Stormarn
Mordprozess

Warum der Fall Ivonne Runge so lange ungelöst blieb

Der Angeklagte Stefan B. wird in Handschellen in den Gerichtssaal am Landgericht Lübeck gebracht.

Der Angeklagte Stefan B. wird in Handschellen in den Gerichtssaal am Landgericht Lübeck gebracht.

Foto: Janina Dietrich / HA

Landwirt erzählt vor dem Landgericht Lübeck, wie er auf einem Feld bei Hammoor die Leiche der 39-Jährigen aus Schlamersdorf fand.

Travenbrück. „Wenn man gewusst hätte, dass dort eine Leiche liegt, dann hätte man sie vielleicht schon früher entdecken können“, sagte Marco L. (Name geändert). Am vierten Prozesstag im Mordfall Ivonne Runge hat der Landwirt ausgesagt, der die sterblichen Überreste der Frau im April 2019 gefunden und damit zur Aufklärung des mysteriösen Falls beigetragen hatte. Eineinhalb Jahre hatten Polizei, Freunde und Verwandte bis zu diesem Zeitpunkt vergeblich nach der 39-Jährigen gesucht.

Der Ex-Freund hat die Tat gestanden

Nur wenige Tage später wurde ihr Ex-Freund festgenommen. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten nun genügend Indizien gegen den Mann, der bereits früh in den Fokus der Ermittler gerückt war. Denn zu dem Fundort, einem Feld bei Hammoor, passten die Handy-Standortdaten von Stefan B. Vor Gericht hat der 39-Jährige gestanden, seine ehemalige Lebensgefährtin an einer Bushaltestelle in ihrem Heimatort Schlamersdorf nach einem Streit erwürgt zu haben.

Er habe am 25. April 2019 mit seinem Vater den Zaun um seine Koppel repariert, sagte der Landwirt vor Gericht. Da der Boden im Vergleich zu den Vorjahren deutlich trockener gewesen sei, habe er sich diesmal auch eine weiter hinten gelegene Seite des Holzzauns vorgenommen. „Bei den Arbeiten habe ich aus der Ferne eine Plastikfolie gesehen.“

Kripo-Beamter dachte zunächst an einen Obdachlosen

Er sei hingegangen, habe das Plastik etwas beiseite geschoben und den grauenhaften Fund gemacht. „Ich habe einen Pferdeschwanz gesehen. Deshalb war mir sofort klar, dass es eine Frauenleiche ist.“ Der Landwirt alarmierte die Polizei.

Wenig später untersuchten Kripo-Beamte aus Lübeck den Tatort. „Auf den ersten Blick war vor allem Kleidung zu sehen“, sagt ein Ermittler. Zunächst habe er gedacht, dass sich ein Obdachloser dort zum Schlafen hingelegt haben und dann erfroren sein könnte. Daher habe er die Umgebung nach persönlichen Gegenständen abgesucht – ohne Erfolg.

Polizist widerspricht Aussage des Angeklagten

Ein anderer Polizist erzählt, dass sich alle Kleidungsstücke in dem Sack befunden hätten. Auch die blaue Jacke, die der Angeklagte erst im Februar 2018 – und damit vier Monate nach der Tat – auf die Plastiksäcke gelegt haben will. Er habe im Vorbeifahren gesehen, dass sie aus der Erde ragten und versucht, sie zu verbergen. „Ich wollte, dass die Spur zu mir führt, wenn die Leiche mal entdeckt wird“, sagte er bei seinem Geständnis.

Stefan B. und das Opfer wollten gemeinsam ein Haus kaufen

Am vierten Prozesstag ging es zudem um den Kaufvertrag für ein Haus, den Ivonne Runge und Stefan B. ein halbes Jahr vor der Tat gemeinsam unterschrieben hatten. Die Finanzierung der 250.000 Euro teuren Immobilie war bis zu ihrem Verschwinden nicht gesichert, Ivonne Runge wollte Zeugenaussagen zufolge wegen der Trennung aus dem Vertrag aussteigen. Die Verkäuferin sagte vor Gericht, nichts von der Trennung des Paares gewusst zu haben. „Das haben uns beide verschwiegen“, sagt die 58-Jährige. Es sei ihr merkwürdig vorgekommen, dass Ivonne Runge sich das Haus nie von innen angesehen habe. Zum 1. Januar 2018 sollte ihren Angaben zufolge der Kaufpreis gezahlt werden.

Der Prozess wird am kommenden Mittwoch, 4. Dezember, fortgesetzt.