DFB-Pokal

Frauenpower: „Das ist das Spiel unseres Lebens“

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Mirko Schneider
Mit ihrem Triumph im Hamburger Lotto-Pokal sicherten sich die Regionalligafrauen des Walddörfer SV das Startrecht für den DFB-Pokal. Dort geht es in Runde drei nun gegen Bayern München.

Mit ihrem Triumph im Hamburger Lotto-Pokal sicherten sich die Regionalligafrauen des Walddörfer SV das Startrecht für den DFB-Pokal. Dort geht es in Runde drei nun gegen Bayern München.

Foto: Sportfoto Gettschat

Fußballfrauen des Walddörfer SV fordern am Sonnabend im DFB-Pokal Bayern München heraus. Gewinnen werden sie wohl nur an Erfahrung.

Hamburg. Manchmal sind die einfachsten Sätze die besten. „Das ist das Spiel unseres Lebens“, sagt Mittelfeldspielerin Katharina Autenrieth (21) vor dem DFB-Pokalkracher ihres Walddörfer SV gegen den FC Bayern München (Sa., 15.30 Uhr, Kunstrasen am Volksparkstadion, Livestream auf Magenta Sport).

Vor der Drittrundenpartie sind die Rollen klar verteilt. Hier die Hamburger Amateurkickerinnen des Walddörfer SV aus der drittklassigen Regionalliga Nord. Dort der dreimalige deutsche Meister und ungeschlagene Tabellenführer der Bundesliga (zwölf Spiele, zwölf Siege, 40:1 Tore) mit Spielerinnen wie Weltmeisterin Simone Laudehr oder der zweimaligen Champions-League-Siegerin Lina Magull in seinen Reihen.

Auf ihrer Webseite griffen die Walddörferinnen diese Ausgangslage humorvoll auf. Ihr „Favoritencheck“ ergab ein 5:5. Zwar siegten die Bayern in Kategorien wie der Anzahl der A-Länderspiele (428:0) oder dem geschätzten Etat (3,5 Millionen Euro versus 20.000 Euro), lagen dafür aber in Spaßrubriken wie Hamburger Meistertitel und Hamburger Pokalsieger jeweils 0:1 hinten.

Frauenmannschaft des WSV im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses

Käme es tatsächlich zu einer Sensation, würde diese passen zur kuriosen Vorgeschichte der Partie. Ursprünglich wollte der WSV wegen des Lockdowns aus gesellschaftspolitischer Verantwortung weder von Ende November an trainieren noch zur Pokal-Zweitrundenpartie beim Regionalligakonkurrenten TV Jahn Delmenhorst am 13. Dezember antreten.

Der DFB erzwang die Partie mit der Androhung des kampflosen Ausscheidens, übernahm jedoch erst nach einigem Druck die Kosten für die Corona-Testungen des Teams. Und ausgerechnet durch den 2:1-Erfolg in Delmenhorst und die Terminierung des Bayern-Spiels auf den 30. Januar war die Frauenmannschaft des WSV am Ende das einzige Hamburger Amateurfußballteam mit einer Trainingsgenehmigung trotz Corona-Pandemie – und stand im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Siegchance fällt klein aus, in Ehrfurcht erstarren will keiner

„Diese Aufmerksamkeit erfüllt uns mit großem Stolz“, sagt die Walddörfer Spielführerin Johanne Wandersleb (21). Sportlich sollen nun Taten folgen. „Die Bayern sind absolute Weltklasse, aber wir wollen uns nicht nur hinten einmauern. Wir sehen auch Chancen für unser Offensivspiel, und dann kann es auch im Tor der Bayern klingeln“, sagt Walddörfers Trainer Niklas Wilkowski (29). Schon 2019 beim Zweitrunden-DFB-Pokalspiel gegen Bundesligist Werder Bremen sprang vor 600 Fans ein achtbares 1:4 heraus. Wie klein die Siegchance gegen die Bayern ist, ist allen bewusst. In Ehrfurcht erstarren will man keinesfalls.

Und eine Siegprämie für den Fall der Fälle? Johanne Wandersleb ist ehrlich überrascht über diese Frage. „Darüber haben wir uns keine Gedanken gemacht. Wir spielen doch nicht des Geldes wegen“, sagt sie. Im Falle eines Sieges müsse der Verein den Spielerinnen doch bitte nichts schenken. Eine bei männlichen Fußball-Amateurteams nahezu undenkbare Einstellung – dort werden in solchen Fällen wie selbstverständlich Prämien gezahlt. Marcel Reimers (29), Vorstand Sport im Verein und Torwarttrainer des Teams, versprach trotzdem „eine Geste in Form einer Feier, sobald es wieder zulässig ist“. Egal, wie das Ergebnis ausgeht.

Münchnerinnen bezahlen Flugkosten nach Hamburg selbst

So schön die fußballnostalgische Seite dieser Begegnung ist, die vergangenen zwei Monate zeigten auch: Es gibt noch viel zu tun im Kampf um die Wertschätzung des Frauenfußballs. So wird der Walddörfer SV mit der Begegnung keinen Gewinn machen. Schließlich erhalten die Vereine bei den Männern für das Erreichen der dritten DFB-Pokalrunde 700.000 Euro, die Walddörferinnen müssen sich mit 4000 Euro begnügen. „Sicher wird im Herrenfußball mehr Geld eingenommen, aber diese Differenz ist viel zu extrem. Da sollte etwas getan werden“, findet Reimers.

Zuschauer sind wegen des Lockdowns nicht zugelassen. Mit gut 1000 Fans hätte der WSV, dessen Spiele in der Regionalliga Nord im Schnitt 100 Zuschauer und Zuschauerinnen besuchen, rechnen können. Die Antrittsprämie geht für die Organisationskosten der Partie drauf. „Wir gehen da wohl mit einer schwarzen Null raus“, sagt Reimers.

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Was nur klappt, weil die Münchnerinnen ihre Flugkosten nach Hamburg selbst bezahlen. Zudem erklärte sich der Hamburger Fußball-Verband (HFV) bereit, seine Rasensportanlage in Jenfeld kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wegen des Schneefalls am Freitag musste die Partie aber verlegt werden. Der HSV sprang ein. Die Walddörferinnen dürfen – ebenfalls kostenlos – auf dem beheizten Kunstrasenplatz des Zweitligisten am Campus spielen. „Die Münchnerinnen und der HFV sind uns sehr entgegengekommen, und der HSV ist sehr großzügig zu uns. Dafür sind wir dankbar“, sagt Reimers. „Nun wollen wir dieses große Spiel genießen.“

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