Fifa

Kassierte Blatter 20 Millionen Euro Schmiergeld für WM?

Fifa-Präsident Joseph Blatter gerät vor der Wiederwahl weiter unter Druck.

Zürich. "Krise? Was ist eine Krise?" Joseph Blatter sieht sich auch im größten Skandal des Weltfußballverbandes als verfolgte Unschuld. Der 75 Jahre alte Schweizer, der sich an diesem Mittwoch erneut zum Präsidenten der Fifa wählen lassen will, gab sich gestern Abend auf einer Pressekonferenz in Zürich ahnungslos. Er weigerte sich, weitere Fragen zu beantworten, und stürmte sichtbar leidend vom Podium.

Zuvor hatte Blatter in gewohnt staatsmännisch-nichtssagender Manier sämtliche Vorwürfe und Anschuldigungen zurückgewiesen. Die zur Farce verkommene Präsidentenwahl am Mittwoch verschieben? "Das muss der Kongress mit einer Dreiviertelmehrheit entscheiden." Seine angebliche Eine-Million-Dollar-Zahlung an den Kontinentalverband Nord- und Mittelamerika/Karibik (Concacaf)? Eine Spende für wohltätige Projekte zum 50. Verbandsjubiläum. Korruption bei der Vergabe der WM 2022 an Katar? "Das Exekutivkomitee hat keine Probleme gesehen. Es gibt keinen Grund, dass die Wahl zur WM 2022 wiederholt werden muss." Von einem Verzicht auf seine Kandidatur war nicht die Rede: "Ich freue mich auf vier weitere Jahre als Präsident." Die europäischen Verbände haben inzwischen zur Enttäuschung mancher Kritiker signalisiert, dass sie sich gegen einen Aufschub der Wahl aussprechen.

Und doch ist die Fifa im 107. Jahr ihres Bestehens am Tiefpunkt ihrer Glaubwürdigkeit angekommen. Die Führungsriege droht im Korruptionssumpf zu versinken. Nach Informationen des Sport-Informationsdienstes soll es heute im Züricher Hotel The Grand Dolder eine Pressekonferenz geben, auf der vier Exekutivmitglieder beschuldigt werden, für die umstrittene Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar insgesamt 20 Millionen Dollar an Bestechungsgeldern kassiert zu haben. Von der Belastbarkeit der Anschuldigungen könnte es abhängen, ob sogar die Austragung der WM 2022 auf der Kippe steht. Bei den Beschuldigten, deren Namen ein ehemaliger Fifa-Funktionär nennen will, soll es sich um Issa Hayatou (Kamerun), Nicolas Leoz (Paraguay), Julio Humberto Grondona (Argentinien) und Rafael Salguero (Guatemala) handeln.

Die Fifa bleibt ein Pulverfass, das jeden Tag explodieren kann. Von den 24 Mitgliedern der Exekutive stehen inzwischen zehn unter Betrugsverdacht. Zu allem Überfluss soll Generalsekretär Jerome Valcke in einer E-Mail an das vorläufig suspendierte Exekutivkomitee-Mitglied Jack Warner angedeutet haben, dass Katar die WM 2022 gekauft habe. Der beschuldigte Franzose reagierte mit einem verwaschenen "Nicht-wirklich-Dementi". "Was ich sagen wollte, ist, dass die Sieger ihre finanzielle Kraft genutzt haben, um Lobbyarbeit für ihre Bewerbung zu betreiben", ließ Valcke in einer schriftlichen Stellungnahme mitteilen. "Ich wollte damit nicht sagen, dass Stimmen gekauft worden seien, oder ein anderes anstößiges Verhalten unterstellen", hieß es weiter.

Warner hatte zuvor behauptet, Valcke habe über den inzwischen ebenfalls suspendierten Bin Hammam gesagt: "Ich habe es nie verstanden, warum er kandidiert." Vielleicht habe Bin Hammam geglaubt, "dass man die Fifa kaufen könnte, so wie sie die WM gekauft haben", soll Valcke geschrieben haben.

Am Montag herrschte jedenfalls Alarmstufe eins rund um das schmucke "Home of Fifa" hoch über Zürich. Strenge Sicherheitskontrollen beim Einlass, tagsüber verschlossene Türen am Hauptgebäude, in dem das skandalumtoste und dezimierte Exekutivkomitee tagte und später Blatters Pressekonferenz stattfand.

Bin Hammam, eine der Schlüsselfiguren bei Katars erfolgreicher WM-Bewerbung, hatte am Wochenende seine Kandidatur für das höchste Amt im Weltfußball überraschend zurückgezogen. Neuer Präsident des asiatischen Kontinentalverbandes und Nachfolger Bin Hammams soll der Chinese Zhang Jilong werden. Der 62 Jahre alte Katarer reagierte in der BBC zunächst verwundert auf die neuen Vorwürfe. "Wenn ich Geld für Katar bezahlt habe, müsste man auch die anderen 13 Menschen fragen, die für Katar gestimmt haben." Gegen seine Suspendierung wolle er Berufung einlegen.

Auch das WM-Organisationskomitee Katars wies die Behauptungen zurück. "Wir dementieren kategorisch jegliches Fehlverhalten in Verbindung mit unserer gewonnenen Bewerbung", hieß es in einer Stellungnahme. Man habe "die Fifa dringend um Aufklärung zu dem Statement ihres Generalsekretärs gebeten".

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