Stormarn
Verkehr

Experte: Carsharing in kleinen Städten möglich

Der Reinbeker Master-Student Kay Haalck (2.v.r.) mit Roman Kaak (Geschäftsführer VSHEW) und den FHW-Professoren Reiner Schütt (v.l.) sowie Christian Buchmüller

Der Reinbeker Master-Student Kay Haalck (2.v.r.) mit Roman Kaak (Geschäftsführer VSHEW) und den FHW-Professoren Reiner Schütt (v.l.) sowie Christian Buchmüller

Foto: Dennis Dolecki / HA

Master-Student entwickelt System für gemeinsame Nutzung von Elektro-Autos. Stadtwerke könnten es betreiben. Das sagen Stormarner.

Reinbek.  Carsharing wird beliebter: Rund 1,7 Millionen Bundesbürger waren zur Jahreswende bei den Anbietern registriert. Unternehmen wie Car2go oder Drivenow beschränken sich jedoch auf größere Städte, setzen immer mehr auf vollelektrische Fahrzeuge. Wer in Stormarn Autos mit anderen Menschen teilen möchte, anstatt einen privaten Wagen zu nutzen, hat Pech: Solche Angebote gibt es hier nicht. Dabei könnte das System funktionieren. Das sagt Kay Haalck. Der 27-Jährige hat an der Fachhochschule Westküste in Heide seine Masterarbeit über das Thema geschrieben, für die er die Bestnote 1,0 erhielt.

Die Bildungseinrichtung ist Kooperationspartner des Verbandes der Schleswig- Holsteinischen Energie- und Wasserwirtschaft mit Sitz in Reinbek. Dieser unterstützt Studenten unter anderem mit Kontakten zu Mitgliedsunternehmen. Davon hat auch Haalck in seiner 98 Seiten umfassenden Abhandlung profitiert. Deren zentrale Aussage lautet so: Carsharing von E-Fahrzeugen, angeboten von Stadt- und Gemeindewerken in Schleswig-Holstein, wäre in Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte rentabel, umweltschonend und würde die Lebensqualität verbessern.

Städte sollten zunächst mit kleiner Fahrzeugflotte starten

Haalck hat seine Thesen mit Zahlen unterlegt, alles detailliert berechnet. Die Preise müssten 22 Cent pro Kilometer plus 1,99 Euro pro Stunde Mietzeit betragen. Alternativ empfiehlt er eine Tagesgebühr von 55 Euro inklusive 200 Freikilometer. Hinzu käme jeweils eine monatliche Grundgebühr von fünf Euro. Nutzer würden die Fahrzeuge über eine Smartphone-App buchen. „Wird ein Auto pro Tag vier Stunden gebucht und legt 50 Kilometer zurück, ist man bei plus/minus null“, sagt Haalck.

Einen Unterschied zu Car2go gibt es jedoch: Bei diesem Anbieter können Kunden die Autos überall im Geschäftsgebiet abstellen und die Mietzeit beenden. Haalcks Modell ist ein stationäres. Fahrzeuge werden an einem zentralen Punkt abgeholt und dort wieder abgegeben. Er sagt: „Stationsunabhängige Systeme lohnen sich nur bei einer Flotte von 100 Autos und mehr.“

Was müssten die Stadtwerke zahlen?

So viele Autos sind für Stadtwerke nicht machbar. Als Faustformel gibt Haack pro 5000 Einwohner über 18 Jahre in einer Kommune 1,8 Fahrzeuge aus. Er sagt: „Es gilt, mit einer kleineren Flotte zu starten und das Angebot nach Etablierung schrittweise auszubauen.“ Zudem sollte am Abhol- und Ablieferungsort auch eine Ladesäule errichtet werden. Den besonderen Reiz des stationären Systems sieht Haalck darin, dass ein Carsharing-Auto bis zu 13 private Fahrzeuge ersetze, das sei „ein Schritt in Richtung einer besseren CO2-Klimabilanz und zu mehr Parkplätzen im öffentlichen Raum“.

Stellt sich die Frage, welche Summe Stadtwerke für ein solches Projekt aufbringen müssen? Haalck beziffert einmalige Kosten für Software auf 5000 Euro. Plus 600 Euro für die Hardware pro Auto. Für ein Fahrzeug setzt er zwei bis vier Stunden Personalkosten im Monat für Buchung und Pflege an. Die Autos würden für 165 bis 200 Euro im Monat geleast. Er empfiehlt die Modelle Renault Zoe, Nissan Leaf oder E-Golf. Sie waren bei einer Nutzwertanalyse unter 15 Fahrzeugen die besten. Indikatoren waren Anschaffungskosten, Reichweite und das breite Werkstatt-Netz eines Herstellers. Bei den Ladesäulen kalkuliert Haalck mit einem Stückpreis von 12.000 Euro. Refinanziert wird diese Investition durch das Stromtanken der Kunden.

Experte schlägt eine Umfrage vor

Der Privatkundenbereich sei der mit dem größten Potenzial, aber auch der am schwierigsten zu erschließende. Besonders in ländlichen Regionen sei die Skepsis gegenüber neuen Mobilitätsangeboten größer als in der Stadt. „Hier sind das Vertrauen und die Kundennähe der Stadtwerke ein Vorteil für die Vermarktung“, sagt er. Der Experte präferiert eine Bürgerumfrage, bevor Stadtwerke E-Carsharing umsetzen. „Es ist wichtig, Unternehmen sowie Verwaltungen mit ins Boot zu nehmen und als Kunden zu gewinnen.“

Bei den Stormarnern kommen Haalcks Vorschläge gut an. Matthias Jenzen, 53 Jahre alter Software-Spezialist aus Bargteheide, sagt: „Ich denke ökologisch. Es ist weniger Belastung für die Umwelt, wenn Menschen Fahrzeuge teilen.“ Genauso denkt Ilka Wässer (35), Pädagogin aus Ahrensburg: „Das ist eine wirklich gute Idee. Die Fahrzeuge müssten allerdings eine Rückbank mit Platz für Kindersitze haben.“

2018 entstehen weitere E-Tankstellen im Süden des Kreises

Das E-Werk Sachsenwald, deren größter Gesellschafter die Stadt Reinbek ist, hat sich bereits mit dem Thema beschäftigt. „Wir haben mit Wohnungsbaugesellschaften gesprochen, sind aber noch nicht tief eingestiegen“, sagt Geschäftsführer Thomas Kanitz. Um so ein Projekt zu verwirklichen, sei die Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft möglich. Zuerst müsse jedoch der Bedarf ermittelt werden.

Der kommunale Energieversorger will sich vorerst auf den Aufbau der Ladeinfrastruktur im Süden Stormarns und Teilen des Kreises Herzogtum Lauenburg konzentrieren. 2017 hatte das E-Werk zwölf E-Tankstellen errichtet: fünf in Reinbek, zwei in Oststeinbek, jeweils eine in Glinde und Barsbüttel. Im benachbarten Kreis stehen zwei Säulen in Wentorf und eine in Aumühle. In diesem Jahr kommen bis zu sieben Stationen dazu, unter anderem ist eine Schnellladesäule mit 50 Kilowatt Leistung für 30.000 Euro geplant.

Stadtwerke Ahrensburg erwägen eine Kooperationen

Die Stadtwerke Ahrensburg schlagen jetzt den gleichen Weg ein und installieren in diesem Jahr zehn Ladesäulen. Zum Thema E-Carsharing sagt Geschäftsführer Horst Kienel: „Wir haben das auf der Agenda, müssen aber prüfen, ob es machbar ist.“ Er könne sich vorstellen, eine Kooperation mit anderen Stadtwerken einzugehen. Wichtig sei, Lademöglichkeiten zu schaffen.

In Ahrensburg gab es schon zweimal den Versuch, Carsharing zu etablieren. 1999 nutzten auch Mitarbeiter der Verwaltung die roten Autos der Firma Stattauto, die jedoch bald wegen geringer Nachfrage von den Straßen verschwanden. Auch die Carsharing-Firma Greenwheels, die später an den Start gegangen war, hat ihr Engagement in der Schlossstadt beendet.

Anderenorts sind Stadtwerke schon weiter, zum Beispiel im bayerischen Bad Tölz mit seinen 18.500 Einwohnern. Dort gibt es seit November 2017 E-Carsharing mit einem Renault Zoe. Kay Haalck hat nach seiner Masterarbeit den nahtlosen Übergang ins Berufsleben geschafft, ist inzwischen bei den Stadtwerken Elmshorn angestellt – als Sachbearbeiter im Bereich Vertrieb und Energiedienstleistung. Seine derzeitige Aufgabe? Er erstellt ein Konzept zur Einführung von Elektro-Carsharing.