lokale Fußball-Nationalmannschaft zu Gast, und jetzt, am Donnerstagvormittag, durften die Fußballer erstmals in diesem Jahr auf den Rasenplatz; davor lag Schnee, nur der Kunstrasen war bespielbar. Sie bereiten sich seit drei Tagen auf das große Spiel am Sonnabend vor, in Leipzig gegen Deutschland. Vor 45 000 Zuschauern: ungefähr 1,3 mal Liechtenstein.

"Es ist immer so", sagt Roger Beck, "wir, die Kleinen, gegen die Anderen." Die Anderen sind immer die Großen, wenn man Liechtensteiner ist und mal von Konkurrenten wie San Marino oder Malta absieht. Auf dem Platz an diesem Donnerstag sieht es auf den ersten Blick aber nicht viel anders aus als bei anderen Mannschaften, man läuft, passt, ein paar Hütchen stehen rum. Nur manchmal sieht man dann doch, dass die meisten hier keine Fußballprofis sind, sondern: Bankangestellte, Studenten, Fitnesstrainer, Polytechniker, oder Anwälte - wie Roger Beck, 25. Genau genommen ist Beck gerade dabei, Anwalt zu werden: Er hat Jura in Innsbruck studiert, und jetzt schreibt er an seiner Doktorarbeit.

Hans-Peter Zaugg, den sie hier nur "Bidu" nennen, ist der Nationaltrainer Liechtensteins. Er sagt über Roger Beck: "Er hat Potenzial, aber wenn man ehrlich ist, spielt er auf einem Niveau, auf dem wir eigentlich keine Nationalspieler haben sollten." Er meint das nicht böse, er mag Beck - aber Beck ist auch ein gutes Beispiel dafür, wo der Liechtensteiner Fußball steht. Beck zum Beispiel hat es geschafft, obwohl immer klar war, dass er nie Profi werden wird.

Er hat alle Jugend-Auswahlmannschaften Liechtensteins durchlaufen und doch seine Priorität schon früh auf das Studium gelegt, er hat auf Sicherheit gesetzt, natürlich: Wer in Liechtenstein eine Ausbildung hat, bekommt ziemlich sicher auch einen Job. Wer sein Geld mit Fußball verdienen will, braucht Glück, viel Glück - wie Mario Frick, quasi der Star der Mannschaft, er spielt in der Serie A beim AC Siena, was geradezu sensationell ist.

Roger Beck läuft für den FC Balzers auf, der, wie alle Liechtensteiner Vereine, im Schweizer Ligensystem spielt. Der FC Balzers ist derzeit Dritter der vierten Schweizer Liga. Am Sonnabend in Deutschland wird Beck nicht von Anfang anspielen, "sicher nicht", sagt Nationaltrainer Zaugg, "aber er ist der erste, der eingewechselt wird", immerhin.

Wenn man Roger Beck nach dem Fußballtraining trifft, steht man keinem jungen Mann gegenüber, der Anzug trägt und ständig seinen Blackberry kontrolliert. Beck sagt, dass er die Abwechslung nach der Arbeit als Jurist sehr genießt. Am Sonnabend nun wird die Abwechslung ganz besonders aufregend: gegen Deutschland hat Roger Beck noch nie gespielt. Er war beim 0:2 in England dabei, im Old Trafford, und er war beim 2:2 zuhause gegen Portugal auf dem Platz. Beck ist offensiver Mittelfeldspieler, bislang hat er ein Tor für die Nationalmannschaft erzielt: Das war gleich bei seinem ersten Einsatz, gegen Mazedonien, ein Seitfallzieher ins kurze Eck. "Ein schönes Tor", Becks Blick schweift ab, als könne er das Tor noch einmal sehen.

Am Sonnabend wird ihm so ein Tor wohl eher nicht gelingen, das Hinspiel gewann Deutschland 6:0. Er hat Respekt vor den Deutschen, aber Videos, sagt Roger Beck, "hab ich mir jetzt nicht extra angeschaut. Ich weiß doch, wie der Lahm und die alle spielen". Ob er einen Wunsch-Trikot für den Tausch nach dem Spiel hat? "Ach was, das ist mir völlig egal", sagt Roger Beck, er ist da ganz nüchtern. Sie sind ja doch dieselbe Person, der Fußballer und der Anwalt.

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