Stormarn
Reitpädagogik

Was Kinder in Granderheide von Pferden lernen können

Beim Bürsten der Mähne erlebt Maximillian das Gefühl „ich tue jemand anderem etwas Gutes“.

Beim Bürsten der Mähne erlebt Maximillian das Gefühl „ich tue jemand anderem etwas Gutes“.

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Mona Pelz bietet seit eineinhalb Jahren reitpädagogischen Unterricht an und hilft so traumatisierten Jungen und Mädchen.

Grande.  In langsamen, gleichmäßigen Zügen lässt Maximilian (Name von der Redaktion geändert) die helle Holzbürste durch die dunkle Mähne des Pferdes gleiten. Anschließend krault der 14 Jahre alte Junge behutsam den Hals des Tieres, genießt dessen wohltuende Körperwärme.

Für einen kurzen Moment scheint Maximilian mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Doch der Schein trügt: Maximilian leidet an posttraumatischen Belastungsstörungen. Anderen Menschen gegenüber empfindet er kein Mitgefühl. Konflikte löst er in der Regel mit den Fäusten.

„Maximilians Aggressionen sind Ausdruck von Unsicherheit, Angst und einem Zustand der Ohnmacht“, sagt Mona Pelz von Ross und Racker. Die 44 Jahre alte Rethwischerin arbeitet seit mehr als zwölf Jahren als Reitpädagogin mit Kindern, die über einen längeren Zeitraum psychischer oder körperlicher Gewalt ausgesetzt waren. „Tieren gegenüber verhalten sich traumatisierte Kinder dagegen vollkommen vorurteilsfrei“, sagt sie. „Die Arbeit mit Pferden hilft, einen verschlossenen Teil ihrer Seelen zu öffnen und den Kindern Zugang zur eigenen Emotionalität zu schaffen.“

Unternehmen aus der Region fördert das Projekt

Für Mädchen und Jungen des SOS-Kinderdorfes Harksheide gibt Pelz seit rund eineinhalb Jahren in Granderheide reitpädagogischen Unterricht. Marc und Tanja Zingelmann, Inhaber des gleichnamigen Fachbetriebs für umweltgerechte Entsorgungen und Erdarbeiten in Trittau, haben das Projekt zunächst einige Jahre auf einem betriebseigenen Hof in Dahmker gefördert. Seit 2017 unterstützen sie es in Granderheide. Nach dem Erwerb des Geländes an der Rausdorfer Straße wurde Pelz von der Familie Zingelmann beim Bau der neuen Reitanlage von Beginn an in die Planungen mit einbezogen. „In Dahmker hatte ich schon gute, nun aber perfekte Arbeitsbedingungen“, sagt die Rethwischerin freudestrahlend.

In den zurückliegenden Jahren baute Pelz sich eine eigene Herde auf. „Pferde sind hochsoziale Wesen mit festen Strukturen“, erzählt die Reitpädagogin. „Unsere offene Stallhaltung ermöglicht ihnen ein Leben im Herdenverband. Den Pferden fällt es dadurch leichter, eine für die Arbeit mit traumatisierten Kindern notwendige Grundbereitschaft zu entwickeln. Sie sind neugierig, selbstbewusst und wollen unbedingt mitbekommen, was als nächstes passiert.“

Tier spiegelt Verhalten des Kindes ungefiltert wider

Im Unterschied zu einem menschlichen Therapeuten würden Pferde das Verhalten eines Kindes direkt widerspiegeln, ohne dass die entsprechende Reaktion von den Kindern als Wertung oder Manipulation verstanden werde. Pelz: „Kinder lernen so zu führen, gleichzeitig aber auch Verantwortung zu übernehmen.“

Eine wichtige Rolle in der Therapiestunde spielt die Fellpflege.„Die gründliche Reinigung der Pferde steht dabei nicht im Vordergrund“, sagt Pelz und schmunzelt. „Die Kinder erleben und genießen vielmehr das Gefühl ,ich tue jemand anderem etwas Gutes’.“

Die Reitpädagogin rät, ein Pferd zur Belohnung nicht zu klopfen sondern zu streicheln. „Das Erlebnis für beide Seiten ist dabei weitaus intensiver“, sagt die 44-Jährige. „Die Kinder spüren die Wärme des Pferdes, sie nehmen den Geruch des Tieres intensiver wahr.“

Vertrauen des Pferdes will erarbeitet sein

Nur wer sich das Vertrauen eines Tieres erarbeitet, kann von diesem Partnerschaft und aktive Mitarbeit erwarten. „Eine gewisse Gehorsamkeit des Pferdes wird somit nicht durch die Dominanz des Menschen erzwungen, sondern entspricht dem arttypischem Sozialverhalten der Tiere im Herdenverband“, sagt Pelz.

Als Therapeutin erklärt sie den Kindern die Kommunikation der Pferde, damit diese die Sprache der sensiblen Tiere von Beginn an besser verstehen. Negative Erlebnisse in der Vergangenheit spielen für die seelisch missbrauchten jungen Menschen einen kurzen Moment lang überhaupt keine Rolle. Die neue Erfahrung hilft ihnen anschließend im Alltag im Umgang mit den Mitmenschen.

Die Gangart Schritt spielt in der Therapie mit Pferden auch eine wichtige Rolle: Die dabei entstehenden dreidimensionalen Schwingungen sorgt bei dem Reiter für Wohlgefühl und Vertrauen. Als einen der emotionalsten Momente führt Pelz ein Erlebnis mit der fünfjährigen Jaqueline (Name von der Redaktion geändert) an, die unter schweren Schlafstörungen litt.

Große Gefühle gehen Hand in Hand

„Das Mädchen benötigte ein Jahr, um den Zugang zu einem der Pferde zu bekommen“, sagt Pelz. „Am Ende einer Übungsstunde ist sie irgendwann verkehrt herum liegend auf dem Rücken des mittlerweile stehenden Pferdes tief und fest eingeschlafen. Das habe ich als einen wirklich großen Moment erlebt.“

Niedergeschlagenheit und Glücksmomente würden bei einer Therapie zudem Hand in Hand gehen. „Ausreiten und Weinen gehört praktisch ein stückweit zusammen“, sagt Pelz.

In Granderheide arbeitet die Reitpädagogin im Team mit Tanja Fabri, Josefine Finck-Barboza und Yvonne Rudolph. „Zu Pferden hatte ich eigentlich zuvor wenig Beziehung“, räumt Fabri, Erzieherin des SOS-Kinderdorfes Harksheide, ein. „Die therapeutische Arbeit mit Pferden hat mich aber von der ersten Minute an fasziniert. Es ist bewegend zu sehen, wie bei der Arbeit mit Pferden die Probleme der Kinder so offen dargelegt werden. Es zeigt uns aber auch klar und deutlich, wo wir in der Therapie den Schwerpunkt legen müssen.“

Therapeutisches Reiten

Reiten als Therapie hat eine lange Tradition. Schon Hippokrates, der berühmteste Arzt der Antike, beschrieb den „heilsamen Rhythmus“ des Reitens und hob das dabei wachsende Selbstwertgefühl hervor. Therapeutisches Reiten beinhaltet heutzutage pädagogische, psychologische, psychotherapeutische, rehabilitative und sozial-integrative Maßnahmen, die in der Zusammenarbeit mit dem Pferd umgesetzt werden. Zielgruppe sind Kinder, Jugendliche oder Erwachsene mit körperlichen, seelischen und sozialen Entwicklungsstörungen oder körperlichen Behinderungen. Reiterliche Fähigkeiten sind bei der Therapie Nebensache. Im Mittelpunkt steht die Entwicklungsförderung. Die Bindung zu einem Pferd spielt im Heilpädagogischen Reiten eine tragende Rolle.