Landpartie

Mit dem Nostalgiezug „Al Andalus“ von Madrid nach Sevilla

Der „Al Andalus“ fährt auf seiner Tour durch das spanische Inland meist auf Nebenstrecken.

Der „Al Andalus“ fährt auf seiner Tour durch das spanische Inland meist auf Nebenstrecken.

Foto: Jochem D Wijnands / Getty Images

Der prachtvolle Sevilla-Express „Al Andalus“ fährt gemächlich durch die spanische Extremadura. Eine Reise wie in einer früheren Epoche.

Madrid.  Da sitzen wir nun. Auf schön restaurierten, dunkelroten Polstermöbeln vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts in dem Luxuszug „Al Andalus“, der in den nächsten Minuten seine Fahrt hier in Madrid starten wird. Unser Ziel: Sevilla. Entfernung: etwa 500 Kilometer. Mit der spanischen Eisenbahn Renfe würde die Fahrt etwa zweieinhalb Stunden dauern. Mit diesem Nostalgiezug hingegen brauchen Reisende sechs ­Tage, ganz nach der Devise: Die Reise ist das Ziel.

Die Gäste im Rezeptionswagen plaudern in kurzen Smalltalk-Sätzen. Man hört ­Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch. Einige Gesichter sind mir bereits aus der Wartehalle des Madrider Chamartin bekannt. Dort, im Gewusel des Großbahnhofs, hatte ich mich neugierig gefragt: Fährt diese Dame wohl mit? Ist der Herr auch ein Gast des Zuges? Der rote Teppich, der eben noch auf dem Bahnsteig vor dem ­Rezeptionswagen lag, ist eingerollt, und die von innen holzverkleideten Türen der alten Waggons sind geschlossen. Wir sind vollzählig.

Morgens werden die Passagiere von einer Glocke geweckt

Es ist eine überschaubare Reisegruppe mit 33 Personen. Der Zug setzt sich langsam in Bewegung, die Stimmung lockert sich. Während vor Jahrzehnten der dunkle Rauch der Lokomo­tive die Aussicht verhinderte, sind es heute viele, teils sehr lange Tunnel. Gefühlte 15 Minuten fahren wir durch das unterirdische Gleislabyrinth von Madrid. Da kommt das Glas Champagner gerade recht, das uns zur ­offiziellen Begrüßung durch die Zug- und Reisebegleiterin Jessica Rosenstiel serviert wird. Sie betreut an den kommenden sechs Tagen die Gäste und wird in perfektem Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch alle Ansagen und Termine machen.

Jessica erklärt die täglichen Abläufe, die Ausflüge mit dem Bus, der uns die gesamte Strecke über begleitet und an den einzelnen Stationen abholt, um uns zu den Sehenswürdigkeiten der Umgebung zu bringen. Und sie vergisst auch nicht, die kleine Glocke zu ­erwähnen, die jeden Morgen um acht Uhr als Wecksignal für alle Reisenden im Zug ertönen wird. Als Reaktion ist von einigen der Mitreisenden verhaltenes Gelächter zu hören. Scheinbar kennen sie das Ritual ­bereits – und outen sich auf diese Weise als Wiederholungsreisende.

Ein gutes Geschenk zum runden Geburtstag

Gigi ist sogar eigens aus Hongkong angereist, um gemeinsam mit Linda und deren Mann Curt aus Barcelona im Al Andalus auf Tour zu gehen. Zusammen hätten sie bereits einmal die Fahrt mit dem El Transcántabrico gemacht, der an der Nordküste Spaniens zwischen Bilbao und Santiago de Compostela verkehrt, erzählt Linda. Erst vor zwei Jahren ist sie zusammen mit ihrem Ehemann aus den USA nach Barcelona gezogen. Unter den Gästen ist auch Marijke Lourens aus Antwerpen, die ihrem Mann George Keukens die Reise zum Geburtstag ­geschenkt hat. „George liebt Eisenbahnen, kennt sich aus mit Zügen in Russland und Südafrika“, erzählt die Belgierin. Da sei das ein gutes Geschenk zum runden Geburtstag gewesen.

Maximal gibt es Platz für 65 Pas­sagiere in den sieben Suite-Wagen, die Ende der 1920er-Jahre in Frankreich gebaut wurden. Die britische Monarchie nutzte sie einst für ihre Urlaubsreisen von ­Calais an die Côte d’Azur, berichtet Jessica später. Das gute Essen und der Wein, der bereits mittags verköstigt wird, machen müde, und ein Schläfchen scheint angebracht.

Aus der Siesta wird erstmal nichts

Doch es kommt anders, denn in den Gängen der Waggons und in allen Abteilen ertönt Jessicas Stimme, die sich, wie abgesprochen, jeweils zehn ­Minuten vor einer Abfahrt meldet und den nächsten Termin ankündigt.

Auf dem Plan stehen an diesem heißen Nachmittag die Gärten des königlichen Palastes von Aranjuez und die Besichtigung eines Weingutes. Ein strammes Programm. Viel für den ersten Tag. Ich denke an die Städte, die wir in den nächsten Tagen noch besichtigen werden: Toledo, den Nationalpark von Monfragüe, Cáceres, Mérida und als letztes Ziel vor Sevilla die Stadt Zafra.

Der Tajo erinnert daran, wie nah wir Portugal sind

Die Besichtigung des königlichen Gartens und des Palastes, der ab dem 16. Jahrhundert Sitz der spanischen Monarchie war, fasziniert alle Besucher. Vor allem die raffinierte Wasseranlage mit den vielen Brunnen im Park, die durch den Tejo gespeist wird, hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Dieser Fluss, der als Tajo durch Spanien und Tejo durch Por­tugal fließt, wird uns auf unserer Reise noch mehrfach begegnen und stets daran erinnern, wie nah man an der Grenze zum Nachbarland Portugal entlangfährt. Die Mitglieder der Reisegruppe kommen einander bei diesem ersten Ausflug näher, und obwohl die unterschiedlichen Sprachen manche Konversation nicht so leicht machen, nennen sich alle gegenseitig schnell beim Vornamen.

Keine Kleiderordnung, aber Gespräche über den Gang

Zurück im Zug, steht das erste Abendessen an. Eine Kleiderordnung steht nicht zur Diskussion. Man sieht Kleider, Jacketts, aber keinen Schlips. Eine Sitzordnung gibt es ebenfalls nicht. Gäste, die sich kennen, nehmen einen Vierertisch, kleine Zweiertische sind an der anderen Fensterseite des Speisewaggons angeordnet – und auch der kleine Mittelgang stellt kein Hindernis für Gespräche mit Gästen auf der anderen Seite dar.

Das mehr­gän­gige Menü überrascht positiv, denn die Küche im Zug kann nicht besonders groß sein. Zu ­jedem Gang werden ­entsprechende Weine serviert, und auch zum Dessert gibt es noch den passenden Schluck. Gern lassen sich alle Gäste nachschenken.

Während der Fahrt sollte man auf eine Dusche verzichten

Während des Essens hat das Personal in den einzelnen Abteilen das Sofa zum Bett umgebaut. Die Air-Condition sorgt für eine angenehme Temperatur, und über Wlan sind die Mails des Tages eingetroffen und können gelesen werden. Das kleine Bad bietet mit ­Dusche, WC und Waschbecken einen Standard, der dem des Zuges entspricht. Doch auf eine erfrischende Dusche während der Fahrt sollte man dennoch lieber verzichten: Die Technik im „Al Andalus“ unterscheidet sich doch deutlich von der heutiger, komfortablerer Züge – es ruckelt recht stark. Und so ist es durchaus von Vorteil, dass der Zug stets auf einem Nebengleis abgestellt wird, wenn die Passagiere schlafen.

Diese Nacht wird durch das Glöckchen beendet. Das muss sie sein, denke ich noch im Halbschlaf, und immer deutlicher wird der helle Klang, immer näher kommt der Schaffner, der die Gäste mit diesem Ritual weckt, auf dem Gang im Waggon. Ob denn Ihre königliche Hoheit damals auch so geweckt wurde? Egal, es wird jetzt Zeit, und auch dieser Tag hat ein volles Programm. Schon am Vorabend hat Jessica alle Gäste über die Tagesaktivitäten informiert, man kann also gar nichts übersehen oder vergessen.

Die Reise verläuft meister über Nebenstrecken

Das reichhaltige Frühstücksbüfett lässt keine Wünsche offen, sogar einzelne Bestellungen werden aufgenommen, sei es das Rührei mit Kräutern oder ein ausgefallener French Toast. Währenddessen setzt sich beinah unbemerkt der Zug in Bewegung, und wir fahren dem nächsten Ziel entgegen: Toledo. Außer in den Städten Madrid und in Sevilla verläuft die gesamte ­Zugreise über Nebenstrecken. Nur vereinzelt ­begegnet man in den kleinen Bahnhöfen mal einem anderen Zug.

So fühlt man sich im Vergleich zu einer Fahrt mit modernen Triebwagen in diesem Nostalgiezug tatsächlich in eine andere Zeit versetzt. Und mit all seiner attraktiven Antiquiertheit sorgt der „Al Andalus“ natürlich auch auf den Bahnhöfen für Aufsehen. Oftmals sieht man Passanten, die Fotos machen, oder Kinder, die im Bahnhof am Zug hochspringen, um einen Blick in die Waggons und damit in eine vergangene Epoche zu werfen.

Die Passagiere werden zu einer lustigen Truppe

In Toledo gelangen wir per Bus in die Innenstadt. Immer dabei sind mehrsprachige Touristenführer, die über alle Sehenswürdigkeiten informieren. Sei es bei der Stadtführung durch Toledo, Weltkulturerbe der Unesco, beim Besuch der Kathedrale, deren Bau 1226 begonnen hat. Oder einen Tag später im unglaublich grünen Nationalpark Monfragüe, dessen beeindruckende Stauseen von den Flüssen Tajo und Tiétar gespeist werden.

Kulturelle Höhepunkte auf dieser Zugfahrt waren das eine, aber unterhaltende das andere. Wie am letzten Tag nach dem Abendessen. Gesättigt und gut gelaunt wurden gemeinsam mit dem Personal unter allen Reisenden Mr. und Mrs. „Al Andalus“ ausgewählt – spätestens bei diesem Spaß wurde deutlich, dass alle Passagiere in den vergangenen sechs Tagen trotz aller Unterschiede zu einer interessanten und lustigen Truppe zusammengefunden hatten.

Tipps & Informationen

Anreise nach Madrid z. B. nonstop mit Ryanair oder Iberia, zurück geht es
ab Sevilla direkt nur mit Ryanair.

Zugfahrt z. B. Madrid–Sevilla , sechs Tage, fünf Nächte ab 2900 Euro pro Person. Enthalten sind alle Mittag- und Abendessen im Zug sowie in erstklassigen Hotels an der Strecke, Führungen sowie Busfahrten für Zusatzstrecken. Recht­zeitiges Buchen ist nötig, da es nicht viele Fahrten pro Jahr gibt. Weitere Details unter: www.renfe.com/trenesturisticos.

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch das Spanische Fremdenverkehrsamt Berlin.)