Hamburger Feingebäck

Wie das Franzbrötchen nach Südamerika kam

Bernd Ferstl und Bonny Bollmann haben sich in Hamburg kennengelernt. In ihrer Bäckerei in Argentinien backen sie nun original Hamburger Franzbrötchen

Foto: Henrik Jacobs

Bernd Ferstl und Bonny Bollmann haben sich in Hamburg kennengelernt. In ihrer Bäckerei in Argentinien backen sie nun original Hamburger Franzbrötchen

Im argentinischen El Calafate verkaufen Bernd Ferstl und Bonny Bollmann das Hamburger Gebäck. Die Menschen dort lieben es.

El Calafate/Hamburg.  Barbara ist begehrt. Sehr begehrt sogar. Kaum ist sie zu haben, ist sie auch schon wieder vergeben. Und Bernd steht erneut mit leeren Händen da. Er muss wie so oft zum Telefon greifen. "Wir brauchen neue Barbaras", ruft er auf Spanisch in den Hörer. Bernd Ferstl, wie er mit vollständigem Namen heißt, ist Bäcker. Und Barbara ist eine Backware. Genauer gesagt ein Franzbrötchen. Noch genauer gesagt: das vermutlich erste Franzbrötchen nach Hamburger Art, das in Südamerika produziert und verkauft wird.

Es ist zehn Uhr morgens in El Calafate im argentinischen Teil von Patagonien. Seit zwei Stunden hat die Bäckerei PANtagonia geöffnet. Bernd Ferstl und seine Frau Bonny Bollmann haben den ersten Ansturm hinter sich.

Was die meisten Stammgäste der kleinen Bäckerei in der 20.000-Einwohner-Stadt am Lago Argentino gar nicht wissen: Hinter der Barbara, die sie hier so gerne bestellen, verbirgt sich eine besondere Geschichte. Und die Spuren dieser Geschichte führen zum 13.870 Kilometer entfernten Hamburger Hauptbahnhof. Hier lernte die Argentinierin Bonny Bollmann vor rund 25 Jahren eine Hamburgerin namens Barbara Neubert kennen.

In den Flitterwochen mit dem Rucksack durch Amerika

Weil Bollmann für ein Jahr als Au-Pair in Winterhude arbeitete, stellte ihre Schwester den Kontakt zu einer Freundin her, die sie im argentinischen Rio Negro kennengelernt hatte. Und so trafen sich Bonny Bollmann und eben jene Barbara im Hamburger Hauptbahnhof, weil es laut Barbara Neubert dort die besten Franzbrötchen der Stadt gab. Die beiden Frauen sollten beste Freundinnen werden. Und auch das Franzbrötchen trat in Bonny Bollmanns Leben. "Es war Liebe auf den ersten Biss", sagt die Argentinierin und lacht.

Die Liebe auf den ersten Blick folgte nur wenig später. Bei einer privaten Fortbildung zum Thema Popmusik lernte sie Bernd Ferstl kennen. Der heute 47-Jährige studierte zu dieser Zeit Musik in seiner Heimatstadt Nürnberg, wechselte dann an die Hamburger Musikhochschule und machte nebenbei in Hamburg eine Ausbildung in der kleinen Winterhuder Konditorei Pritsch. Vier Jahre später sollten Bonny Bollmann und Bernd Ferstl heiraten.

Ihre große gemeinsame Idee: eine kleine Bäckerei in Argentinien. In den Flitterwochen reisten die beiden mit dem Rucksack durch Südamerika – und fanden im patagonischen Dorf El Calafate den passenden Ort für dieses Projekt. Heute ist das Dorf eine Stadt. Durch die Eröffnung des Flughafens im Jahr 2000 wurde Calafate zu einem der wichtigsten Reiseziele des Landes.

Erste Backstube wurde 2005 eröffnet

Bis Bonny Bollmann und Bernd Ferstl hier mit ihrer ersten Backstube starten konnten, dauerte es aber noch bis ins Jahr 2005. Die notwendigen Maschinen hatten sie gebraucht in Deutschland gekauft und von Hamburg aus in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires verschiffen lassen. "Wir mussten sehr viel investieren, bis wir uns unseren Traum verwirklichen konnten", sagt Bernd Ferstl. Zunächst konnten sie nur backen und ausliefern.

Erst vor zwei Jahren fanden sie im Zentrum des Ortes den passenden Laden. Heute ist PANtagonia – zusammengesetzt aus dem spanischen Wort für Brot und der berühmten Region – eines der beliebtesten Geschäfte für die vielen Touristen, die hauptsächlich nach El Calafate kommen, um den 80 Kilometer entfernten, spektakulären Gletscher Perito Moreno zu besuchen. Und das Franzbrötchen, das Bonny Bollmann und Bernd Ferstl seit einem Jahr verkaufen, ist der Liebling der Bäckerei-Besucher.

Dass die ehemaligen Hamburger die Hamburgensie nicht einfach nur Franzbrötchen nennen konnten, war ihnen schnell klar. "Der Name ist zu lang und zu kompliziert für die Argentinier. Außerdem gibt es in der spanischen Sprache keine Umlaute", erklärt Bernd Ferstl. Und so tauften sie ihr Franzbrötchen, das sie nach Hamburger Rezeptur backen, auf den Namen Barbara. Eine Hommage an ihre Freundin aus der Hansestadt.

Deutsche Brotlaibe kommen in Argentinien nicht an

Hinzu kommt: Das Wort barbaro bedeutet in Argentinien so viel wie super. Heute kommt Barbara, das Franzbrötchen, bei den Einheimischen super an. Und es ist nicht das einzige Produkt, das die Inhaber aus Deutschland importiert haben. Der Strudel ist eines von 100 eigenen Produkten und stellt die Verbindung in Bernd Ferstls bayerische Heimat her. Das in Südamerika ebenso seltene Sonnenblumenbrot hat er in seiner kurzen Zeit bei Effenberger in Hamburg lieben gelernt. Bis es sich in El Calafate etabliert hatte, verging allerdings etwas Zeit. Erst seit er das Brot geschnitten anbietet, wird es von den Kunden angenommen.

"Mit dem Brotlaib, wie wir es in Deutschland kennen, wussten die Argentinier nichts anzufangen. Wir mussten uns an das Leben und die Besonderheiten hier eben auch erst anpassen", sagt Bernd Ferstl, der nebenbei als Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland arbeitet und in El Calafate verschiedene Musik- und Umweltprojekte initiiert hat. Heute sind der Bayer, seine Bonny und ihre beiden Kinder Arian und Milena aus der argentinischen Gemeinde nicht mehr wegzudenken – ebenso wenig wie die begehrte Barbara aus ihrer Bäckerei.

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