Schleswig-Holstein

So soll das Nienwohlder Moor gerettet werden

Angelika Bretschneider (2. v. l.) vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume führte durch das Nienwohlder Moor.

Angelika Bretschneider (2. v. l.) vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume führte durch das Nienwohlder Moor.

Foto: Lutz Kastendieck

Große Fachtagung vereint knapp 100 Experten aus vier Bundesländern. Kreis Stormarn hat Planfeststellungsverfahren veranlasst.

Bad Oldesloe.  Mit seinen knapp 500 Einwohnern gehört Nienwohld zu den kleineren Gemeinden Stormarns. Der Ortsname ist dennoch weit über den Kreis hinaus bekannt. Denn er liegt am östlichen Rand des mit mehr als 300 Hektar größten und bedeutendsten atlantischen Hochmoorkomplexes in ganz Schleswig-Holstein. Gerade erst war es Ziel einer Exkursion während einer Fachtagung zum Moormanagement, die in der Stormarnhalle Bad Oldesloe knapp 100 Experten aus vier Bundesländern zusammengeführt hat.

„Moorschutz ist aktiver Klimaschutz. Deshalb ist die Wiedervernässung schon seit Jahren ein wichtiges Thema bei uns in Stormarn“, sagte Kreispräsident Hans-Werner Harmuth in seinem Grußwort zum Auftakt der Tagung. Besondere Bedeutung komme dabei dem 1982 unter Naturschutz gestellten Nienwohlder Moor zu, in dem bereits seit den 1980er-Jahren Renaturierungsmaßnahmen durchgeführt worden seien.

Nienwohlder Moor bindet Kohlendioxid

Längst gilt als wissenschaftlich belegt, dass Moore durch ihre Torf-Moose deutlich mehr Kohlendioxid (CO2) binden, als alle Wälder der Erde zusammen. Von weltweit 250 Milliarden Tonnen pro Jahr ist die Rede. Dabei entfallen gerade drei Prozent der gesamten Landfläche, also etwa vier Millionen Quadratkilometer, auf Moore. Umgekehrt setzen trockengelegte Moore zuvor gespeicherte Schadstoffe allerdings wieder frei. Untersuchungen der Uni Kiel zufolge sind das bei einer Wasserabsenkung um 40 Zentimeter bis zu 51 Tonnen CO pro Hektar und Jahr. Kein Wunder also, dass in den Schutz und die Entwicklung von Mooren zunehmend investiert wird.

90 Prozent der Moorgebiete sind weitgehend zerstört

Mit der Novelle des ersten Naturschutzgesetzes wurde in Schleswig-Holstein zwar bereits ab 1973 der Moorabbau verboten. Naturschutzorganisationen fordern darüber hinaus aber, auch das Trockenlegen von Moorflächen für die landwirtschaftliche Nutzung zu verbieten. Und sie stattdessen wieder zu vernässen, wo immer das noch geht.

In Deutschland gelten gerade noch ein bis zwei Prozent der einstigen Moorflächen als intakt, 90 Prozent sind weitgehend zerstört. Im Nienwohlder Moor etwa wurde noch bis 1976 auf 84 Hektar Weißtorf industriell abgebaut. Dabei verlor das einstmals mächtige Hochmoor zwei Meter an Höhe.

Schleswig-Holstein hat 380 Hoch- und Übergangsmoore

Wer wie die Exkursionsteilnehmer übers Alte Torfredder an der Ostflanke des Moores einwandert, kann das an vielen Stellen noch heute sehen. Steile Torfstichkanten wirken ebenso wie zahlreiche Drainagegräben noch immer entwässernd. „Der Torfkörper wird dadurch mineralisiert und sackt ab“, erklärt Angelika Bretschneider vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume.

Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit den rund 380 Hoch- und Übergangsmooren in Schleswig-Holstein. An der Seite zahlreicher anderer Fachleute arbeitet sie an wirksamen Konzepten, um Moore durch Vernässung wieder zu aufnahmefähigen CO2-Speichern zu entwickeln. „Schließlich ist das eine der effektivsten und kostengünstigsten Klimaschutzmaßnahmen überhaupt“, so Bretschneider.

Etwa 30 Flurstücke befinden sich noch im Privatbesitz

Wie im Königsmoor in der Eider-Treene-Niederung (Kreis Rendsburg-Eckernförde) ist auch im Nienwohlder Moor eine weitere Verwallung geplant. „Dabei wird in einer Tiefe von bis zu 2,50 Metern unter anderem Hochmoor- und Weißtorf eingebracht, damit das Moor wieder Wasser speichern kann“, berichtet die Expertin. Zudem würden wie bei Deponien zum Abdichten dicke Folien („Elefantenhaut“) eingebaut.

Zuvor müssten aber noch die Eigentumsverhältnisse geklärt werden. „Die fraglichen Areale bestehen aus 300 verschiedenen Flurstücken, die teilweise vielen einzelnen Eigentümern gehören“, sagt Joachim Schulz von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Stormarn. Zwar sei es gelungen, 90 Prozent der ehemals in Privathand befindlichen Flächen zu kaufen. „Etwa 30 Stücke fehlen aber noch. Deshalb führt der Kreis jetzt ein Planfeststellungsverfahren durch, um Rechtssicherheit für die noch ausstehenden Renaturierungsmaßnahmen zu schaffen“, erläutert Schulz.

Viele seltene Tiere und Pflanzen sind bereits zurückgekehrt

Unterdessen ist das Kerngebiet des Hochmoores schon wieder zu einem bedeutenden Lebensraum für viele seltene Tier- und Pflanzenarten geworden. In den erhöhten, trockenen Bulten finden sich rot oder braun gefärbte Torfmoose, Glocken-, Rosmarien- und Besenheide, in den feuchteren Schlenken Schnabelried, Sonnentau und Wollgras.

Die Moorflächen sind allerdings auch das Zuhause zig verschiedener Schmetterlinge wie Hochmoor-Bläuling und Grüner Zipfelfalter, sowie um die 20 Libellenarten, von denen fast alle auf der Roten Liste stehen. Neben Bekassine, Rohrweiher, Wiesenpieper und diversen Entenarten brüten dort sogar wieder Kraniche. Und wie zum Beweis zogen vier von ihnen eine Schleife hoch über den Köpfen der Exkursionsteilnehmer.