Stormarn
Unglück bei Ausflug

Junge ertrunken: Gericht stellt Prozess gegen Erzieherin ein

Die Erzieherin (33, l.) sitzt im Flur des Ahrensburger Amtsgerichts neben ihrer Anwältin Gabriele Heinecke.

Die Erzieherin (33, l.) sitzt im Flur des Ahrensburger Amtsgerichts neben ihrer Anwältin Gabriele Heinecke.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Der Zweijährige war bei einem Kita-Ausflug in Hoisdorf ertrunken. Eine 33-Jährige wurde angeklagt. Nun die Wende.

Ahrensburg. Als Mattis’ Vater vor dem Amtsgericht Ahrensburg das Wort ergreift, ist seiner Stimme die Verzweiflung anzuhören. „Wir hatten das Gefühl, dass die Kita versucht, den Tod unseres Sohnes zu verheimlichen und unsere Trauer wegzuradieren. Das hat so unendlich wehgetan“, sagt der junge Mann. Tränen glänzen in seinen Augen.

Es ist der vierte und zugleich letzte Verhandlungstag im Prozess um den Tod des kleinen Mattis. Der zweijährige Junge war am 18. Juli 2016 bei einem Kita-Ausflug in einem Badesee ertrunken. Eine der sieben Betreuerinnen der Kindergruppe musste sich deshalb wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Die 33-Jährige habe ihre Aufsichtspflicht verletzt, lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

Doch ein Urteil gibt es nicht. Wie das Unglück geschehen konnte und wer die Verantwortung dafür trägt, wird juristisch nie geklärt werden. Das Amtsgericht Ahrensburg hat das Verfahren gegen die hochschwangere Frau am Montag eingestellt. Sie folge damit „dem starken Wunsch aller Beteiligten, den Prozess im Guten zu beenden“, sagte Silke Freise in ihrer Begründung. „Damit die Eltern ein Stück weit abschließen und ihre Trauerarbeit fortsetzen können.“

In der Hauptverhandlung wurde nach Ansicht der Richterin nicht klar, ob die Erzieherin die alleinige Verantwortung für den Tod des Jungen trägt. Denn zwei weitere Betreuer befanden sich Zeugenaussagen zufolge ebenfalls in der Nähe des Ufers. Dort hatte Mattis vor seinem Verschwinden Fußball gespielt.

Junge war zwei Stunden später gefunden worden

Ein Polizist kritisierte zudem, dass anschließend zu lange an der falsche Stelle gesucht worden sei. Der leblose Junge war erst zwei Stunden später in Ufernähe gefunden worden. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Auch ob der Teich ausreichend gesichert war und die Herberge als Reiseziel für Kleinkinder überhaupt geeignet ist, wurde vor Gericht diskutiert. Seit dem Vorfall umgibt ein Zaun das Gelände.

„Uns ging es nicht darum, einen Betreuer zur Rechenschaft zu ziehen“, sagt Mattis’ Vater in Richtung der Angeklagten. Die Eltern hatten mit einer Beschwerde erst dafür gesorgt, dass die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen zum Tod des Jungen wieder aufgenommen hatte. „Wir wollten doch nur, dass aufgeklärt wird, was damals passiert ist. Das dies im Prozess nur begrenzt geschehen ist, damit müssen wir jetzt leben.“ Nach dem Unglück habe es sich angefühlt, als ob sich niemand dafür interessiere. „Das konnten wir nicht ertragen. Es hat uns zutiefst verletzt.“

Kita ließ mit Kindern Luftballons für Mattis steigen

Die Anwältin der Eltern, die vor Gericht als Nebenkläger auftreten, hatte beim vorherigen Prozesstag bereits die Betreuer der Kita kritisiert. Niemand habe sich nach dem Unglück bei den Trauernden gemeldet. „Wenn man sich auf der Straße begegnete, wechselten die Erzieher die Straßenseite und wandten sich ab. Das war für die Mutter das Schlimmste“, so die Vertreterin der Nebenklage.

Diese Darstellung weist die Angeklagte am Montag entschieden zurück. „Wir haben mehrfach mit der Trauerbegleiterin gesprochen, dass wir für die Eltern da sein wollen, aber den Schmerz durch eine Kontaktaufnahme nicht verstärken wollen“, heißt es in einer Erklärung, die ihre Verteidigerin verliest. Die Trauerbegleiterin habe ihnen schließlich gesagt, dass die Eltern keinen Kontakt wünschten.

Kurz nach Mattis’ Tod hätten die Betreuer auch einen Brief verfasst. „Wir nehmen euch in den Arm und drücken euch ganz fest“, stehe darin geschrieben. Auch die Kita-Leitung habe sich später noch einmal an die Eltern gewandt. „Ihr und Mattis seid jeden Tag in unseren Köpfen. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, dass wir uns wieder begegnen?“, fragen sie demnach in einem Brief.

In der Kita hätten Kinder, Eltern und Betreuer eine Wand mit Bildern und Wünschen für Mattis gestaltet, auch Erinnerungsbücher seien für die Eltern gestaltet worden. Und am Jahrestag des Unglücks hätten alle Luftballons für Mattis steigen lassen und auch sein Grab besucht. „Die Erinnerung an Mattis wird in der Kita bis heute hochgehalten“, sagt die Anwältin. Das klinge alles „total schön und harmonisch“, sagt der Vater. Vielleicht habe es am Zeitpunkt gelegen, dass „wir das nicht wahrgenommen haben“.

Vater: „Wollen nichts mehr mit der Kita zu tun haben“

Er erinnere sich vor allem an eine Situation: „Als wir einmal etwas in Gedenken an Mattis vor die Kita gelegt haben, war es am nächsten Morgen weggeräumt. Danach hatten wir das Gefühl, dass Mattis’ Tod vor der Öffentlichkeit verborgen werden soll.“ Inzwischen sei der Zeitpunkt für Gespräche für ihn vorbei, so der Vater weiter. „Wir wollen nichts mehr mit der Kita zu tun haben.“

Die Richterin schlägt daraufhin vor, noch an diesem Tag auch über die zivilrechtliche Ansprüche mit der Angeklagten und der Kita-Leitung zu verhandeln – damit sich alle Beteiligten die Qualen einer weiteren Gerichtsverhandlung ersparen können. Mehrere Stunden lang diskutieren sie anschließend hinter verschlossenen Türen über Schadenersatz und Schmerzensgeld. Doch eine endgültige Einigung ist nach Angaben der Richterin noch nicht erzielt worden. Das sei aber „in Kürze beabsichtigt“. 1000 Euro übergibt die Angeklagte bereits im Gerichtssaal an den Vater – eine Sammlung der Kita-Erzieher.