Dithmarschen

Auf ewig mit Wind und Wasser verbunden

Kohl, Krabben, Deiche - der Landkreis zwischen Elbe und Wattenmeer fasziniert mit seinem Mix aus Natur und herzlichem Regionalstolz.

Es gibt Leute, die behaupten, mittlerweile gäbe es in Dithmarschen schon so viele Windkraftanlagen wie Kohlköpfe. So ganz stimmt das zwar nicht, immerhin werden in dem Landkreis auf über 2800 Hektar alljährlich rund 80 Millionen Kohlköpfe geerntet. Aber rund um die Kreismetropole Heide bestimmen nicht mehr die Türme der Erdölraffinerie das Bild, sondern die schlanken Silhouetten der modernen Windmühlen.

"Vor 15 Jahren standen hier in Sichtweite genau 25 Anlagen", berichtet Adolf Oldigs, pensionierter Gärtner aus Norderwöhrden nördlich von Heide. Gemeinsam zählen wir rund um seine liebevoll renovierte Bauernkate nun bereits 275 Windräder.

Das liegt natürlich auch an der unbeschränkten Sicht im Westen Dithmarschens. Das Land ist flach, zur Nordsee hin erhebt sich nur der Deich vor dem endlosen Horizont.

Doch die Windkraft ist inzwischen ebenso Teil der Region wie die Deiche und Salzwiesen oder die Kohlfelder und Hofläden entlang der Straßen. Knapp 750 der Stromerzeuger wurden auf dem Kreisgebiet errichtet, das ist rund ein Drittel aller Windkraftanlagen in Schleswig-Holstein.

In Dithmarschen steht die Wiege der Windenergienutzung in Deutschland. 1983 wurde im Kaiser-Wilhelm-Koog nahe Marne die erste GROße WIndkraftANlage (GROWIAN) errichtet. Bis 1987 lief sie dort im Testbetrieb, um dann wegen massiver Betriebsprobleme wieder demontiert zu werden. Heute befindet sich auf dem Gelände das Windenergiepark-Informationszentrum.

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Zurück zum Kohl, dem Dithmarscher Nationalgemüse. Hier gedeiht er besonders gut - egal ob als Weiß-, Rot-, Blumenkohl oder Wirsing. Warum ist Dithmarschen Deutschlands Kohlkammer? "Das liegt am Nordseeklima", meint Rolf Rogalla, Chef des Hotel-Restaurants Zur Linde in Meldorf. "Ungeziefer hält sich hier einfach nicht. Und durch die feuchte und salzige Luft wird der Kohl knackig fest." Zum Beweis klopft er auf einen Kopf. "Machen Sie das mal mit einem Kohl aus dem Süden - dann klingt es hohl", sagt Rogalla.

Dem runden Gemüse ist seit 2007 sogar ein Museum gewidmet: das "Kohlosseum" in Wesselburen. Die Idee dazu hatte Hubert Nickels, Lebensmitteltechniker in der ehemaligen Sauerkraut-Konserven-Fabrik. Bis 1995 produzierten über 120 Mitarbeiter zuletzt bis zu zehn Millionen Verpackungseinheiten Sauerkraut, Gemüse und Feinkostartikel, die bundesweit über viele Reformhäuser und Naturkostläden vermarktet wurden. Als die letzte Dose vom Band lief, träumte "Krautmeister" Nickels von einem Kohl-Museum in der historischen Fabrik mit der Gründerzeit-Backsteinfassade. Er begeisterte Förderer und die Eigentümer - und der Kohl bekam sein Museum und Wesselburen eine weitere Sehenswürdigkeit außer der wuchtigen Bartholomäuskirche mit dem einzigartigen Zwiebelturm.

Ähnlich imposant ist die Johanniskirche in Meldorf. Doch unter diesem Namen kennt die dreischiffige Backsteinbasilika kaum jemand. Meldorfer Dom wird das zwischen 1250 und 1300 erbaute Gotteshaus am Marktplatz genannt. In seinem Schatten treffen sich freitags um 10 Uhr die alten Bauern der Umgebung in Rogallas Restaurant Zur Linde. Dort hört man wettergegerbte Dithmarscher Platt schnacken. Ganz ruhig und unaufgeregt, fast wie die Typen in der Werbung für das Bier aus Flensburg. Nur, dass bei Rogalla selbstverständlich Dithmarscher gezapft wird, das Kultbier aus der Privatbrauerei Karl Hintz in Marne. 1884 von Christian Hintz gegründet, befindet sie sich heute in vierter Generation im Familienbesitz. Knapp 50 Mitarbeiter füllen täglich etwa 250 000 Flaschen Bier ab. Das Pilsener in der Beugelbuddel ist milder als sein Pendant von der Ostsee - und der wortkarge Mutterwitz der Flensburger-Werbung charakterisiert eigentlich eher die Dithmarscher. Sie sprechen eben wenig und gern mal ihre eigene Sprache. Die Brauerei kann besichtigt werden, aber die Termine sind leider oft Monate im Voraus ausgebucht (Tel. 04851/962-0).

Doch dreht sich in Dithmarschen nicht alles um Kohl und Bier und Wind. Nein, die größte Rolle spielt in diesem Landstrich das Wasser. Dithmarschen ist ringsum von Wasser umgeben - von Eider und Nord-Ostsee-Kanal, von Nordsee und Elbe. "Daher waren die hier lebenden Menschen seit je den Gewalten der Natur ausgesetzt, was bis heute unser bisweilen unerschütterliches Selbstbewusstsein und unsere manchmal raue, aber immer herzliche Art prägt", sagt Adolf Oldigs.

Wer die Bundesstraße 5 von Brunsbüttel aus nach Norden fährt, passiert auf dem Weg nach Meldorf zig Köge, wie etwa den Kaiser-Wilhelm-Koog oder den Friedrichskoog. Dieses Land wurde in Jahrhunderten durch Eindeichung der Nordsee abgerungen. Wie gefährlich das Leben am Wattenmeer sein kann, davon zeugt die Erlebnisausstellung Sturmflutenwelt "Blanker Hans" in Büsum. Das malerische Nordseebad mit seinem kleinen Leuchtturm, dem Museumshafen und dem Fischerkai ist die Krabbenmetropole des Landes. Nordseeluft macht nun mal hungrig - und was ist da köstlicher als ein saftig frisches Krabbenbrötchen? Büsum ist übrigens der zweitgrößte Hafen an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste - nach Brunsbüttel. Dieser Ort ist als Schleusenstadt bei Seeleuten weltweit bekannt. Brunsbüttel ist das Tor zum Nord-Ostsee-Kanal, eine mächtige Doppelschleuse öffnet den Weg in die am meisten befahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Weiter im Landesinneren sorgt der elf Meter Tiefe und bis zu 162 Meter breite Kanal für überraschende Begegnungen: Aus der Distanz sieht es oft aus, als würden die Schiffe über Land fahren. Da ist dann alles beieinander, was Dithmarschen so besonders macht: Rinder und Schafe auf sattgrünen Weiden, Schiffe, Wasser und am Horizont irgendwo - na klar, Windräder.

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