Kulturtrip

Groß gedacht – groß gemacht: Ausstellungsbesuch in Kassel

Bad Karlshafen ist eine vor 350 Jahren planmäßig angelegte Barockstadt am Zusammenfluss von Diemel und Weser, derzeit wird der Ortskern, insbesondere das Hafenbecken aufwändig saniert, Fertigstellung 2019.

Foto: Stephan Hermsen

Bad Karlshafen ist eine vor 350 Jahren planmäßig angelegte Barockstadt am Zusammenfluss von Diemel und Weser, derzeit wird der Ortskern, insbesondere das Hafenbecken aufwändig saniert, Fertigstellung 2019.

Carl von Hessen-Kassel erfand heute vor 350 Jahren seine Heimat neu und brachte sie so auf die europäische Landkarte. Ein Stadtbesuch.

Kassel.  Wenn Wolfgang Schmelzer sich in Landgraf Carl verwandelt, schlüpft er in eine bronzefarbene Uniform, setzt sich einen Dreispitz auf die Wallemähne und streckt die Brust raus. Wer mächtig sein will, muss mächtig Eindruck machen. Das gilt für den Touristenführer heute genauso wie für den hessischen Landgrafen Carl vor 350 Jahren. Der hat seine Heimat Hessen nach dem 30-jährigen Krieg „groß gedacht, groß gemacht“ – so ist auch die Ausstellung im Museum Fridericianum in Kassel überschrieben.

Eigentlich war Hessen-Kassel damals ein vom Krieg gebeuteltes Land. Kaum 200.000 Einwohner, Armut, desolate Wirtschaft, da brauchte es jemanden, der willens und in der Lage war, Hessen wieder groß zu machen. Das Erste und Wichtigste: Carl hat nie ein Toupet gebraucht, seine Mähne hatte der 17-fache Vater bis ins hohe Alter, und er mag etwas naserümpfend auf die Perückenträger am französischen Hof geblickt haben: Fake-Haar, pah!

Wichtig für die Macht in damaliger Zeit: Soldaten. Der lange Krieg hatte gezeigt, dass gut ausgebildete Berufsarmeen den Volksheeren weit überlegen waren. Der clevere Carl brachte 6000 Mann unter Waffen. Was Geld kostete – für Unterkunft, Verpflegung, Uniformen, Bewaffnung. Carls Konzept, wie bei zu großen Fußballkadern: ausleihen! Das hessische Berufsheer wurde zur Söldnertruppe für diverse europäische Mächte. Das bringt erstens Geld ein und schafft zweitens Freunde.

Und die braucht eine kleine Grafschaft, umgeben von großen europäischen Mächten wie Spanien, Frankreich, Schweden, Dänemark, den Niederlanden und Österreich. Und auch da wollte Carl mithalten. Und hat folglich gebaut: Größtes, sichtbarstes Zeichen seines Bemühens, das eher beschauliche Landstädtchen Kassel auf die europäische Karte zu bringen: der Herkules auf der Wilhelmshöhe.

Wasserspiele sind eines von Landgraf Carls Weltwundern

Er ist das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt, und rund 150 Jahre lang war er mit seinen acht Metern die ­größte frei stehende Metallskulptur der Welt – ehe Hermann der Cherusker auf den Höhen des Teutoburger Waldes und Lady Liberty vor der Küste von New York ihm diesen Titel stahlen.

Darunter erstreckt sich der noch heute größte Bergpark der Welt, den man hinauf- und hinunterwandern kann, was man am besten sonntags oder mittwochs tut. Denn dann kann man eines von Carls Weltwundern bestaunen – die Wasserspiele. Oben wird über Tag ein Bassin gefüllt, dann ergießen sich die Kaskaden langsam abwärts durch eine nie ganz fertiggestellte griechische Sagenwelt mit künstlichen Wasserfällen im romantischen Ruinenstil bis hinunter zum Finale: der größten und wasserreichsten Fontäne der Welt, die sich mit 8 bar Druck in 50 Meter Höhe katapultiert.

Magisch, vor allem, wenn man bedenkt, dass das ganze System völlig ohne Pumpen auskommt und noch immer weitgehend so funktioniert wie vor 300 Jahren. Was den charmanten Vorteil hat, dass man sich die Wasserspiele auch privat und exklusiv gönnen kann und nur drei Stunden Einsatz der städtischen Gartenbaubetriebe und etwa 500 Hektoliter Wasser zahlen muss. Macht 1000 Euro. Dafür kann man sich rühmen, ein Weltkulturerbe zum Sprudeln gebracht zu haben.

Zu Carls Zeiten gab es auch den ein oder anderen Handelskrieg. Die versuchte Carl auf seine Weise zu umgehen. Sicher, auch er führte Zölle ein und versuchte die heimische Wirtschaft zu stärken, wollte eine eigene Porzellanmanufaktur statt der Importware aus Frankreich und Sachsen. Doch der Weg über die Weser führte an Hannoversch Münden vorbei – und die Hannoveraner hatten Stapel- und Zollrecht.

Im Hafenbecken entsteht eine Marina

Aber warum nicht groß denken und groß graben, die Warenströme die Diemel aufwärts leiten in Richtung Kassel? Und dann, Carl war ja kein Mann der kleinen Entwürfe, könnte man auch gleich einen Kanal bauen, der den Anschluss an die Eder, die Lahn und damit an den Rhein herstellt.

Nun, die Pläne versandeten, wörtlich. Aber an einigen Stellen zwischen Karlsdorf und Bad Karlshafen sieht man noch Gräben und Schleusenreste. Vor allem lohnt der Besuch an der Mündung der Diemel in die Weser in Bad Karls­hafen. Vor gut 300 Jahren wurde diese Stadt auf dem Reißbrett entworfen: ein Weserhafen, umgeben von schmucken Handels- und Handwerkerhäusern für zugereiste Hugenotten, weiß gestrichen, alles rechtwinklig und auf der Anhöhe ein schmuckes Landschloss für Carl.

Das wurde nie gebaut, aber rings um den Hafen, wo zuvor nur Sumpf war, steht heute das einmalige Ensemble einer barocken Planstadt. Statt eines zentralen, großen Marktplatzes gibt es ein Hafenbecken, dazu ein paar Kanäle und diese Häuser, in denen die Hugenotten dann ihre neue Heimat fanden.

Holländer entdecken das Land der Gebrüder Grimm

Heute ist Bad Karlshafen ein Ort, der seine Zukunft sucht. Nordhessen ist eine von Landflucht geprägte Gegend, das Idyll an der Weser seine neue Bestimmung. Aus Carls Kanal ist nie etwas geworden, die später gebaute Karlsbahn fuhr auch nur bis in die 60er-Jahre, und da sowohl das Geschäft mit dem gewonnen Salz wie auch das Kurwesen nicht mehr florieren, sucht das Städtchen nun seine Zukunft als Touristenort.

Hier kann man mit dem Wohnmobil direkt am Wasser parken, die Preise sind niedrig, die Ballungsräume Nordrhein-Westfalens nur zwei Stunden Anreise entfernt. Auch die Holländer entdecken das Land der Brüder Grimm immer mehr für sich. Die Karlstherme im Ort mixt Badebetrieb und Salz zu purer Erholung, und durchs trockengelegte Hafenbecken wühlen sich derzeit Bagger: In anderthalb Jahren soll hier eine Marina entstehen, in der Hobbyskipper von der Weser anlegen können, hofft Marcus Dittrich, der junge Bürgermeister des 3000-Einwohner-Ortes.

Für ihn gilt: Städte und Länder werden gemacht. Von Menschen. Bad Karlshafen, Karlsdorf, Karlshöhe und der Karls­kanal zeugen davon, wie der Landgraf versuchte, einem kleinen Land zu großer Geltung zu verhelfen. Um das zu zeigen, steckt Wolfgang Schmelzer gern in Uniform und wirft sich in die Brust: Auch wenn sein Alter Ego nie ein Fürst wurde, gilt für ihn: Hessen first!

Tipps & Informationen

Anreise Mit dem Auto von Berlin nach Kassel über A2 und A7, ab Hamburg über die A7 oder mit der Bahn im ICE und RE.

Ausstellung „Groß gedacht – groß gemacht“ ist noch bis 1. Juli zu sehen im Museum Fride­ricia- num in Kassel, Di. bis So., 10 bis 17 Uhr, Do. bis 20 Uhr.


Wasserspiele Der Bergpark Wilhelmshöhe ist öffentlich, die Wasserspiele sind mittwochs, sonn- und feiertags von 14.30 Uhr bis 16 Uhr bis zum 3. Oktober, an jedem ersten Sonnabend im Monat gibt es abends beleuchtete Wasserspiele, Beginn zwischen 20.45 Uhr und 21.45 Uhr.


Baustellenführung Bad Karls­hafen: jeden 2. Sonntag im Monat, 15 Uhr, Treffpunkt am Rathaus, Hafenplatz 8; Hugenottenmuseum, Hafenplatz 9a, Di. bis Fr., 10 bis
17 Uhr, Sbd., So. 11 bis 18 Uhr


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