Paradiesäpfel

Wo Tomaten nach Kiwi und Banane schmecken

Foto: Helge Bendl

Im Burgenland baut Erich Stekovics 3200 Sorten der schmackhaften "Goldäpfel" an - die weltweit größte Sammlung. Kosten darf man auch.

Österreich. Eine Schlange gibt es nicht in diesem Garten Eden. Aber viele Versuchungen. Die "Ukrainische Birne" schmeckt ein wenig nach Haselnuss. "Charlie's Green" duftet nach frischer Zitrone. "Dattelwein" erinnert an Honig. Manche Sorten bieten die Aromen von Banane, Kiwi und Zuckerrübe, andere sind erstaunlich herb und pfeffrig. Geschlagene drei Stunden ist man schon auf dem Feld, und die ungebräunte Besucherhaut rötet sich in der Abendsonne wie, nun ja, eine reifende Tomate. Doch das Verkosten jener Früchte, die Seefahrer im 16. Jahrhundert erstmals aus der Neuen Welt nach Europa brachten, macht eben süchtig. Damals war das Gemüse so exotisch, dass Kräuterkundler es nicht "Tomatl" nannten wie die Azteken, sondern die Früchte "Goldäpfel" oder "Paradiesäpfel" tauften - und dabei vielleicht an die Geschichte von Adam und Eva dachten. Erich Stekovics schmunzelt: "In meinem Paradies der Paradeiser gibt es nur eine Sünde: nicht alles zu probieren."

Ausgeschildert ist er nicht, der Weg ins Schlaraffenland. Platter Boden, endloser Himmel, die Alpen sind weit weg. Hier im Burgenland flacht Österreich ab, geht über in die Steppen Osteuropas. Man muss Wiens Badewanne, den Neusiedler See, hinter sich lassen, und durch die weite Landschaft weiterfahren bis kurz vor der ungarischen Grenze. Noch vor ein paar Jahren kamen Besucher nur ins winzige 3000-Einwohner-Städtchen Frauenkirchen, um in der Wallfahrtskirche ein aus Lindenholz gefertigtes Gnadenbild zu sehen. Heute fragen die Leute, wo denn bitte "Schäferhof 13" sei, da wohne doch der Herr Stekovics. In Deutschland würde man ihn wohl als Tomaten-Papst bezeichnen, doch im Osten Österreichs, wo man das Nachtschattengewächs als Paradeiser kennt, ist er der "Kaiser der Paradeiser".

Erich Stekovics empfängt seine Gäste mit Tomaten-Prosecco und einem festen Händedruck. Die Erde unter den Fingernägeln verrät, dass er gerade von dort kommt, wo er die Gruppe gleich wieder hinführen wird: seinen Feldern. Der Sohn eines Nebenerwerbslandwirts hat schon im Kindergarten immer am liebsten Gärtner gespielt. Als seine Freunde Briefmarken sammelten, löste der junge Erich Samen aus vollreifen Früchten. Auf dem Dachboden füllte er sie in ausgemusterte Damenstrümpfe, um sie luftig und trocken im Kleiderschrank lagern zu können. Später wollte er Koch werden, studierte am Ende aber Theologie und arbeitete jahrelang als Religionslehrer. Am Ende hat er dann doch sein Hobby zum Beruf gemacht und auf der ganzen Welt Tomatensamen gesammelt. Heute wachsen bei ihm 3200 Sorten, die wohl weltweit größte Sammlung. Samen oder reife Tomaten verkauft der 46-Jährige nicht: Die Produktion seiner mehr als 50 000 Pflanzen wird fast komplett eingemacht und getrocknet, zu Pesto, Marmeladen und Aufstrichen verarbeitet. Im Hofladen stapeln sich die Gläser.

Wer keine Tomaten auf den Augen hat, erkennt: Tomaten müssen nicht rot und rund sein. Es sind, die Italiener liegen mit ihrem "pomodoro" ebenfalls falsch, auch nicht nur gelbe Goldäpfel. Am Neusiedler See wachsen einfarbige Sorten und solche, die gestreift, gesprenkelt und marmoriert sind. Sie schimmern weiß, rosa, gelb, grün, braun, orange, pink und schwarz - und auch in tausendundeiner Rotschattierung von Karmin bis Zinnober. Die bis zu 1500 Gramm schweren Früchte der alten deutschen Sorte "Géante d'Orenburg" schmücken helle Flecken. Eine seltene Varietät von den Galapagosinseln ziert sogar ein weißer Stern auf violettem Untergrund.

Und erst die Formen: Da gibt es das "Andenhorn" - im Burgenland nennen die Bauern die Pflanze vulgär "Goastuttler", weil die Früchte herabhängen wie ein Ziegeneuter. "Auf französischen Märkten zahlt man mehr als zehn Euro pro Kilo für die angeblich beste Tomate der Welt, die gerade mal zwei bis drei Kerne im süßen, saftig-mehligen Fruchtfleisch versteckt", erzählt Erich Stekovics. Ein paar Meter weiter wächst die Sorte "Bernsteinpokal", die sich wie ein Apfel schneiden und gut trocknen lässt. Aus Moskau stammt die pflaumengroße "Black Plum", die Sorte für das beste Sugo. Legendär und heiß begehrt sind die "Ochsenherzen". Doch wer kennt Sorten wie "Striped German", die aufgeschnitten aussieht wie eine überreife Ananas, oder die knollenförmigen "Japanischen Trüffel", perfekt für ein Carpaccio?

So schlendert man mit großen Augen durch seinen Garten Eden, vorbei an Sorten mit skurrilen Namen: "Rotkäppchen", "Verlorene Kugel des Froschkönigs", "Das gelbe Herz der Taube", "Himmelsstürmer" oder sogar "Fünf Finger Gottes". Dann präsentiert Erich Stekovics noch eine Sorte, die ursprünglich aus Guatemala stammt, mit handtellergroßen Früchten, die wie eine Knoblauchknolle aussehen. "Das ist die sogenannte Russische Reisetomate. Die Passagiere in der Transsibirischen Eisenbahn essen diese Tomate ohne Messer - sie pflücken einfach bei jedem Halt ein Stück von ihr ab." In einem solchen Moment muss man schon ganz genau hinschauen, um in den Augen des Landwirts den Schalk zu sehen, denn natürlich hat er den Namen erfunden. Und auch, dass seine eigenen Züchtungen - bei denen das Fruchtfleisch aussieht wie eine frische Erdbeere - laut EU-Recht noch nicht für den Verzehr geeignet seien, ist Unfug. Wenn seine Gäste verständnisvoll nicken und innerlich die Bürokraten in Brüssel verfluchen, steckt er sich die Rarität mit einem Grinsen in den Mund.

Mutter Natur hat viele hübsche Töchter mit gutem Geschmack. Erich Stekovics hat trotzdem eine Favoritin. Bis zu 6000 Früchte mit Nussgeschmack, manchmal winzig klein wie ein Stecknadelkopf, hängen an einer einzigen Pflanze der mehr als 1000 Jahre alten peruanischen Tomatensorte "Gelbe Johannisbeere". Im Frühling wird er sie, wie auch gut 130 andere Varietäten, wieder als Pflanze verkaufen - unterm Ladentisch gibt es für Eingeweihte sogar noch ein paar Raritäten. Doch um die zu bekommen, muss man den Meister überzeugen, nicht von der "Gießkrankheit" befallen zu sein: Stekovics wässert nämlich nur Tomaten, die im Topf wachsen, und nie Pflanzen im Freiland. Wer seinen Rat nicht ernst nimmt, dem setzt er am Ende vielleicht nur die "Schlesische Himbeere" vor - dünne Schale, früh reifend, mit Kartoffelduft, wenig Kernen und süß im Geschmack. "Das ist eine ideale Einstiegssorte für alle, die das Gießen nicht lassen können." Dann fügt der "Kaiser der Paradeiser" mit einem Augenzwinkern hinzu: "Wenn Sie es mit der nicht schaffen, dann steigen Sie besser auf Trockenblumen um."

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.