Real America: Wo Bob Dylan und Prince Local Heroes sind

Bob Dylan revisited: Graffito an einer Hauswand in Minneapolis

Bob Dylan revisited: Graffito an einer Hauswand in Minneapolis

Foto: Lutz Wendler

An den Großen Seen mit den faszinierenden Metropolen und ihren erdigen Teeny Tiny Towns lernt man Amerika richtig verstehen. Hier baute Henry Ford seine Autos – und der Motown-Soul lieferte den Soundtrack dazu.

Gut 1200 Kilometer Autofahrt in acht Tagen, unterwegs zwischen drei der fünf Great Lakes in den Bundesstaaten Michigan, Wisconsin und Minnesota und zwei Großstädte als Klammer der Reise. Klingt nach touristischem Fast Food, ist aber ein Appetizer mit so vielen Geschmacksnoten, dass danach viele Wünsche zur Wiederkehr mit längerer Verweildauer an einzelnen Orten geweckt sind. Im Kürzel HOMES, das unser Reiseleiter Toby McCarrick als einprägsame Merkhilfe zum Aufzählen der Großen Seen nennt (Huron, Ontario, Michigan, Erie, Superior), steckt auch eine passende Charakterisierung, die wörtlich zu nehmen ist:

Die Region, die sich über sechs Bundesstaaten erstreckt, hat so viele Facetten, dass jeder Besucher sich und seine Interessen wiederfindet, sich also irgendwo zu Hause fühlen kann.

Wir bewegen uns zwar in der Peripherie, sind aber doch im Herzen der USA – „real America“ mit zahlreichen „teeny tiny towns“, wie Toby sagt. Typischen Kleinststädtchen also, mit Durchfahrtstraßen, an denen sich ansehnliche Fassaden reihen. Diners, Beer Bars und Restaurants laden zur Einkehr, Läden mit lokalen Angeboten locken zum Einkaufen. Drumherum vor allem Wälder und Wasser, was ein vielfältiges Freizeitangebot von der Erkundung der Natur über Bootstouren und Angeln bis hin zum Skilanglauf, Snowmobilfahren und Eisfischen im Winter reicht.

Motor City Detroit hat die Wende geschafft

Der Reihe nach. Unsere Reise beginnt in Detroit, der größten Stadt Michigans, die zum Symbol für den Niedergang alter Schlüsselindustrien in den USA wurde. Die Stadt, in der 1950 mehr als 1,8 Millionen Menschen lebten hat heute nur noch etwa 677.000 Einwohner. Doch die „Motor City“ – Standort von Chrysler, Ford und General Motors – scheint nach ihrem Konkurs im Jahr 2013 die Wende zu schaffen.

Investoren, die viel Geld mit Immobiliengeschäften, Profisport und Casinos verdienen, haben Impulse für eine Wiederbelebung der heruntergekommenen Downtown gesetzt. Potenzial und Wandel lassen sich auch gut in der Midtown beobachten, wo lange leer stehende Backsteinlagerhäuser heute von Start-ups und hippen Neugründungen wie der Schallplattenmanufaktur Third Man Records genutzt werden und das Umfeld aufwerten.

Kunstschätze für 900 Millionen Dollar

Davon profitieren auch die historischen Villen in der Umgebung, deren in die Jahre gekommene Pracht andeutet, wie reich Detroit einst war. Was offensichtlich auch für das Detroit Institute of Arts (DIA) gilt, das unter anderem Schätze europäischer Kunst vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart ausstellt. Dank privaten Engagements konnte das Museum in eine selbstständige Stiftung überführt werden und so dem Zugriff der Insolvenzverwalter der Stadt entzogen werden, die den Wert der Sammlungen auf 900 Millionen Dollar hatten schätzen lassen und ernsthaft über den Verkauf der Kunstwerke nachdachten.

Im Zentrum des DIA steht das Fresko „Detroit Industry“ von Diego Rivera im Innenhof , als Auftrag des Mäzens Edsel Ford (Sohn des Unternehmensgründers Henry Ford) 1932/33 entstanden. Für das anspielungsreiche Wandgemälde auf insgesamt 434 Quadratmetern recherchierte der mexikanische Maler ausgiebig im Ford-Werk im Vorort Dearborn.

Wie der Fortschritt den American Dream prägte

Wer die USA besser verstehen will, sollte selbst nach Dearborn fahren und sich Zeit für den Dreiklang aus Indoor- und Outdoor-Museum plus Ford-Factory im laufenden Arbeitsprozess nehmen. Fortschrittsoptimismus und American Dream werden hier anschaulich. Das Henry Ford Museum of American Innovation ist eine unglaubliche Sammlung von Americana, die nicht nur den technischen Fortschritt im 20. Jahrhundert mit besonderem Akzent auf Automobile und landwirtschaftliche Fahrzeuge zeigt, sondern amerikanische Geschichte im allgemeinen und dabei düstere Kapitel wie Sklaverei, Rassendiskriminierung und Ku-Klux-Klan nicht verschweigt.

In der vorbildlich präsentierten Fülle fallen einzelne Objekte besonders auf, etwa der Theatersessel, in dem Abraham Lincoln erschossen wurde oder die Präsidentenlimousinen, darunter der Lincoln Continental, in dem John F. Kennedy am 22. November 1963 Opfer eines Attentats wurde.

Folgerichtige Fortsetzung ist das benachbarte Freilichtmuseum Greenfield Village, das auf knapp einem Quadratkilometer historische Szenen des ländlichen und kleinstädtischen Amerika (teilweise in Originalensembles) präsentiert und auf den Spuren erfolgreicher Unternehmer und Erfinder wie Thomas Edison, Henry Ford und der Gebrüder Wright zeigt, was Talent und Einsatz vermögen.

Endmontage der Ford Pickups und Motown-Soul

Abschluss der Lektion ist ein Besuch in der Gegenwart dieses Fortschrittsoptimismus. Auf der Ford Rouge Factory Tour wandeln die Gäste auf erhöhten Laufstegen und sehen bei der Endmontage von Pickups zu. Über den Köpfen werden per Band Ladeflächen und Führerkabinen in verschiedenen Farben und Ausführungen transportiert, unten kommt alles wie von Zauberhand sortiert zusammen und wird im Minutentakt von Arbeitern montiert. Hier passt offenbar noch alles für Detroits Auto-Industrie.

Ein ganz anderer amerikanischer Traum sind die Studios von Motown alias Hitville USA, wo die Karrieren von Michael Jackson, Diana Ross, der Temptations, von Stevie Wonder und vielen anderen begannen. Unser Guide Gordon demonstriert stimmgewaltig die akustischen Möglichkeiten des legendären Studio A und der Echokammer.

Mit dem Motown-Sound im Ohr geht’s weiter nach Norden, am Ostufer des Lake Michigan entlang. Der Herbst sei eine ideale Zeit zum Erkunden der Region, sagt Toby – der Ansturm von Familien ende bereits Anfang September, außerdem präsentiere sich die waldreiche Region dann von ihrer schönsten Seite. Was die Neuengland-Staaten werbewirksam „Indian Summer“ nennen, das heißt an den Great Lakes „Fall Colors“ und ist in der Vielfarbigkeit der Landschaftsbilder nicht weniger prächtig.

Teeny Tiny Towns: Wundersames Mikroklima und harte Winter

Es sind die kleinen Überraschungen in den „teeny tiny towns“, die Zwischenstopps lohnen, weil die Städtchen trotz mancher Ähnlichkeiten stets individuelle Besonderheiten bieten. Das kann ein Classic 50’s American Diner in Grayling sein, bei dem der Gast keine rosarote Brille braucht, um alles in Candy-Colors zu sehen. Oder das idyllische Petoskey mit einigen Bezügen zu Hemingway, der hier als Jugendlicher oft zu Gast war.

Oder die zahlreichen – 100 Jahre alten – „Mushroom Houses“ des Architekten Earl Young in Charlevoix, ein jedes einzigartig und skurril wie ein Hobbit-Heim gestaltet. Verblüffend ist auch, dass die Region, in der es oft stürmisch wird und die sehr harte Winter ertragen muss, ein so günstiges Mikroklima hat, dass die nur wenige Kilometer südlich gelegene Traverse City als Welthauptstadt des Kirschanbaus gilt und in der Umgebung zahlreiche Weingüter beachtliche Qualitäten produzieren.

Michigan ist der einzige US-Bundesstaat, dessen Festland durch ein Gewässer vollständig geteilt wird. Eine acht Kilometer lange Brücke über die Mackinac-Wasserstraße zwischen Lake Huron und Lake Michigan verbindet die dünn besiedelte Upper Peninsula mit dem Süden des Bundesstaats. Im Norden wird die Halbinsel vom Lake Superior begrenzt, dem größten See der Great Lakes, der so viel Fläche hat wie die Schweiz und nicht nur bei rauem Wind und ruppigem Wellengang wie ein Meer wirkt.

Angeln und Wandern in Wisconsin

Der Norden Michigans und die Bundesstaaten weiter westlich sind ein Paradies für Naturfreunde. Wisconsin als Land der mehr als 10.000 Seen lockt Wassersportler an Gewässer wie den Lake Namakagon nahe der Kleinstadt Cable. Das dortige Mogasheen Resort bietet Unterkunft, aber auch Touren mit Pontonbooten über den See. Bei einem Punsch mit Schuss oder heißem Kakao kann man sich im Büro des Resorts aufwärmen, sich angesichts der präparierten XL-Barsch- und Störtrophäen wie in einem altmodischen Hollywood-Film fühlen und sich Tipps für die Urlaubsgestaltung geben lassen.

Cable ist zudem guter Ausgangspunkt für Wanderer. In der Region gibt es rund 500 Kilometer markierte und kartierte Trails. Die Umweltpädagogin Emily Stone vom Cable Natural History Museum zeigt uns, wie reizvoll ein Marsch durch den herbstlichen Ahornwald des Chequamegon National Forest sein kann. Die zuckerhaltigen, bestens für Sirup geeigneten Blätter bedecken den Boden wie ein gelber Teppich.

Belohnung nach einstündigem Marsch zum Juniper Overlook ist die Aussicht mit Fall Colors bis zum Horizont. Spektakuläre Natur ohne ganz weite Wege ist im Copper Falls State Park in Wisconsin zu erleben: atemberaubende Wasserfälle und Stromschnellen direkt unter uns – und man möchte lieber nicht wissen, warum der Fluss, der hier abwärts stürzt, Bad River heißt.

Weltklasse-Architektur in den Twin Cities

Unsere Reise endet in Minnesota so großstädtisch, wie sie begonnen hat. Letztes Ziel sind die Twin Cities Minneapolis und St. Paul. Es sind ungleiche Zwillinge, die sich perfekt ergänzen. Das zukunftsweisende Minneapolis mit einer Skyline wie Klein-Chicago und durchdachten urbanen Strukturen, einer chic aufgewerteten Riverside, Weltklasse-Architektur wie dem Guthrie-Theater von Jean Nouvel und einem großzügig angelegten Park mit Skulpturen von Claes Oldenburg, Henry Moore, George Segal und anderen.

Die Stadt, deren Getreidemühlen und Sägewerke einst von der Kraft der Wasserfälle des Mississippi profitierten, ist längst ein modernes Dienstleistungszentrum, kultur- und sportaffin, weltoffen, mit Migranten aus aller Welt. Die Schwester St. Paul dagegen strebt weniger in die Höhe und demonstriert gelassen die Klasse ihrer historischen Architektur, bietet eine große Auswahl an Bars und Restaurants, zum Beispiel das Fitzgerald`s auf dem Cathedral Hill, das nach dem „The Great Gatsby“-Autor benannt ist, der aus St. Paul stammte.

Paisley Park: Prince war hier ein "Local Hero"

Youtube Prince Paisley Park

Ein Abstecher führt uns in den Vorort Chanhassen, wo Prince arbeitete und lebte. Der 2016 gestorbene Musiker und Produzent war ein Local Hero, der auch als Weltstar seiner Heimat treu blieb. Paisley Park, sein Domizil mit großräumigem Studio-Bereich, ist seit einem Jahr ein Museum. Das Ganze erscheint wie ein monomanes Gesamtkunstwerk, das etwas zu weihevoll vermarktet wird.

Das letzte Wort hat aber Motown mit den Miracles, die den passenden Hit lieferten zum abschließenden Ausflug in die Mall of America, dem größten Shopping Center im Norden (520 Geschäfte, integrierter Indoor-Freizeitpark, 42 Millionen Besucher im Jahr): „My mama told me, you better shop around.“

Youtube Miracles better shop around

Info Great Lakes USA

Informationen und Kartenmaterial zur Region gibt das Fremdenverkehrsamt Great Lakes USA, Tel.: 02104-797451, E-Mail: greatlakes@travelmarketing.de, Website: www.greatlakes.de

Canusa Touristik in Hamburg (Nebendahlstraße 16, 22041 Hamburg) ist Spezialist für die Great Lakes-Region. Auch TUI und Dertour haben Great Lakes-Angebote in ihren Programmen.

Die Reise wurde unterstützt von Great Lakes USA