Tradition

Dudelsack spielen – viel Puste für die schottische Seele

Manchmal ist es besser, das Dudelsackpfeifen in freier Natur zu üben. Da stört man niemanden mit schrägen Tönen und kann sich von der Anstrengung abkühlen.

Manchmal ist es besser, das Dudelsackpfeifen in freier Natur zu üben. Da stört man niemanden mit schrägen Tönen und kann sich von der Anstrengung abkühlen.

Foto: John Warburton-Lee / Getty Images/AWL Images RM

Glasgow steht einmal im Jahr im Zeichen des Dudelsacks. Um das Instrument zu erlernen, kommen Schüler aus aller Welt nach Schottland.

Glasgow.  Der Wettergott ist gnädig, ein knallblauer Himmel spannt sich über Glasgow, das jährlich eine Woche im Zeichen der „Pipes and Drums“ steht. Die markanten Klänge der Dudelsäcke dringen in jede Gasse, durch doppelt verglaste Hotelfenster. Auf dem George Square im Herzen der Stadt bereitet sich der Pipe Band Club auf seinen Auftritt vor; die Hälfte der gut 30 Musiker schnallt sich Trommeln um die Hüften, die andere klemmt sich ihren Dudelsack unter den Arm und das Mundstück zwischen die Lippen.

Sie kommen jedoch nicht aus den schottischen Highlands, sondern direkt aus Sydney. Dudelsäcke in Australien? Was kaum jemand ahnt: Die Piping-Szene zieht sich rund um den Globus. Und diese Auftaktveranstaltungen sind nur eine Kostprobe dessen, was morgen in ein lautes Spektakel münden wird: die Dudelsack-Weltmeisterschaften, kurz „The Worlds“. Von 230 teilnehmenden Bands stammen gut 60 aus aller Welt: Für die WM reisten insgesamt rund 8000 Musiker an, auch aus Ländern wie den USA, Argentinien und Dänemark.

Ein kurzer Blick auf die Uhr, ich muss mich beeilen und bahne mir den Weg durch Glasgows City. Endlich möchte ich jenes Mysterium, den Dudelsack, verstehen und wissen, wie es ist, selbst darauf zu spielen. Wie kriege ich eigentlich die Luft rein und wie und wo kommt sie samt Tönen wieder raus? Dazu habe ich eine Unterrichtsstunde im „National Piping Centre“ gebucht.

Wie eine Mischung aus London und San Francisco

Die schachbrettartig angeordneten, teils ansteigenden Straßenzüge erleichtern die Orientierung in der Innenstadt. Restaurants, Galerien, Geschäfte säumen die belebten Straßen. Moderne Hotels kleben neben alten Jugendstilgebäuden. Taxis und Radfahrer sausen um Straßenecken, an denen Street Art prangt. Glasgow fühlt sich an wie eine Mischung aus London und San Francisco. Quirlig, freundlich, hip. Jetzt noch rechts die Hope Street hinauf, einfach der Musik folgen, denn auch hier: Piper geben sich im Festzelt die Klinke in die Hand.

Im Gebäude treffe ich Wilson Brown, meinen Lehrer. „Hello, welcome to Glasgow“, herzliche Begrüßung, sportlich seine Erscheinung. Kein Wunder, der Mann mit den wasserblauen Augen war drei Jahrzehnte lang im Polizeidienst tätig, bevor er Dudelsack-Lehrer wurde. Brown führt mich zunächst durchs Piping Centre, zeigt oben das Auditorium, im Erdgeschoss das Dudelsack-Museum, die Musik-Bibliothek und den Zugang zum „Pipers’ Hotel“.

Dann stehen wir vor einer Fotogalerie, Champions vergangener Tage lächeln von der Wand. „Hier“, Brown zeigt auf eine Aufnahme von 1996. „Da habe ich Gold im Solo-Piping gewonnen, lange her.“ Dass er im September seinen 57. Geburtstag feiert und zweifacher Großvater ist, sieht man ihm nicht an.

Neulinge spielen auf einer Übungspfeife

„So, zum Üben geht’s nun in den Keller“, sagt mein Lehrer, grinst, klemmt sich schnell noch ein Übungsheft unter den Arm und trabt die Wendeltreppe herunter. Unten geht es zu wie in einem Taubenschlag. Schallisolierte, doppelwandige Übungszellen dicht an dicht. Brown schaut durch die Bullaugen der Türen, schließlich ein freier Raum.

In meiner Vorstellung hieve ich mir jetzt eine Great Highland Pipe auf die Schulter und pruste los. Ich habe mich getäuscht. Brown reicht mir einen sogenannten Chanter, eine Übungspfeife. Sie sieht aus wie eine längere, schmale Blockflöte und ist der untere Melodieteil des Dudelsacks. Ein gutes Jahr müssen Schüler zunächst ausschließlich darauf üben, bis sie Tonleitern im Schlaf beherrschen. Ich verstehe bald, warum.

Brown macht es vor. „Entscheidend ist, dass du die Finger dabei über die Öffnungen hinweg flach ausstreckst, statt sie mit den Fingerkuppen zuzupressen.“ Eine Herausforderung, sie knicken immer wieder ein und der kleine Finger ist einfach zu kurz. Jetzt aber. Es ertönt ein klares „low G“. Mein Lehrer ist zufrieden. „Nun die nächsten acht Noten“, spornt er mich an. Nach ein paar geglückten Versuchen bescheinigt mir mein Lehrer Dudelsack-Tauglichkeit.

Doch: Das war für Anfänger. „Wenn du schon mal hier bist“, schmunzelt er und baut nun eine Highland Bag Pipe zusammen. Aus dem bohnenförmigen Sack ragen fünf Rohre: das Anblasrohr nach oben, der besagte Chanter nach unten, und schließlich die drei langen Bordunpfeifen, die parallel zur Melodie den typischen vollen Dauerton produzieren. Sie fallen schräg über meine linke Schulter, als ich mir den schweren „Oktopus“ zur Brust nehme und zunächst den Sack aufpuste.

Der Dudelsack kam erst im 14. Jahrhundert nach Schottland

Diesen klemme ich unter den linken Arm, die Hände wandern zum Chanter. Jetzt den Oberarm gegen den Sack pressen und: pusten, pusten, pusten. „Stärker, stärker, noch stärker“, feuert mich Brown an. Ich gebe alles, es ist Schwerstarbeit unter vollem Körpereinsatz. Als würde man in ein verschlossenes Ventil blasen. Wie um Himmels willen schaffen es die Piper, unter diesem Druck minutenlange Melodien zu spielen?! Mir gelingt – und das ist schon ein kleiner Triumph – immerhin ein kurzer, quäkender Ton. Aus „Amazing Grace“ wird heute wohl nichts mehr.

Browns Schüler stammen aus der ganzen Welt, auch aus Deutschland. Daher unterrichtet er auch via Skype im „World Wide Dudel-Web“. Viele reisen regelmäßig nach Glasgow, weil es bei ihnen zu Hause schlicht an guten Lehrern mangelt. „Neulich hatte ich einen Schüler aus Oman. Fast vier Monate täglich sieben Stunden Unterricht, und wir sprachen nicht einmal eine gemeinsame Sprache“, sagt Brown amüsiert.

Auch er kommt gut herum. Damals als Mitglied der Glasgow Police Band, heute als gefragter Lehrer. Kanada, USA, Russland, Japan, Oman, sogar vor dem König von Malaysia habe er schon gespielt. Und erst vor zwei Wochen sei er im Londoner Buckingham Palace aufgetreten.

Auch wenn die Sackpfeife untrennbar mit der schottischen Seele verbunden ist: Eine schottische Erfindung ist sie nicht. Im 12. Jahrhundert spielte man sie in unterschiedlichen Bauarten in vielen Ländern Europas. Nach Schottland kam sie erst 200 Jahre später und schlug mit ihrer durchdringenden Lautstärke sogar den Feind in die Flucht.

Den militärischen Gleichschritt haben sie sich bis heute bewahrt. Rund 400 Bands sind allein in Schottland in der „Royal Scottish Bag Pipe Association“ registriert, jener Vereinigung, die auch die Weltmeisterschaften organisiert. Vor 70 Jahren fand die erste in Edinburgh statt. Seit 1982 wird der Wettstreit in Glasgow ausgetragen. Über 40.000 Gäste spült es in Schottlands größte Stadt.

Manche Bands demonstrieren im Gleichschritt ihre Einheit

Gut für Glasgow, das sich seit Jahren neu erfindet und sein graues Image einer untergegangenen Industrie-Ära abgeschüttelt hat. Die nutzlos gewordenen Dock-Gelände am Fluss Clyde sind architektonischen Highlights gewichen: dem neuen Messezentrum, das einem Gürteltierpanzer gleicht; dem Riverside-Museum, entworfen von Zaha Hadid; dem Science Center am gegenüberliegenden Flussufer.

Vom Westend bis in die Merchant City: Museen, Kunstgalerien, Konzerte. Glasgow hat sich längst zu einer vibrierenden Kultur- und Architekturstadt gewandelt. Seit 2008 hält sie verdient den Titel Unesco City of Music.

Das Wetter am nächsten Morgen, dem großen Tag: schottisch. Dickes Grau hängt über dem Festivalgelände, dem Glasgow Green. Die Musiker stört der Regen nicht. Bereits frühmorgens finden sich Tausende Teilnehmer mit ihren Bands unter Bäumen und Zelten zusammen. In schwarzen, zweiteiligen Regenmänteln marschieren sie über die große Wiese. Ein einziges Getöse. Hunderte Bands proben konzentriert für die nun startenden Auftritte. Um acht Arenen drängen sich begeisterte Zuschauer.

Auch die Musiker aus Australien treffe ich wieder. Die Auftritte folgen immer exakt demselben Schema: Auf ihren Dudelsäcken pfeifend und auf Trommeln wirbelnd marschieren die Bands im Gleichschritt auf den Platz. Hier formieren sich die je rund 30 Musiker zu einem Kreis, ziehen im Inneren einen weiteren Bogen und nehmen die riesige Basstrommel in ihre Mitte. Man spürt ihre Einheit. Das Medley des „Pipe Band Clubs“ ist eine Wucht.

Neben den Pipern bestimmen Pauke, Snare- und Tenor-Drummer den Rhythmus. Die Bands präsentieren sich in traditioneller Kluft: auf dem Kopf die „Glengarry“-Kappe, um Hemd und Krawatte eine Weste, darunter das Herzstück, ihr bunter Kilt, um den eine verzierte Bauchtasche baumelt.

Die Präzision, Intensität und Musikalität der Piping-Bands fasziniert. Jahrelanges Training steckt dahinter. „It’s not a hobby, it’s a disease“, sagt Brian während der Pause an einer Fish-and-Chips-Bude, er spielt in der schottischen Band Vale of Atholl – und wisse selbst nicht, wie er es neben Job und Familie dreimal wöchentlich zu proben schaffe. Seine Band gehört zu den besten der besten, Grade 1. Juroren schicken sie ins Finale – doch am Ende jubelt die Piping Band Inveraray & District. Immerhin Schotten.

Tipps & Informationen

Anreise z. B. mit Easyjet oder Ryanair direkt nach Glasgow; alternativ Flug nach Edinburgh, von dort mit dem Zug in knapp einer Stunde nach Glasgow.

Übernachtung Zentral und ruhig liegt das moderne und komfortable Hotel Ibis Styles. Die Zimmer greifen Themen der Stadt auf (www.ibis.com). Dem Dudelsack ganz nah ist man hingegen im Pipers’ Tryst Hotel. Acht gemütliche Zimmer bietet dieser Teil des National Piping Centre. (www.thepipingcentre.co.uk)

Dudelsack lernen können Anfänger im Piping Centre auch, das neben dem Hotel noch ein Museum und ein Restaurant beherbergt, welches traditionelles Essen anbietet.

(Die Reise wurde unterstützt von www.peoplemakeglasgow.de und www.visitscotland.com)