Festival

Englisches Seebad Brighton – die ganze Stadt ist eine Bühne

Der Pier von Brighton.

Der Pier von Brighton.

Foto: Mauro Di Buono / EyeEm / Getty Images/EyeEm

Die Kommune mit dem bekanntesten Pier an Englands Südküste bietet eine kunterbunte Kunstszene – und ist selbst ein kleines Schaustück.

Brighton.  Bei dem lauten Gezwitscher muss es wohl ein wirklich bunter Vogel sein. Nur, wo versteckt der sich – zwischen all ­diesen ­Secondhand-Shops, Bars und Restaurants, zwischen Nippes und De­likatessen mitten in Brightons exotischem Viertel North Laine? In Richtung der schrillen Töne steht ein älterer Herr mit einem roten Käppi. Er hält ein Schild hoch: Vogelpfeifen, drei Pfund das Stück.

Irgendwie also doch ein komischer Vogel, der zwitschernd die Passanten zum Kauf animiert. Zwischen dem vorbeiströmenden Volk fällt er allerdings optisch gar nicht weiter auf. Da sind die tätowierten Punks mit greller Haarfarbe und ihre bauchfreien, gepiercten Freundinnen schon eher ein Hingucker.

Auch ein ­Senior in seinem weißen Anzug – er trägt ­Schuhe mit Plateau­sohlen. Oder die ergrauten „Mods“ in alten Militärparkas, die ­fachsimpelnd vor ihren getunten, mit Rückspiegeln dekorierten Motorrollern stehen. Sie ­erinnern manch einen an „Quadrophenia“, den Spielfilm über die britische Subkultur der 1960er-Jahre.

Zum Hingucken gibt es im eng­lischen Seebad Brighton viele Anlässe. „Es war schon immer ein Ort für ­Bohemiens“, sagt Terence Ryder vom Brighton Museum, der vor Jahren ­London verließ, um hier zu wohnen.

Seit 1967 findet drei Wochen im Jahr ein Kulturfestival statt

An der Wasserfront steht ein lebens­großer Plastik-Elvis und lädt zu Fish and Chips ein. Sein offener Mund könnte bedeuten, dass er singt – oder dass ihn der steinige Strand quält. Brighton ist ein Seebad ohne Sand. Wer sich also dicht am Wasser ausstrecken möchte, muss sich auf Kies betten.

Doch die Stadt an Englands Süd­küste ist allein für einen Strandurlaub ohnehin zu schade. Vielmehr bietet es sich an, ausgiebig in ihre kulturelle ­Atmosphäre einzutauchen. Sie ist die Bühne für das jährlich größte Kultur­festival im Königreich. Seit 1967 lockt das Brighton Festival drei vollgepackte Wochen lang mit Musik, Tanz, Theater, Kunst, Film, Literatur und Artistik. In diesem Jahr vom 5. bis 27. Mai.

Und damit längst noch nicht genug, denn die kulturellen Attraktivitäten werden für das ganze Jahr ausgebaut. Fotografie und Film sind ebenso eigene Festivals gewidmet wie der zeitge­nössischen Kunst. Für diese Richtung griff Ende vergangenen Jahres die „House“-Biennale das Thema „Excess“ auf. Im Brighton Museum lag eine ­lebensgroße Giraffenskulptur, angezogen mit bunten Stoffkleidern, verdreht und wie tot am Boden.

Gipsköpfe schauten staunend von der Wand auf das exo­tische Tier hinab. Daneben standen George, der Prinz von Wales, der im Jahr 1820 zum britischen König George IV. gekrönt worden war, und seine Ehefrau als pummelige Figuren. „A King’s Appetite“ hieß die Installation der britischen Künstlerin Laura Ford.

Der Royal Pavilion ist ein Monument für exzessiven Luxus

Hinter alldem steckte jene histo­rische Realität, die in Brighton aufs Engste mit der Gegenwart verbunden ist. Während der Prinzregent auf seine Thronbesteigung wartete, wuchsen ­seine Schulden durch den permanenten Umbau der von ihm bewohnten Paläste. Im Jahr 1787 ließ er dann in Brighton den Royal Pavilion errichten, der bereits mit seinem indischen Äußeren und ­seiner chinesischen Inneneinrichtung ein sehenswertes Monument für exzessiven Luxus ist.

Allein wie ein silberner Drache unter der zeltförmigen Decke der Banketthalle eine riesige Gaslampe hält, ist beeindruckend. Obwohl das Haus der Stadt gehört, ist das Interieur bis heute Eigentum der Queen. Tatsächlich besaß der damalige Prinz von Wales eine ­Giraffe als Haustier, die aber bald wohl am britischen Klima verstarb. Die Ähn­lichkeit ihres ausgestellten Prinzregenten, eines verwöhnten Kindes im König, mit Donald Trump sei nicht zufällig, hatte Laura Ford zur Eröffnung erklärt.

Wer die soziale Schichtung der Kunstepoche Regency, die benannt ist nach ­jenem Prinzregenten, besser ­kennenlernen möchte, der sollte Terence Ryder auf seiner Tunnel-Tour durch die Gewölbe des ­Royal Pavilion folgen. Ab einer ­Anzahl von zehn Inte­ressenten öffnet er die Tore zu einer verborgenen Unterwelt.

Für den Abend wartet auf die Gäste Brightons Pub-Kultur

Durch ein schmuckvoll gefliestes ­Treppenhaus geht es in ein tristes Labyrinth aus Gängen und verschlossenen Türen. Dort hielten sich die Bediensteten auf, die hier gelagerte Luxusgüter bei Bedarf nach oben schaffen mussten, wo „die finale Parade der Pfauen vor dem Beginn der Tristesse des Viktorianischen Zeitalters“ ihre opulenten Feste feierten, so ein Historiker.

Zahlreiche zeitgenössische Kari­katuren an den Wänden dieser Keller zeigen vollgestopfte und betrunkene Aristokraten, die ihre Füße auf den Tisch legen, während die schüchterne Dienerschaft im Hintergrund auf wei­tere Befehle wartet. Es ist erstaunlich, aber damals gab es in England eine ­lebhafte öffentliche Teilhabe und Diskussion über politische Fragen, die die Nation bewegten. Und sie wurde nicht durch Pressezensur eingeengt.

Doch auch die jüngere Geschichte ist hier zu Hause. Wo einst Kinder zum Säubern durch die Kamine geschickt wurden, suchte die Bevölkerung während des Krieges Schutz vor Angriffen aus der Luft. Eine Karte zeigt die Bomben­einschläge, die die deutsche Luftwaffe in Brighton hinterließ.

Dann doch lieber über ein paar Treppen wieder zurück in die Gegenwart. Noch rasch im Café Cloud 9 ein Konditor-Kunstwerk probieren: ein Stück vom Rainbow Cake, einer in Regenbogenfarben gefüllten Torte, bei der der Teller rasch zur Farbpalette wird.

Nur der frühe Morgen bringt in Brighton etwas Ruhe

Für den Abend wartet natürlich Brightons Pub-Kultur. Es erstaunt immer wieder, wie die jungen britischen Damen selbst bei kühlsten Temperaturen leichtes Outfit bevorzugen. Sie scheinen einfach nicht zu frieren, selbst dann nicht, wenn die Türsteher vor den gut besuchten Pubs den Besucherstrom drosseln müssen.

Wahrscheinlich muss es wirklich der frühe Morgen sein, der in Brighton etwas Ruhe bringt. Einfach das altehrwürdige Hotel unweit des Piers verlassen und über den mit schottischem Clanmuster dekorierten Teppichboden zum Ausgang gehen, weil die Morgensonne schon den Strand ausleuchtet.

Die Höflichkeitsfloskeln britischer Gesprächskultur, mit der sich Gäste und Personal über dampfendem Frühstück vehement versichern, dass alles „very well“ und „excellent“ sei, werden leiser. Dann gibt es nur noch das Plätschern der Wellen und ein paar Möwen.

Doch bald werden die Glücksspielautomaten auf dem Pier wieder losrattern und die Souvenirshops lautstark ihr Sortiment anbieten. Und die Besucher werden sich entscheiden müssen: heute einfach mal nur den Kitsch in den unzähligen Läden von North Laine sichten oder sich lieber an einer Kulturveranstaltung in einem der Museen erbauen?

Tipps & Informationen

Anreise z. B. Easyjet bietet Nonstop-Flüge z. B. von Hamburg oder Berlin nach London Gatwick. Von dort weiter im Mietwagen oder per Bus nach Brighton. Ein Schnellzug fährt von Gatwick aus ca. eine halbe Stunde.

Übernachtung z. B. im The Grand Brighton, DZ ab ca. 140 Euro, Tel. 0044/1273 224300, 97-99 King’s Road, www.grandbrighton.co.uk

Brighton Festival 5. bis 27. Mai, Näheres: brightonfestival.org

Ausstellungen Royal Pavilion, 4/5 Pavilion Buildings, geöffnet Oktober bis März von 10 bis 17.15 Uhr (letzte Tickets um 16.30 Uhr), April bis September von 9.30 bis 17.45 Uhr (letzte Tickets um 17 Uhr). Brighton Museum & Art Gallery, 12A Pavilion Parade – hier auch nach der Tunnel-Tour von Terence Ryder fragen. brightonmuseums.org. uk/brighton/

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch Visit Brighton.)