Stormarn
Nachhaltigkeit

Beim Carsharing prescht jetzt Bargteheide vor

Ann-Christin Langkrär (44) kann sich Carsharing in Stormarn noch nicht so recht vorstellen, damit wäre sie nicht flexibel genug.

Ann-Christin Langkrär (44) kann sich Carsharing in Stormarn noch nicht so recht vorstellen, damit wäre sie nicht flexibel genug.

Foto: LUISE MÜTTERLEIN

Unternehmer aus Halstenbek präsentiert erstes Model. Ahrensburg will bald nachziehen. Mietplattform Drivy ist auf dem Vormarsch.

Bargteheide. Beim Thema Car­sharing braucht der Kreis noch immer Entwicklungshilfe. Was in Städten wie Hamburg und Kiel längst gelebten Alltag bedeutet, steckt in Stormarn noch in den Kinderschuhen. Für große Anbieter wie car2go und DriveNow sind die Kommunen zwischen Reinfeld und Reinbek zu klein und damit zu unattraktiv. Doch damit wollen sich Städte wie Bargteheide und Ahrensburg nicht mehr abfinden.

Unternehmer zeigen sich von Konzept überzeugt

„Wir haben ein Interessenbekundungsverfahren eingeleitet, um nach Partnern für das Car­sharing zu suchen“, sagt Bargteheides Klimamanagerin Ulrike Lenz. Vier Rückmeldungen habe es bislang gegeben. Und ein Unternehmer hat in der jüngsten Sitzung des Umweltausschusses bereits dargelegt, wie die gemeinsame Nutzung von Autos in Bargteheide angeschoben werden könnte.

„Ich würde diesen Pioniergeist sehr gern unterstützen“, sagt Gunther Grave zum Abendblatt. Der Geschäftsführer der Centro Automobile Thomsen mit Sitz in Halstenbek im Kreis Pinneberg sei überzeugt, dass solch ein Angebot auch in einer Stadt wie Bargteheide funktionieren könne. Der Mann muss es wissen. Seit drei Jahren hat er in Kooperation mit der Bundesbahn-Tochter Flinkster je ein Car­sharing-Mobil in Halstenbek und in Pinneberg stationiert.

Die Tagespauschale beträgt 50 Euro

„Bei Kommunen mit unter 20.000 Einwohnern wie Halstenbek und Bargteheide ist es sinnvoll, mit einem Fahrzeug zu starten, um die Nachfrage zu testen“, erklärt Grave. Bewährt hätten sich vor allem Kleinwagen wie der Ford Fiesta. Allerdings nicht mit Hybrid- oder Elek­tromotor, sondern mit modernem EcoBoost-Benzinmotor. „Mit den anderen Antriebsvarianten haben einfach zu viele Nutzer Probleme“, weiß Grave.

Momentan beträgt die einmalige Aufnahmegebühr in das Sharingsystem von Ford und Flinkster 49 Euro. Für die konkrete Nutzung würde eine Mietgebühr von fünf Euro pro Stunde am Tag und 1,50 Euro pro Stunde in der Nacht sowie eine Verbrauchspauschale von 19 Cent pro Kilometer anfallen. Die Tagespauschale beträgt 50 Euro.

Das Mobil soll an zentralem Platz stationiert werden

Anders als bei großen Anbietern, deren Fahrzeuge praktisch überall übernommen und wieder abgestellt werden können, werde sein Sharingmobil in Bargteheide einen festen Standort an einem zentralen Platz haben, etwa am Bahnhof oder in Rathaus-Nähe, so Grave: „Das hat sich an den anderen beiden Standorten in Halstenbek und Pinneberg durchaus bewährt und stellte bislang kein Hindernis zur Nutzung des Angebots dar.“

Noch überwiegt bei den Bürgern des Kreises indes die Skepsis, ob Car­sharing in Kleinstädten und ländlichen Gegenden tatsächlich funktioniert, um Menschen ohne eigenes Auto mobil zu halten. „Das fühlt sich nicht verlässlich an“, sagt etwa Maike Dittberner aus Ahrensburg. Sie arbeitet in Hamburg, wohnt in der Nähe von Ahrensburg und geht in Glinde zum Sport. „Kann ich mir sicher sein, überall so ein Auto zu finden?“, fragt die 56-Jährige. Und schickt die Antwort gleich hinterher: „Da müsste unsere Region schon sehr gut mit Sharingfahrzeugen abgedeckt sein. Am besten mit E-Autos. Da würde ich mein eigenes auch mal stehen lassen. Das würde den Kreis sogar zu einer Art Vorreiter machen.“

Wulfsdorf macht vor, wie es geht

Ann-Christin Langkrär aus Ahrensburg fehlt es beim Car­sharing vor allem an Flexibilität: „Wenn ich schnell wohin muss und keines dieser Fahrzeuge verfügbar ist, bin ich aufgeschmissen. Und was ist, wenn man unter Zeitdruck ist oder früher von der Arbeit kommt?“, sagt die 44-Jährige zum Abendblatt.

Jule Lehmann, Klimaschutzbeauftragte der Stadt Ahrensburg, schaut dennoch respektvoll und gespannt auf die Entwicklung in Bargteheide, sagt: „Ich wünschte, in der Schlossstadt würde das Thema ebenso ernsthaft diskutiert.“ Bei einer Stadt mit rund 34.000 Einwohnern sollte es eine verlässliche Nachfrage für solche Angebote geben. Das beweise das Beispiel Wulfsdorf, in dem solch ein Sharingsystem längst etabliert sei (siehe Bericht am Textende).

Stationsbasiertes System ist Favorit

„Ich stehe bereits in Kontakt mit verschiedenen Anbietern, um Car­sharing möglichst bald auch in Ahrensburg anzubieten“, so Lehmann. Auch sie favorisiere aktuell ein stationsbasiertes System, wie es etwa cambio anbietet. Interessant sei in diesem Zusammenhang auch das Netzwerk Drivy, über das private Fahrzeuge vermietet werden.

Bei einem Spontantest auf der Plattform des europäischen Marktführers mit Sitz in Paris wären für das kommende Wochenende bei einer Nutzung von Sonnabend, 8 Uhr, bis Sonntag, 18 Uhr, sechs Fahrzeuge in Ahrensburg verfügbar. Von einem Fiat Punto für 50 Euro bis zu einem Citroën C4 Grand Picasso Automatik mit sieben Sitzen für 81 Euro, 400 Kilometer inklusive.

Autoteiler Vaterstetten hat heute mehr als 650 Nutzer

Doch selbst in einer Stadt wie Bargteheide, die nur halb so viele Einwohner wie Ahrensburg hat, hätte ein stationäres Sharingsystem Aussicht auf Erfolg. Laut einer Analyse des Bundesverbands Car­sharing (bcs) vom August 2018 hatten 155 von 884 und damit 17,5 Prozent aller deutschen Städten mit mehr als 10.000, aber weniger als 20.000 Einwohnern mindestens ein Car­sharing-Angebot.

Paradebeispiel ist Vaterstetten westlich von München. Als dort 1992 fünf befreundete Familien begannen sich ein Auto zu teilen, hatte die Gemeinde knapp 19.000 Bewohner. Inzwischen umfasst der „Vaterstettener AutoTeiler“ 20 Fahrzeuge und mehr als 650 Nutzer.

Fünf Fahrzeuge für 100 Vereinsmitglieder

Seit dem Jahr 2014 bietet der Verein Wulfsdorfer Carsharing Autos zur gemeinsamen Benutzung an. Ausgangspunkt waren drei ökologisch orientierte Wohnprojekte in Wulfsdorf. Statt viel Fläche für Parkplätze zu versiegeln, gab es von Beginn an große Bereitschaft, auf das eigene Auto zu verzichten. Über den N Klub für nachhaltiges Netzwerken in Hamburg wurde Kontakt zu einem Citroën-Händler aufgenommen, der für die Startphase drei Elektroautos zur Verfügung stellte. 30 Personen haben sich anfangs beteiligt. Aktuell gibt es fünf Fahrzeug für knapp 100 registrierte Mitglieder – und deren Familien. Das Modell hat sich herumgesprochen. Inzwischen gibt es auch Nutzer aus Ahrensburg und Volksdorf.