Stormarn
Prozess

Fall Ivonne Runge: Täter legt umfassendes Geständnis ab

Der Angeklagte Stefan B. wird in Handschellen in den Gerichtssaal am Landgericht Lübeck gebracht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, seine Ex-Freundin Ivonne Runge aus Schlamersdorf ermordet zu haben.

Der Angeklagte Stefan B. wird in Handschellen in den Gerichtssaal am Landgericht Lübeck gebracht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, seine Ex-Freundin Ivonne Runge aus Schlamersdorf ermordet zu haben.

Foto: Janina Dietrich / HA

Angeklagter Ex-Freund gibt an, die 39-Jährige an der Bushaltestelle in Schlamersdorf erwürgt zu haben. Die Leiche verscharrte er.

Lübeck/Schlamersdorf. Mehrere Zuschauer keuchen entsetzt auf, als Stefan B. am Mittwochvormittag vor dem Landgericht Lübeck den Mord an Ivonne Runge gesteht, detailliert die letzten Minuten vor ihrem Tod beschreibt. Demnach hat er seine Ex-Freundin am späten Abend des 25. Oktobers 2017 im Travenbrücker Ortsteil Schlamersdorf erwürgt. Mitten auf der Straße, nahe der Bushaltestelle am Ortseingang. „Meine Sicherungen sind durchgebrannt“, sagt der 39-Jährige über die Tat. „Ich habe meine Hände um ihren Hals gelegt und zugedrückt. Irgendwann ist sie zusammengesackt.“ Sie habe sich nicht gewehrt.

Freunde, Verwandte und Bekannte der Getöteten verfolgen die knapp dreistündige Aussage im Gerichtssaal, vielen steigen bei diesen Worten Tränen in die Augen. Zwei Jahre lang hatten sie gerätselt, was mit der 39-Jährigen an jenem Abend geschehen war. Auch nachdem ihre Leiche im Frühjahr 2019 in einem Waldstück nahe dem Autobahnkreuz Bargteheide gefunden worden war, blieb das Geschehen unklar. Denn die Rechtsmediziner konnten bei der Obduktion die Todesursache nicht mehr feststellen.

Ex-Freund wollte die neue Beziehung zerstören

Stefan B. meidet am zweiten Prozesstag jeglichen Blickkontakt mit den Zuschauern. Zunächst spricht er darüber, wie seine Beziehung zu Ivonne Runge zerbrochen ist. Beide hatten sich Ende 2010 an ihrem damaligen Arbeitsplatz, dem Rasthof Buddikate an der Autobahn 1, kennengelernt. Rund ein Jahr später sei sie mit ihrem Sohn und ihrem Hund zu ihm nach Rümpel gezogen. „Wir haben ein ganz normales Leben geführt, waren viel Spazieren, im Kino, in Freizeitparks“, sagt der Angeklagte, der allerdings in dieser Zeit zahlreiche Affären hatte.

In einem Tagebuch, das den Ermittlern vorliegt, hat er alles detailliert notiert. Im Juni 2017 habe Ivonne Runge bei einem Campingurlaub mit Freunden von den Betrügereien erfahren, habe danach um eine Auszeit der Beziehung gebeten. An jenem Wochenende habe sie auch ihren späteren neuen Partner kennengelernt. „Ich hatte sofort einen Verdacht, habe sie immer wieder zur Rede gestellt“, sagt Stefan B. Um sie zu überwachen, habe er ein Handy in ihrem Auto deponiert und sie mit einem Mietwagen bis nach Berlin verfolgt. Nach der endgültigen Trennung Ende August und ihrem Umzug nach Schlamersdorf habe er versucht, das Paar mit gefälschten Facebook-Nachrichten auseinanderzubringen – ohne Erfolg.

Am 25. Oktober 2017 wollte sich Ivonne Runge mit ihrem Ex-Freund treffen, um über die Auflösung des Kaufvertrags für ein Haus zu sprechen, den sie gemeinsam abgeschlossen hatten. „Ihr ging es an dem Abend nicht gut. Sie hatte Kreislaufbeschwerden“, sagt Stefan B. „Deshalb habe ich ihr angeboten, sie mit ihrem Auto nach Hause zu fahren.“ Gegen 23 Uhr seien sie Richtung Schlamersdorf aufgebrochen.

Während der Autofahrt soll es zum Streit gekommen sein

Zunächst sei die Fahrt schweigend verlaufen, sagt der Angeklagte. Irgendwann habe Ivonne Runge gesagt, dass es „so weit nie hätte kommen müssen“, habe ihm die Schuld am Scheitern der Beziehung gegeben. Seine Entschuldigungen habe sie schnippisch abgetan. Am Ortseingang von Schlamersdorf habe sie ihn aufgefordert, stehen zu bleiben. „Sie wollte das letzte Stück zu Fuß gehen“, sagt Stefan B. Er sei auch aus dem Auto gestiegen, weil er den Streit ausdiskutieren wollte. Sie habe ihn weggestoßen und ihm die Worte „Ich habe jetzt einen besseren Mann als dich, bin glücklich. Er ist auch besser im Bett als du“ an den Kopf geschleudert. „Ihr letzter Satz, der hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, gibt Stefan B. vor Gericht auf Nachfrage der psychologischen Gutachterin zu.

Erst als Ivonne Runge zusammengesackt sei, habe er losgelassen, versucht, ihren Puls zu kontrollieren. „Ich habe sie dann auf die Beifahrerseite gesetzt, bin völlig in Panik losgefahren.“ Zuvor will er ihr Handy, das bei der Tat auf die Straße gefallen war, „im hohen Bogen weggeworfen“ haben. Es war später an der Bushaltestelle gefunden worden.

Er habe zunächst nicht gewusst, was er tun sollte, sagt Stefan B. Tausend Gedanken seien ihm durch den Kopf gegangen. Während der Fahrt habe er sich dann entschlossen, die Leiche in einem Waldstück bei Hammoor abzulegen. Den Feldweg habe er gekannt, weil er fast täglich auf seinem Arbeitsweg dort vorbeigekommen sei. Im Kofferraum will er die Säcke gefunden habe, in denen er die Leiche verscharrte. Er habe diese Ivonne Runge zuvor für den Umzug gegeben.

Stefan B. kehrte Anfang 2018 noch einmal zur Leiche zurück

„Mir war bewusst, dass ich bei den Ermittlungen in den Fokus rücken würde“, sagt Stefan B. vor Gericht. „Aber ich hatte nicht die Courage, die Wahrheit zu sagen.“ Stattdessen versuchte er mit verschiedenen Maßnahmen, den Verdacht von sich zu lenken, fuhr am nächsten Morgen zum Beispiel zu ihrer Wohnung in Schlamersdorf und klingelte, schickte eine besorgte SMS, als niemand öffnete. Bei mehreren polizeilichen Vernehmungen bestritt er, etwas mit dem Verschwinden der Frau zu tun zu haben.

Mobilfunkdaten belegen, dass sich Stefan B. vor dem Treffen mit Ivonne Runge längere Zeit in Hammoor aufgehalten hat. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, den Ablageort der Leiche ausgekundschaftet zu haben. Das bestreitet er am Mittwoch. Er habe dort nur „frische Luft geschnappt“, weil er nach einem langen Arbeitstag müde gewesen sei.

Im Februar 2018 hat Stefan B. seinen Angaben zufolge noch einmal den Ablageort der Leiche aufgesucht. Er habe beim Vorbeifahren gesehen, dass die Säcke aus der Erde herausragten, habe sie mit seiner Jacke überdeckt. Er sagt: „Ich wollte, dass die Spur zu mir führt, wenn die Leiche mal entdeckt wird. Es sollte niemand anderes in Verdacht geraten.“

Was er bei der Tat empfunden habe, will die Gutachterin noch wissen. „Nichts“, sagt der Angeklagte. „Mein Kopf war ausgeschaltet.“ Der Prozess wird am 20. November fortgesetzt.