Spiritualität am Fuße des Fuji: Wo Japan entspannt

Der 3776 Meter hohe Vulkan Fuji mit dem schneegepuderten Kegel-Gipfel strahlt bei gutem Wetter bis nach Tokio.

Der 3776 Meter hohe Vulkan Fuji mit dem schneegepuderten Kegel-Gipfel strahlt bei gutem Wetter bis nach Tokio.

Foto: Getty/Doctoregg

Waldbaden, Glamping, Ruhe – im früheren Fortschritts-Labor Japan zählt die Besinnung auf Kraftquellen. Wenn das böse F-Wort nicht wäre.

Wann haben Sie das letzte Mal einen Baum umarmt? Wann einen Schwarzbären durch einen hügeligen Laubwald verfolgt? Wann bei Sonnenaufgang auf einem eiskalten See ­Erleuchtung gesucht? Japan bietet zurzeit so strahlende Erlebnisse, die man an der Fassade der streng durchorganisierten Hightech-Nation kaum vermuten würde. Wenn nur das böse F-Wort nicht wäre. Doch dazu später.

Das mit dem Baumumarmen ist ja auch in Deutschland angekommen. „Waldbaden“ nennt sich das Eintauchen in die Spiritualität der hochgewachsenen Natur. Auf Japanisch: Shinrin-yoku. Unsere Honshu-Tour durch die Regionen, in denen Japan aufatmet, wo gestresste Tokioter ihren Seelenfrieden finden, erlebt hier ihren Höhepunkt. Im japanischen Voralpenland in der Nähe von Yamanashi, rund drei Autostunden westlich von Tokio, ­legen wir uns in freier Wildbahn mit medizinischer Evidenz nieder. Shinrin-yoku ist seit Jahren Bestandteil der seriösen Gesundheitsforschung.

Waldbaden: Langer Fragebogen zur Fitness

Noch schnell am Rastplatz den bibel­dicken Fragebogen zu Fitness, Vorerkrankungen und Friedfertigkeit ausgefüllt – und los geht’s über abgezirkelte Wanderwege am Fluss ­entlang, weiter über die Hängebrücke, einen leichten Anstieg hoch und wir sind außerhalb der Hörweite der rauschenden Wasser­fälle. Hier hält selbst unsere grandiose Begleiterin Kei-san die Luft an.

Kei-san lebte vor dem Mauerfall lange in West-Berlin und sucht in Kenntnis deutscher Klassiker immer nach dem noch passenderen Wort für „Fetonchito“. Doch ihr fällt nichts ein. Fetonchito klingt wie das F-Wort zum spanischen „Despacito“, was so was wie „mach mal langsam“ bedeutet. Die Richtung stimmt schon. Was hier als Zaubersaft mit angeblichem Namen „Fetonchito“ verkauft wird, meint wohl Phytonzide. Sie sind der magische Stoff in diesem Zauberwald hier, den die Bäume aussenden, wenn sie umarmt werden.

Hier regiert die „chemische“ Ökologie. Der Baum sendet nach dem Umarmen das Signal: Ich spüre dich auch! Damit wir die esoterisch ausgehauchte Botschaft der Natur richtig empfangen, unser Blutdruck sich senkt, die Gedanken sich von ihrem Karussell befreien können, brauchen wir eine handelsübliche Rettungsdecke. Eine wie die in den Maßen 210 mal 160 Zentimeter, die sich nach DIN 13164 in jedem deutschen Auto-Verbandskasten befindet.

Also erst schweigend den Baum umarmen, wortlos die Plastikfolie greifen, die „metallisiert“ ist, die goldene Seite nach oben der ­Sonne entgegen, die silberne zum Körper und einfach auf den Rücken legen. Auf den moosigen Boden. Zurück zu den Wurzeln allen Seins. Rettungsdecken können beim Waldbademeister ausgeliehen werden.

Mit dem Shinkansen von Tokio nach Nagano

Wenn man so daliegt wie ein Unfallopfer und den Wald in sich aufnimmt, kommt einem bei aller Entspannung natürlich wieder das ­böse F-Wort in den Sinn. Doch das hat hier gar nichts verloren. Nur reine Gedanken, bitte. In diese Gegend hier verirrt sich keiner dieser putzigen Schwarzbären, die wir in Karuizawa in der Präfektur Nagano verfolgt haben. Dorthin kann man von Tokio aus auch mit dem Zug Shinkansen fahren (60 Minuten). Für den Transport vor Ort empfiehlt sich allerdings ein Auto oder eine geführte Tour mit Bus oder Van.

Wir sind in Karuizawas Wildnis unterwegs mit einem Ranger, der fast überall auf der Welt schon gearbeitet hat. „Der japanische Schwarzbär ist nicht so aggressiv“, sagt ­Masaya Kusube vom Picchio Wildlife Research Center. Zwischen Mensch und Kragenbär scheint es hier eine Art gegenseitigen Respekt zu geben. Der will erlernt sein. Die meisten dieser allesfressenden Bären, die bis etwa 1,80 Meter groß und 140, 150 Kilo schwer werden, tragen einen Kragensender. Sie wurden gefangen, betäubt, verkabelt. Um die Tiere in freier Natur zu beobachten, kann man sie mithilfe einer Antenne aufspüren.

"Bären-Management": Respekt vor der Wildnis

Es geht auf leisen Sohlen mal in die eine, mal in die andere Richtung. Wir sind ganz nah. Doch der Bär riecht uns längst und entschwindet. Den Naturschützern geht es vor allem um das „Bären-Management“, die Balance zwischen dem schützenswerten Lebensraum der Tiere und dem Drang der Japaner raus in die Natur. In den Ortschaften mit den zum Teil edlen Holzhäusern am Waldrand werden die Mülltonnen mit Schließmechanismen ausgestattet, die selbst die klügsten Bären nicht ­öffnen können.

Ab und an, so der Ranger, greift ein Schwarzbär auch mal einen Waldwanderer an. Meist ist es aber so, dass er die Attacke nur vortäuscht, damit der Mensch zurückweicht und sich das Tier mit dem Überraschungsmoment im Gepäck schadlos davonmacht. Von dieser Strategie sind selbst die Bärenhunde überrascht, die hier gezüchtet werden, eine mega-putzige Meute. Auch für sie gibt es zertifizierte Trainer.

Am Mount Fuji: Der Wald ist nicht genug

Wenn der Japaner seine zauberhafte Natur managt, macht er es gründlich. Doch der Wald ist nicht genug. Der Urquell der japanischen Spiritualität hat mit dem Fuji zu tun, dem 3776 Meter hohen Vulkan mit dem schneebepuderten Kegel-Gipfel. Er strahlt bei gutem Wetter bis nach Tokio – im positiven Sinn, ohne an das böse F-Wort zu denken. Der Fuji hat eine sehr beglückende Seite, die die Besucher inspiriert, belebt. Und er hat dieses eine Waldgebiet am Fuße (Aokigahara), in das sich die verziehen, die mit dem Leben abgeschlossen haben.

Davon möchte man nichts hören im Fünf-Seen-Gebiet des malerischen Kawaguchi-Sees. Beste Reisezeit: wenn’s blüht im Frühjahr oder bräunelt im Herbst. Hier ist auf gut 800 Metern Glamping angesagt, eine verführerische Wortschöpfung aus „glamourös“ und „Camping“. Japans einfallsreiche Resort-Kette Hoshino hat hier das Hoshinoya Fuji in den waldigen Berghang gehauen. Vor kargen Holzhütten im Dickicht der Bäume kann man hier „natürlich“ abhängen, Marshmallows über das Lagerfeuer halten, Wild der Saison grillen, Wald-Yoga ausprobieren.

In den kubusartigen Einheitszimmern – alle mit Panoramafenster und Mini-Balkon auf den Fuji ausgerichtet – gibt es Gummistiefel und Steppmäntel im Kimono-Stil, dazu Rucksäcke mit Kopflampe, Fernglas und Wasserflasche. Das Holz, das Metall, die Fliesen im Badezimmer – alles schlicht designt und sehr edel.

Auch Angela Merkel hat schon japanischen Wein gekostet

An der Rezeption auf Seehöhe lässt man nicht nur das Auto stehen, bevor man den steilen Weg mit einem Jeep erklimmt, sondern auch alles belastende Gedanken-Gepäck. Klar, oben gibt’s auch Wlan. Doch mit jedem Blick auf den Fuji hat man das Gefühl, dieser magische Berg schaut prüfend zurück: Hast du allen Ballast abgeworfen, um einzutauchen in die Würde dieses Ortes? Was das heißt, spüren wir am nächsten Morgen.

Antreten zur Unterweisung in das Kajakfahren zum Sonnenaufgang bei bitterem Frost. Zwei Hartgesottene pro Boot, Handschuhe an, Mütze auf, Schwimmweste umgeschnallt. „Wenn ihr ins Wasser fallt, ­ruhig auf dem Rücken liegen bleiben“, sagt die Kajak-Expertin. Selbst die Lebensrettung scheint hier eine Entspannungsübung. Und wenn man im Nebel über dem See verloren geht? „Der lichtet sich.“ Im Leben nicht, denken wir. Bei dieser Suppe ist der Fuji-Gipfel nur virtuell vorhanden.

Raus auf den See. Vom Wasser kriecht eine Kälte hoch, die jeden Gedanken an eine mystische Atmosphäre schockgefriert. Nach 300 Metern softer Ruderbewegungen ist plötzlich die Sonne da. Die Nebelwand wird löchrig. Am Ufer zeichnen sich die Wälder ab. Die Luft ist klar, aus Grau wird Blau. Und da steht der Fuji. Eine majestätische Stille hat sich über das Wasser gelegt. Nur winzige Wellen kräuseln den See. Die Sonne wärmt die Luft und die Fuji-Maniacs. Ein erhebendes Gefühl.

All das Wuselige aus Tokio, das, ja, Panische dieses Landes scheint so weit weg wie der Mond. Die Gesellschaft altert dramatisch. Für die Pensionen der Rentner – und wohl nirgendwo leben so viele Hundertjährige – kommen immer weniger Arbeitnehmer auf. Die aufmüpfiger werdenden jungen Leute, die Studenten wollen nicht mal mehr Freiwillige sein bei den Olympischen Spielen, die Tokio nach 1964 im Jahr 2020 wieder ausrichten darf. Da werden wohl die Alten wieder ranmüssen, sagt unsere Begleiterin Kei-san.

Das böse F-Wort schon im Flugzeug nach Tokio

Japans Industrie schwächelt. Das böse ­F-Wort prangt schon auf der Bildschirmkarte am Flugzeugvordersitz, wenn man Richtung Tokio über Honshu einschwebt: Fukushima. No-go-Area. Die Atomkatastrophe und der Tsunami haben dem Land eine Depression beschert. Aus der Panik von 2011 ist langsam ein Umdenken geworden, das die Japaner an der Schwelle zu Tokio 2020 ihren Gästen zeigen wollen. In Karuizawa wird ein Teil des G20-Gipfels 2019 stattfinden.

Eine Region, in der man „in Harmonie mit der Natur lebt und sich um nachhaltige Energieerzeugung bemüht“, wie es im Werbeprospekt heißt. Das Hoshi­noya Fuji Resort dort produziert 70 Prozent des benötigten Stroms und der Wärme selbst. Und eine Hotelmanagerin erzählt stolz, dass die hoch angesehene Bundeskanzlerin Angela Merkel-san bei ihrem letzten Japan-Besuch japanischen Wein getrunken habe. Der wird nordwestlich von Tokio angebaut, unter anderem im Weingut Villa d’Est in der Provinz Nagano. Dort schwört Manager Sato Atsushi auf Merlot, Pinot Noir und Chardonnay.

Das sonnige Klima und der Boden gäben mehr her. Aber das Weingut produziert „nur“ 30.000 Flaschen im Jahr. Verkauft wird in ausgewählten Geschäften und im Internet. Die Preise bewegen sich zwischen umgerechnet 20 und 50 Euro pro Flasche. Die Weine, die aus dem Westen kommen, sind zumeist günstiger.

Im ehemaligen globalen Fortschritts-Labor Japan zählt wieder die Besinnung auf die spirituellen Kraftquellen, das Natürliche im buchstäblichen Sinne. Die „New York Times“ zum Beispiel führt die malerischen Setouchi Inseln im Süden des Landes auf Platz sieben der 52 Orte weltweit, die man 2019 sehen muss!

Dort will ein Start-up nächstes Jahr einen Meteoritenschauer erschaffen, einen Himmel voller Sternschnuppen. Ein Mikro-Satellit soll dabei etwas nachhelfen. Es geht ja nur um eine Illusion. In diesen Träumen vom Japan des nächsten Jahrzehnts ist einfach kein Platz für das böse F-Wort.

Im Video: Digital Art Museum Tokio

Das Digital Art Museum in Tokio
Japan-Museum-of-Digital-Art-MOV_4169
Das Digital Art Museum in Tokio
Japan-Museum-of-Digital-Art-MOV_4166

Reise-Infos Japan

Anreise z.B. mit Japan Airlines von Hamburg oder Berlin über Frankfurt nach Tokio Narita, Economy-Tarif je nach Saison ab etwa 800 Euro, Premium Economy rund 1100 Euro. Es gibt auch Flüge zum näher an Tokio gelegenen Flughafen Tokio Haneda, die sind aber etwas teurer.

Übernachten in Tokio z.B. im Gate Hotel Kaminarimon je nach Saison 230 Euro pro DZ, am Fuji im Hoshinoya Fuji 2 Nächte ab rund 1000 Euro.

Weitere Informationen zu Japan-Reisen bei www.jnto.de

Hier gibt es auch Hinweise zu Japan-Eisenbahnpässen, Gruppenreisen und viel Service.

Diese Reise wurde unterstützt vom japanischen Fremdenverkehrsamt