Norderstedt
Lübeck/Travenbrück

Ivonne Runge wurde an der Bushaltestelle erwürgt

Der Angeklagte Stefan B. wird in Handschellen in den Gerichtssaal am Landgericht Lübeck gebracht.

Der Angeklagte Stefan B. wird in Handschellen in den Gerichtssaal am Landgericht Lübeck gebracht.

Foto: Janina Dietrich / HA

Am zweiten Prozesstag am Landgericht Lübeck legt der Ex-Freund umfangreiches Geständnis ab. Tatmotiv soll ein Streit gewesen sein.

Lübeck/Travenbrück. Mehrere Zuschauer keuchen entsetzt auf, als Stefan B. vor dem Landgericht Lübeck den Mord an Ivonne Runge gesteht, detailliert die letzten Minuten vor ihrem Tod beschreibt. Demnach hat er seine Ex-Freundin am späten Abend des 25. Oktobers 2017 im Travenbrücker Ortsteil Schlamersdorf erwürgt. Mitten auf der Straße, nahe der Bushaltestelle am Ortseingang. Sie habe sich nicht gewehrt.

Beide hatten sich Ende 2010 an ihrem damaligen Arbeitsplatz, dem Rasthof Buddikate an der A 1, kennengelernt. Rund ein Jahr später sei sie mit ihrem Sohn und ihrem Hund zu ihm nach Rümpel gezogen. „Wir haben ein ganz normales Leben geführt“, sagt der Angeklagte, der allerdings in dieser Zeit zahlreiche Affären hatte. Im Juni 2017 habe Ivonne Runge von den Betrügereien erfahren, habe danach um eine Auszeit der Beziehung gebeten. An jenem Wochenende habe sie auch ihren späteren neuen Partner kennengelernt. „Ich hatte sofort einen Verdacht, habe sie immer wieder zur Rede gestellt“, sagt Stefan B. Nach der endgültigen Trennung Ende August und ihrem Umzug nach Schlamersdorf habe er versucht, das Paar mit gefälschten Facebook-Nachrichten auseinanderzubringen – ohne Erfolg.

Stefan B. sagt, er sei nach der Tat in Panik geraten

Am 25. Oktober 2017 wollte sich Ivonne Runge mit ihrem Ex-Freund treffen, um über die Auflösung des Kaufvertrags für ein Haus zu sprechen. „Ihr ging es nicht gut. Sie hatte Kreislaufbeschwerden“, sagt Stefan B. „Deshalb habe ich ihr angeboten, sie mit ihrem Auto nach Hause zu fahren.“ Gegen 23 Uhr seien sie Richtung Schlamersdorf aufgebrochen.

Irgendwann habe Ivonne Runge gesagt, dass es „so weit nie hätte kommen müssen“. Seine Entschuldigungen habe sie schnippisch abgetan. Am Ortseingang von Schlamersdorf habe sie ihn aufgefordert anzuhalten. „Sie wollte das letzte Stück zu Fuß gehen“, sagt Stefan B. Er sei auch aus dem Auto gestiegen, weil er den Streit ausdiskutieren wollte. Sie habe ihn weggestoßen und ihm die Worte „Ich habe jetzt einen besseren Mann als dich, bin glücklich. Er ist auch besser im Bett als du“ an den Kopf geschleudert. „Ihr letzter Satz, der hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, gibt Stefan B. vor Gericht auf Nachfrage der psychologischen Gutachterin zu.

Erst als Ivonne Runge zusammengesackt sei, habe er losgelassen, versucht, ihren Puls zu kontrollieren. „Ich habe sie dann auf die Beifahrerseite gesetzt, bin völlig in Panik losgefahren.“ Zuvor will er ihr Handy, das bei der Tat auf die Straße gefallen war, „im hohen Bogen weggeworfen“ haben. Es war später an der Bushaltestelle gefunden worden.

Während der Fahrt habe er sich dann entschlossen, die Leiche in einem Waldstück bei Hammoor abzulegen. Den Feldweg habe er gekannt, weil er fast täglich auf seinem Arbeitsweg dort vorbeigekommen sei. Im Kofferraum will er die Säcke gefunden habe, in denen er die Leiche verscharrte. Er habe diese Ivonne Runge zuvor für den Umzug gegeben.

Stefan B. versuchte mit verschiedenen Maßnahmen, den Verdacht von sich zu lenken, fuhr am nächsten Morgen zum Beispiel zu ihrer Wohnung in Schlamersdorf und klingelte, schickte eine besorgte SMS, als niemand öffnete. Bei mehreren polizeilichen Vernehmungen bestritt er, etwas mit dem Verschwinden der Frau zu tun zu haben.

Mobilfunkdaten belegen, dass sich Stefan B. vor dem Treffen mit Ivonne Runge längere Zeit in Hammoor aufgehalten hat. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, den Ablageort der Leiche ausgekundschaftet zu haben. Das bestreitet er am Mittwoch.

Im Februar 2018 hat Stefan B. seinen Angaben zufolge noch einmal den Ablageort der Leiche aufgesucht. Er habe beim Vorbeifahren gesehen, dass die Säcke aus der Erde herausragten, habe sie mit seiner Jacke überdeckt. Er sagt: „Ich wollte, dass die Spur zu mir führt, wenn die Leiche mal entdeckt wird. Es sollte niemand anderes in Verdacht geraten.“

Was er bei der Tat empfunden habe, will die Gutachterin noch wissen. „Nichts“, sagt der Angeklagte. „Mein Kopf war ausgeschaltet.“ Der Prozess wird am 20. November fortgesetzt.