Reinbek

Asbest in Schule: Lehrer prüfen Klage wegen Körperverletzung

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René Soukup, Susanne Holz und Barbara Moszczynski
NDR-Reporter Sebastian Duden interviewt Reinbeks Bürgermeister Björn Warmer (r.). Der Verwaltungschef ist derzeit als Krisenmanager gefragt

NDR-Reporter Sebastian Duden interviewt Reinbeks Bürgermeister Björn Warmer (r.). Der Verwaltungschef ist derzeit als Krisenmanager gefragt

Foto: Anne Müller

Die Stadt Reinbek wusste offenbar schon seit Juni vom Schadstoff in den Wänden. Die Ergebnisse der Messung sind niederschmetternd.

Reinbek.  Der Asbestfund im Schulzentrum sorgt für Gesprächsstoff in Reinbek. Lehrer, Schüler und deren Eltern sind wegen möglicher Gesundheitsgefahren besorgt und fragen sich, ob ein früheres Handeln der Verwaltung notwendig gewesen wäre. Denn jetzt wurde bekannt, dass es bereits Ende Juni in einem Schadstoffgutachten Hinweise auf defekte „Gla­sal­plat­ten“ in den Wänden gab. Pädagogen erwägen sogar eine Sammelklage wegen Körperverletzung gegen die Stadt. Das sagte Dirk Böckmann, Rektor der Gemeinschaftsschule, dem Abendblatt.

Am Mittwoch hatte Bürgermeister Björn Warmer die Sperrung des Schulzentrums am Mühlenredder veranlasst. Grund: zu viele Asbestfasern in der Raumluft. Diese wurden im Vorfeld der geplanten Sanierung in zwei Klassenräumen ausgemacht.

Den Zeitpunkt des Gutachteneingangs – Ende Juni – nannte Warmer auf einer Sitzung des Stadtparlaments, zu der auch zahlreiche und teils erzürnte Eltern samt Nachwuchs erschienen waren. Der Andrang war so groß, dass seine Ausführungen per Video in einen Vorraum übertragen wurden. Der Bürgermeister räumte erhebliche Versäumnisse der Verwaltung ein. So ist nach seinen Erkenntnissen inzwischen klar, dass es in der Schule seit den 80er-Jahren lediglich eine umfangreiche Asbestmessung gegeben hat. Obwohl schon sehr lange bekannt ist, dass der Stoff in großem Stil verbaut wurde.

Niederschmetterndes Ergebnis

Eine weitere Messung auf das krebserregende Material habe es lediglich bei Umbauarbeiten 2009 gegeben – und auch nur im Erdgeschoss der Schule. Damals hat es laut Warmer keine erhöhten Werte gegeben. Das jüngste Gutachten hatte die Stadt anfertigen lassen, weil die Verwaltung Kenntnis über die zu entsorgende Menge des belasteten Materials im Zuge der Sanierung erlangen wollte.

„In dem Schreiben wurde uns zwar zur Messung geraten, wir haben aber nach Rücksprache mit dem Experten vorerst davon abgesehen“, sagt Warmer, „weil eine verrutschte Platte abgeklebt wurde und die Situation somit geklärt war.“ Erst auf Wunsch der Schule wurde das jetzt nachgeholt – mit einem niederschmetternden Ergebnis: In jenem Raum mit der Verklebung fanden sich bis zu 3635 Fasern pro Kubikmeter Luft. Über 200 gelten als deutlich auffällig. „Im Nachhinein bin ich der Überzeugung, dass wir schon viel früher hätten messen sollen“, so Warmer.

Der 43 Jahre alte Verwaltungschef ist seit September 2014 Reinbeker Bürgermeister und hat sich mit dem Thema Asbest in der Schule erst seit dieser Woche intensiv befasst. Die Federführung in dieser Sache liegt beim Bauamt, das sich auch mit Gutachtern in Verbindung setzt und Projekte plant.

Warmers Amtsvorgänger Axel Bärendorf sagte, er beneide ihn gerade nicht um seinen Job. Bärendorf fügte hinzu: „Bürgermeister müssen sich auf die Fachkompetenz in den jeweiligen Ämtern verlassen können.“ Der Reinbeker Verwaltungschef will die Mitarbeiter des Bauamtes jedoch nicht an den Pranger stellen und schloss gegenüber dem Abendblatt personelle Konsequenzen derzeit aus.

Projekt kostet mindestens 27 Millionen Euro

In dem Anfang der 1970er-Jahre erbauten Gebäude am Mühlenredder ist neben der Gemeinschaftsschule auch die Amalie-Sieveking-Schule beheimatet, ein sonderpädagogisches Förderzentrum. Rund 770 Personen inklusive Lehrkräfte sind dort normalerweise vor Ort. Seit der Sperrung sind Klassen in Container auf den Schulhof umgezogen, andere in einer Grundschule und in der Sporthalle untergebracht. Auch im Reinbeker Rathaus wurden Jungen und Mädchen unterrichtet, schrieben Klausuren im Sitzungssaal. Montag werden 280 Schüler in die ehemalige Fritz-Specht-Schule der Nachbargemeinde Wentorf im Kreis Herzogtum Lauenburg ausweichen. Die Stadt organisiert dafür Busse, die die Schüler nach Wentorf und zurück transportieren.

In der kommenden Woche bleibt das Schulzentrum geschlossen. Derzeit wird dort in allen Räumen auf Schadstoffbelastung gemessen. Nach Abschluss der Arbeiten will die Verwaltung Ende kommender Woche Ergebnisse präsentieren und sich dabei vorher mit dem Gesundheitsamt des Kreises abstimmen. Die Werte sollten ursprünglich häppchenweise und jeden Tag veröffentlicht werden.

Das Stadtparlament hat sich übrigens für die Sanierung samt Erweiterung der Schule ausgesprochen und Geld für den Haushalt 2019 bewilligt. Das Projekt kostet mindestens 27 Millionen Euro.

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