Österreich

Wie das Virgental in Osttirol auf sanften Tourismus setzt

Erfrischung finden Tier und Mensch an der Zupalseehütte (2346 Meter). Sie ist eine Station am Lasörling-Höhenweg. Gegenüber strahlen die Gletscher der Venedigergruppe.  / 

Erfrischung finden Tier und Mensch an der Zupalseehütte (2346 Meter). Sie ist eine Station am Lasörling-Höhenweg. Gegenüber strahlen die Gletscher der Venedigergruppe.  / 

Foto: David Mache

Das Virgental auf der Südseite der Hohen Tauern zieht vor allem Naturfreunde an. Ein neues Projekt ist ein Pilgerweg durch die Alpen.

Virgen.  Meran kennt jeder – die mondän-mediterrane Kurstadt in Südtirol. Doch kennen Sie Virgen, das „Meran Osttirols“? Osttirol ist – Überraschung – der östlichste Zipfel des österreichischen Bundeslandes Tirol. Seit am Ende des Ersten Weltkrieges Südtirol Italien ­zugeschlagen wurde, ist der politische Bezirk Lienz vom Rest des Bundeslandes Tirol isoliert, eingekeilt zwischen Salzburg im Norden, Südtirol im Westen, der italienischen Provinz Belluno im Süden und Kärnten im Osten. Zwar vereinfacht der 1967 eröffnete Felbertauerntunnel die Anfahrt aus dem Norden kolossal, doch das 2000 Quadrat­kilometer große Gebiet mit seinen knapp 50.000 Einwohnern ist von den Auswirkungen eines ungebremsten Massentourismus weitgehend verschont geblieben.

Sollten Sie also ein Alpen-Disneyland mit Seilbahnen, Bettenburgen und Après-Ski-Rummel suchen, wären Sie rund um die Bezirkshauptstadt Lienz falsch. Stattdessen finden Urlauber dort intakte Bergbauernlandschaft, urige Almen, gastliche Alpenvereinshütten und, noch immer, beeindruckende Eisriesen wie Großglockner und Großvenediger.

Eine der sechs größeren osttiroler Talschaften ist das 15 Kilometer lange Virgental. Es zweigt bei Matrei nach Westen von der Felbertauernstraße ab. 60 Gipfel, die höher als 3000 Meter sind, umkränzen das Tal; Bergsteiger werden auf 20 Alm- und Schutzhütten bewirtet. Der Hauptort Virgen – das „Meran Osttirols“ – liegt schon auf knapp 1200 Meter Seehöhe. Doch am steilen Südhang der Hohen Tauern ist das Klima trotzdem verhältnismäßig sonnig und mild – beste Voraussetzungen für traumhafte Bergtouren. Dabei geht’s gleich zur Sache: Ehe die grünen Almmatten mit aussichtsreichen Höhenwegen erreicht sind, stählen die Waden steile Anstiege durch den Bergwald.

Die Bergkämme ringsum gehören zum Nationalpark

Wer beispielsweise auf der urigen Gottschaun-Alm die viel gerühmten Krapfen kosten möchte, hat ab der kunsthistorisch bedeutsamen Wallfahrtskirche „Maria Schnee“ im Ortsteil Obermauern 600 schweißtreibende Höhenmeter vor sich.

Nicht weniger steil ist der Anstieg zur aussichtsreich an der Waldgrenze gelegenen Nilljochhütte. Von ihrer Terrasse öffnet sich bei Kaiserschmarrn und Apfelstrudel der Blick auf den hinteren Teil des Virgentales mit dem Bergsteigerdorf Prägraten. Dort lebt Friedl Kratzer. Das geschäftstüchtige Tiroler Original wird nicht müde, für sein Tal zu werben.

Die Zahl der Übernachtungen in Virgen und Prägraten ist seit 2003 um 62.000 auf gut 110.000 pro Jahr gesunken. Selbst an schönen Tagen im Juli und August trifft man auf vielen Routen nur selten andere Bergsteiger. „Dabei ist es doch so herrlich bei uns: Wo gibt es so viele Dreitausender, Höhenwege und Hütten, so viel Natur auf einem Fleck?“, schwärmt Kratzer. Seine Familie bewirtschaftet die schmucke Sajathütte und bringt mit ihrem ­Taxidienst Wanderer in Kleinbussen bis zum Ende der befahrbaren Almwege.

Friedl Kratzer und viele an­dere haben erkannt, dass Virgen und Prägraten nicht auf immer längere Skipisten und protzigere Wellnesshotels setzen können. Die ­Bergkämme ringsum gehören zum Nationalpark Hohe Tauern, dem größten Naturschutzgebiet Österreichs. Dort leben Gämsen, Steinböcke, Steinadler und Murmeltiere. „Das echte Alpengefühl – es gibt es noch“, lautet der Werbespruch. Er soll offenkundig für sanften Tourismus stehen.

„Sanftes“ Tourismusprojekt steht kurz vor dem Abschluss

Doch reicht das, um den Tal­be­wohnern ihr Auskommen zu sichern und Abwanderung zu verhindern? Ermutigend ist die Erfolgsgeschichte des Bauernladens in Virgen. Bereits seit 1993 bieten dort Bergbauern Speck, Graukäse, Almbutter, Krapfen, Liköre und weitere Spezialitäten an. Die Nachfrage ist riesig. Stets gefüllt ist auch die Stube im Kräuterwirtshaus Strumerhof hoch über Matrei. Dort werden Klas­siker der Tiroler Küche mit Bergkräutern veredelt.

Ein weiteres „sanftes“ Tourismusprojekt steht kurz vor dem Abschluss: In diesem Monat wollen Pfarrer Damian Frysz und Bürgermeister Anton Steiner einen neuen Pilgerweg hoch über Prägraten weihen. Die 14 Kreuzwegstationen aus Serpentinstein verbinden Stabant-, Sajat- und Eisseehütte – sicher einer der spektakulärsten Pilgerwege der Alpen.

Spektakulär – das heißt in Osttirol nicht Riesenseilbahn oder Aussichtsplattform. Die Berglandschaft in natura ist spektakulär genug. An den Umbal­fällen zum Beispiel entfaltet das Gletscherwasser der Isel seine unbändige Kraft. „Kraftort“ nennen Touristiker die tosenden Wasserfälle neuerdings. Ein eben solcher ist die Holzpyramide am Muhs-Panoramaweg über Prägraten. Auf etwa 2300 Metern schlängelt sich der Höhenweg von der Berger-See- zur Lasnitzen-Hütte und gewährt unvergleichliche Panoramablicke zur Venedigergruppe.

Die Route über den Gletscher verlangt alpine Erfahrung

Noch beeindruckender ist der Talschluss von Innergschlöß. Über den verwitterten Holzhütten dieser Almsiedlung glänzt das Schlatenkees, der größte Gletscher Osttirols. Natürlich taut auch dieser Eisstrom immer schneller. Doch wer den Lehrpfad des Alpenvereins bis zur Gletscherzunge heraufkraxelt, fühlt sich noch immer in eine arktische Urwelt versetzt.

Wahre Gipfelstürmer wird es ­freilich noch höher treiben: Nach einer Übernachtung auf der Neuen Prager Hütte ist der stolze Großvenediger in ungefähr drei Stunden zu packen. Die Route über das Schlatenkees ist technisch nicht schwierig – nur der Gipfelgrat ist recht luftig –, sie verlangt aber dennoch alpine Erfahrung oder die Begleitung eines Bergführers. Unterwegs gibt es tiefe Gletscher­spalten. Besonders eindrucksvoll ist die Überschreitung von Nord nach Süd: Aufstieg von Innergschlöß, Abstieg nach Prägraten. Kraftort hin, echtes Alpen­gefühl her – von solchen Bergerlebnissen lässt sich lange zehren.

Tipps & Informationen

Anreise z. B. mit dem Auto über die A 7, A 3 und A 9, knapp 900 Kilometer in ca. zehn Stunden. Die Anreise mit der Bahn über München und Kitzbühel bis Virgen ist komplizierter, mit fünfmaligem Umsteigen braucht es über 15 Stunden.


Wandern von Hütte zu Hütte Die Berge südlich des Tals um den 3098 Meter hohen Lasörling erschließt der Lasörling-Höhen-weg mit elf Almen und Schutz-hütten. Er ist auch für weniger geübte Wanderer machbar. Im Norden verläuft der hochalpine Venediger-Höhenweg mit bis zu zehn Etappen – ein Klassiker! www.virgentaler-huetten.at


Unterkünfte Buchbar übers Gastgeber­verzeichnis: www.virgental.at


Wanderungen und Bergtouren www.hinterbichl.at


Auskunft Tourismus­information Virgen, Tel. 0043/ 50/212 520, virgen@osttirol.com