Prozess in Ahrensburg

Kind ertrinkt in Hoisdorf: Gericht will Verfahren einstellen

Foto: Filip Schwen

Erzieherin steht wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. Bei einer Kita-Reise starb der Zweijährige in einem Hoisdorfer Badesee.

Ahrensburg. Der dritte Verhandlungstag im Verfahren gegen Erzieherin Sandra T. (Name geändert) wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht Ahrensburg endet am Montag mit einer Überraschung: Die Vorsitzende Richterin plädiert für eine Einstellung des Verfahrens. Das Gericht soll klären, ob die 33 Jahre alte Erzieherin die alleinige Verantwortung dafür trägt, dass der zwei Jahre alte Mattis am 18. Juli 2016 auf einer Kita-Reise im Badesee des Hoisdorfer Jugendheims Lichtensee ertrank.

Die Beantwortung der Frage nach der Schuld wird immer komplexer. Hätten T.s Kollegen den Tod des Jungen verhindern können? War der Teich ausreichend gesichert? Und war die Herberge als Reiseziel für Kleinkinder überhaupt geeignet? Das sei nicht abschließend zu klären, begründete die Richterin ihre Empfehlung: „Ein Urteil könnte zu Folgeverfahren in höheren Instanzen führen. Mit einer Einstellung besteht die Möglichkeit für einen Schlussstrich.“

Bei Verteidigung und Nebenklage stößt dies auf Widerspruch. „Ich bin fassungslos. Kann nicht absehen, was die Nachricht von der Einstellung bei den Eltern emotional auslösen würde“, sagt deren Anwältin sichtlich aufgebracht. „Es geht meinen Mandanten nicht darum, dass Personen bestraft werden. Aber die Aufsichtspersonen und die Kita-Leitung sollen Verantwortung für das Geschehene übernehmen.“

Verteidigung und Nebenklage sehen Einstellung skeptisch

Doch keiner der sieben Betreuer, die die Fahrt begleitet hatten, hätten sich bei den Eltern des Jungen gemeldet. Dabei wohnten sie in der Nähe des Kindergartens. „Wenn man sich auf der Straße begegnete, wechselten die Erzieher die Straßenseite und wandten sich ab. Das war für die Mutter das Schlimmste“, sagt die Vertreterin der Nebenklage. Die Eltern waren am Montag nicht vor Gericht erschienen. Die Anwältin sagt: „Der Vater hat bis zuletzt mit sich gerungen, zu kommen. Bei der Mutter war daran nicht zu denken.“

Die Angeklagte ist während der Einlassung der Nebenklage um Fassung bemüht, die hochschwangere Frau kämpft immer wieder mit den Tränen. Auch ihre Anwältin ist gegenüber einer Einstellung des Verfahrens skeptisch, sagt: „Meine Mandantin würde ein Gespräch sehr begrüßen.“ Während eines Strafverfahrens sei das aber strategisch nicht vertretbar. Die vorgeschlagene Geldzahlung komme einem Schuldeingeständnis gleich. Ihre Mandantin sehe sich nicht als Alleinverantwortliche. „Letztlich geht es in diesem Verfahren um die Frage, wie viel ein Mensch leisten kann“, konstatiert sie.

Mutter will Schuldfrage geklärt haben

Der Staatsanwalt teilt die Auffassung der Richterin, spricht von „Blitzversagen – es gibt Sachen, die können jedem passieren“, sagt er. Die Anklagebehörde hatte die Ermittlungen schon einmal eingestellt, den Tod des Jungen als tragischen Unfall eingestuft. Doch mit einer Beschwerde hatten die Eltern dafür gesorgt, dass das Verfahren fortgesetzt wurde. Mattis’ Mutter könne nicht begreifen, dass ihr Sohn selbst an seinem Tod Schuld sein soll, kritisiert die Anwältin der Nebenkläger. Sandra T. sucht immer wieder den Blickkontakt mit ihrer Anwältin. Auch ihr Lebensgefährte, der in der ersten Reihe auf den Publikumsrängen sitzt, kämpft mit den Tränen.

Der dritte Verhandlungstag ist der erste, an dem T. ihr Schweigen bricht. Zunächst lässt sie ihre Verteidigerin eine Einlassung verlesen, in der sie einem Kollegen eine Mitschuld vorwirft. Dann beantwortet sie ausführlich Fragen. „Es gab keine Aufteilung, nach der ich allein auf die Kinder aufpassen musste“, sagt sie. Sie sei für den Uferbereich eingeteilt gewesen. „Ich habe Mattis zuletzt bei der Schaukel gesehen, ein anderer Kollege war ganz in der Nähe.“

Sandra T. und sechs weitere Betreuer des Hamburger Kindergartens hatten die Gruppe nach Hoisdorf begleitet. Die 19 Kinder spielten auf einem Fußballfeld nahe dem Gewässer, als der kleine Mattis verschwand. Die Betreuer alarmierten Polizei und Feuerwehr. Auch eine Suchhundestaffel war im Einsatz, die DLRG half mit einem Boot. Als man den Jungen zwei Stunden später in Ufernähe in dem flachen See fand, kam jede Hilfe zu spät. Als Zeugen gehört werden am dritten Verhandlungstag zwei Kriminalbeamte, die im Auftrag des zwei Beamte Landeskriminalamtes (LKA) Hamburg, die die Erzieher nach dem Unglück vernommen hatten. Ursprünglich hätte ein Beamter schon am zweiten Verhandlungstag aussagen sollen, doch er war wegen eines Vergehens aus dem Dienst entlassen worden, das Kriminalamt verweigerte ihm die Akteneinsicht.

War das Gelände ausreichend gesichert?

Ein weiterer Beamter sollte klären, ob das Jugendheim den See ausreichend gesichert hatte. Ob die Einrichtung gegen Auflagen verstoßen habe, möchte der Staatsanwalt wissen. Seit dem Vorfall umgibt ein Zaun das Gewässer. „Das Jugendheim hat nicht gegen Richtlinien verstoßen“, sagt der Beamte. Lediglich Brandschutzbestimmungen und die regelmäßige Überprüfung von Spielgeräten seien von Behörden vorgesehen.

Sowohl Verteidigung als auch Nebenklage zeigen sich schockiert von dieser Aussage. „Es war offensichtlich, dass das Gelände entsprechende Vorkehrungen seitens der Behörden erforderte“, sagt T.s Verteidigerin. Es sei keine Frage, dass jeder die Gefahr, die von dem Gewässer ausgeht, hätte sehen können, fügt die Anwältin der Eltern hinzu. Sandra T. verließ den Gerichtssaal weinend in den Armen ihres Lebensgefährten. Am kommenden Montag soll nun entschieden werden, ob es zu einer Einstellung des Verfahrens kommt oder ob ein Urteil fällt.

Ursprünglich sollte das Verfahren bereits am Montag abgeschlossen sein. Doch weil mehrere Zeugen aus gesundheitlichen Gründen nicht vernommen werden konnten oder von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machten, beraumte das Gericht zusätzliche Verhandlungstage an. Das Strafgesetzbuch sieht bei fahrlässiger Tötung eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren vor.