Stormarn
Umweltschutz

Wie Forscher die Gülle weniger giftig machen wollen

Gülle ist ein wertvoller Dünger, in dem alle für Pflanzen wichtigen Nährstoffe enthalten sind.

Gülle ist ein wertvoller Dünger, in dem alle für Pflanzen wichtigen Nährstoffe enthalten sind.

Foto: imago stock / imago/Marius Schwarz

Sieker Unternehmen arbeitet an Projekt mit, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird.

Siek. Die Verunreinigung des Grundwassers stellt für die Bundesregierung ein zunehmendes Problem dar. Sollte es ihr nicht bald gelingen, die Nitratbelastung zu verringern, droht die EU-Kommission mit Geldbußen in Millionenhöhe. An einer Lösung dafür arbeiten jetzt auch Forscher im Kreis Stormarn: Die Sieker Firma Ewert Consult ist als einer von drei Partnern an einem Projekt der Universität Rostock beteiligt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird und den Teil der Belastung verringern soll, der auf landwirtschaftliche Düngemittel zurückzuführen ist.

Universität Rostock ist zuständig für Projektleitung

Bisher lag der Forschungsschwerpunkt des Stormarner Unternehmens auf der Rückgewinnung von Phosphor und Stickstoff aus Klärschlamm. „Dieses Know-how wenden wir jetzt auf die Fraktionierung von Gülle an“, sagt Chemie-Ingenieurin Kiruna Janina Stephan. Konkret entwickelt die Wissenschaftlerin ein Verfahren, das Gülle in organische Substanz, Phosphor und Stickstoff trennt. Letztere Komponenten sollen dann in hochkonzentrierten Produkten angereichert werden. „Zum Beispiel granuliert oder in Form von Pellets“, erklärt Stephan. „Das ermöglicht dann eine bedarfsgerechte Verwertung in der Landwirtschaft.“ Wenige Kilogramm könnten demnach Tausende Liter Gülle ersetzen.

„Um zum Ziel zu gelangen, arbeiten wir eng mit den anderen Partnern zusammen“, sagt Stephan. Bei denen handelt es sich neben der Universität Rostock, die für die Projektleitung zuständig ist, um zwei weitere kleine Unternehmen aus Hamburg und Teltow in Brandenburg. Insgesamt wirken ein knappes Dutzend Forscher an dem Projekt mit, das noch in den Kinderschuhen stecke.

Ein erfolgreicher Verlauf könnte für Bauern später die Anschaffung eines Geräts bedeuten, das besagte Fraktionierung übernimmt. „Oder die Landwirte fahren die Gülle zu einem zentralen Punkt, an dem solch ein Gerät vorhanden ist“, so die Sieker Forscherin. „Das könnte durch den nötigen Transport allerdings sowohl kosten- als auch klimatechnisch problematisch sein.“

Generell müssen die Forscher darauf achten, dass das entwickelte Verfahren für Landwirte später sowohl finanziell erschwinglich als auch vom Arbeitsaufwand zu bewältigen ist. Um diesbezüglich Lösungen zu entwickeln, die für alle Parteien befriedigend sind, arbeiten die Wissenschaftler mit mehreren Landwirtschaftsunternehmen zusammen. Die Anforderungen der landwirtschaftlichen Praxis sollen dadurch direkt in die Produktentwicklung einfließen.

Kiruna Janina Stephan und ihrem Sieker Team stehen in den nächsten Jahren 89.000 Euro zur Verfügung. Bis Ende 2021 dauert die Finanzierung des Projekts durch das BMBF an. So lange kann die Bundesregierung wohl nicht warten: Bereits im Juni 2018 stellte der europäische Gerichtshof (EuGH) fest, dass Deutschland gegen Verpflichtungen verstoßen hat, auf die sich die EU-Staaten im Jahr 1991 einigten. Damals wurde eine Nitratrichtlinie beschlossen, nach derer die Regierungen Pläne aufzustellen und Maßnahmen zu ergreifen haben, um die Gewässerverschmutzung zu verringern.

Ein Vertrag, gegen den Deutschland laut dem EuGH verstoßen hat. Vor wenigen Monaten teilte er mit, dass die Qualität des hiesigen Grundwassers europaweit noch immer zu den schlechtesten gehöre.

Stormarner Bauernverband sieht potenzielle Probleme

Das erfuhren im Jahr 2016 auch einige Stormarner am eigenen Leibe. Der Verein VSR-Gewässerschutz hatte damals Proben von 32 privat genutzten Brunnen in Ahrensburg, Bargfeld-Stegen und Siek getestet. Jede Fünfte überschritt die zulässigen Höchstwerte. Trauriger Rekord: In der Schlossstadt wurden in einem Brunnen 107 Milligramm Nitrat pro Liter gemessen – 50 sind nach der deutschen Trinkwasserverordnung erlaubt.

Dass für derlei Werte nicht allein die Landwirte verantwortlich sind, ist Friedrich Klose, dem Vorsitzenden des Stormarner Bauernverbands, wichtig zu betonen. „Es ist frustrierend, dass uns die Gewässerverschmutzung oft pauschal unterstellt wird“, sagt er. In Stormarn gebe es in der Landwirtschaft keine Probleme, was die Einhaltung von Obergrenzen angehe. „Auch, weil die Tierhaltung im Raum Hamburg zurückgeht.“ Dem Projekt, an welchem in Siek, Hamburg, Rostock und Teltow geforscht wird, steht Klose offen gegenüber, sieht in den Bereichen Energieaufwand und Transportkosten aber potenzielle Probleme. „Zurzeit muss das Ziel in erster Linie sein, die Gülle bedarfsgerecht einzusetzen und so effektiv wie möglich auf die Pflanze zu bringen“, sagt er. „Das gelingt uns hier und in der Umgebung.“

Kiruna Janina Stephan weiß, dass sie inmitten einer emotional aufgeladenen Debatte forscht. „Das macht es nicht einfacher“, sagt sie, „aber auf alle Fälle zu einer spannenden Aufgabe.“