Kunstaktion

Bargteheide: Erinnerung an Todesmarsch vor 75 Jahren

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Melissa Jahn
Christopher Weiß und Kai Fischer (vorn von links) wollen zusammen ein Kunstprojekt in Bargteheide inszenieren. 

Christopher Weiß und Kai Fischer (vorn von links) wollen zusammen ein Kunstprojekt in Bargteheide inszenieren. 

Foto: Melissa Jahn

Vor 75 Jahren kamen KZ-Häftlinge aus dem Lager Neuengamme durch die Stadt. Kunstaktion soll dies mit dem Stadtjubiläum verbinden.

Bargteheide.  Vor rund 75 Jahren zogen 200 KZ-Insassen auf einem der letzten Todesmärsche aus dem Lager Neuengamme durch Bargteheide. Und 25 Jahre später erlangte die Gemeinde das Stadtrecht. Unter dem Motto „Der Marsch“ sollen diese zwei geschichtsträchtigen Daten zusammengebracht und am 9. Mai im Kontext der 50-Jahre-Stadtrechte-Feier in einer gemeinsamen Inszenierung von Bürgern dargestellt werden. Bei einem Auftakttreffen wurde die Idee jetzt im Stadthaus kontrovers diskutiert.

„Theater ist mehr als Weihnachtsmärchen“, sagt Kai Fischer, Vorstandsmitglied des Kleinen Theaters in Bargteheide. „Theaterpädagogik bedient sich auch dem Auftrag, schwierige Themen in den Vordergrund zu rücken und der jungen Generation ein Vorbild zu geben.“ Zusammen mit seinem Kollegen Christopher Weiß – gemeinsam bilden sie die preisgekrönte Hamburger Theatergruppe „Die AZUBIS“ – entwickelte Fischer die Idee eines choreografierten Marsches durch die Stadt. Ihr Ziel ist es, die Erinnerungskultur durch diese Kunstaktion im öffentlichen Raum zu stärken und für Mut und Toleranz in der Zukunft zu werben.

Erinnerungskultur soll gestärkt werden

Es muss eine gespenstische Atmosphäre gewesen sein, als sich 200 KZ-Häftlinge am 30. April 1945 von Rahlstedt nach Bargteheide schleppten, ausgemergelt und hungrig. Eskortiert von schwer bewaffneten SS-Wärtern erreichten sie am 1. Mai den heutigen Utspann-Parkplatz und übernachteten dort in einem Kuhstall, um am nächsten Morgen weiter in Richtung Lübeck getrieben zu werden. Besonders makaber: ein Lagerorchester musste während des Marsches musizieren. Obwohl dieser Marsch alles andere als leise war, habe es laut Zeitzeugenberichten kaum Hilfe von der Bevölkerung gegeben. Aus Angst?

Diesen Aspekt wollen die beiden Theaterprofis beleuchten und den Marsch als Ausgangspunkt für mehr Zivilcourage nehmen. Ob eine Inszenierung von Goethes Faust auf der Hamburger Reeperbahn oder Leben und Sterben auf dem Friedhof Ohlsdorf – die selbsternannten Poeten des Alltags konzentrieren sich auf Geschichten mit gesellschaftlicher Brisanz und erzählen diese direkt am Ort des Geschehens.

Organisatoren wollen vor allem die Jugend ansprechen

Dabei liege der Schwerpunkt nicht auf einer detailgetreuen und historisch korrekten Darstellung, sondern vielmehr darauf, das Erinnern mit einer Vision für die Zukunft zu verknüpfen. Es gehe um Werte, ein Symbol für Zivilcourage und ein Wir-Gefühl für die Stadt. Christina Schlie vom Kulturbüro: „Auch die Stadt muss sich positionieren und Haltung zeigen – gerade im Jubiläumsjahr ihrer Stadtrechte.“

Ein starkes Ziel, welches in Zusammenarbeit mit der Stadt, der Volkshochschule und möglichst vielen Bürgern erreicht werden soll. Nicht alle Anwesenden der Auftaktveranstaltung konnten sich die Verknüpfung dieser beiden ambivalenten Themen vorstellen. In einem weiteren Treffen soll es deshalb zunächst erneut um denkbare Rahmenbedingungen und erste Ideen gehen. Die Kulturschaffenden hoffen, mit der Idee mehr Jugendliche ansprechen zu können. Sie haben Einladungen an die Schulen, Konfirmanden und die Jugendspielgruppe des Jungen Theaters Bargteheide herausgeschickt.

Weitere Treffen: 26. Februar und 18. März, jeweils 18.30 Uhr, Stadthaus Bargteheide

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