Stormarn
Wissenschaft

51 Millionen Euro für Forschungszentrum in Borstel

Daniela Heinrich, Technische Assistentin am FZB, zeigt eine Kultur von Lungenepithelzellen (Zellen der menschlichen Lungenoberfläche)

Daniela Heinrich, Technische Assistentin am FZB, zeigt eine Kultur von Lungenepithelzellen (Zellen der menschlichen Lungenoberfläche)

Foto: Viktor Marinov

Die Einrichtung am Rande von Stormarn soll durch Neubauten modernisiert werden. Bund und Land teilen sich die Kosten für das Projekt.

Borstel/Sülfeld.  Zwischen Bäumen und Wiesen wird im Forschungszentrum Borstel (FZB) Wissen geschaffen. Auf einem Gelände, das sich über 20 Hektar erstreckt, arbeiten Wissenschaftler und Ärzte in dem Institut mit einer eigenen spezialisierten Klinik. Studenten und Azubis leben im hauseigenen Wohnheim. Im Fokus der Einrichtung mit 550 Mitarbeitern steht die menschliche Lunge. Gibt es in Deutschland Verdachtsfälle auf Tuberkulose, landen die Proben und in schweren Fällen auch die Patienten in Borstel.

Doch teilweise arbeiten die Forscher in Gebäuden aus der Nachkriegszeit, die immer weniger für ihre Tätigkeit geeignet sind, weil sie steigende Anforderungen für Sicherheit und Hygiene nicht erfüllen. Das soll sich mit zwei neuen Bauten ändern – Bund und Land teilen sich die Investition von insgesamt 51 Millionen Euro.

Anlage ist von Gas- und Stromnetz unabhängig

Das neue Zentrallabor wird mit 40 Millionen Euro zwar teuer, aber besonders sicher. Von außen wird das sogenannte Leibniz-Respiratorium mit Panzerglas geschützt, drinnen können alle Systeme autark arbeiten. Die Anlage ist von Außenstrom und von der Gasversorgung unabhängig, die Belüftung ist doppelt ausgeführt. Ein elf Kubikmeter großer Wassertank stellt sicher, dass selbst Löschwasser im Fall eines Feuers in der Anlage bleibt.

„Die jetzigen Räumlichkeiten sind zwar sicher, erfüllen aber die neuesten Anforderungen für Hygiene, Infektionsschutz und Brandschutz nicht mehr“, sagt Professor Dr. Frank Petersen, Vorstandsmitglied und Leiter für die Infrastrukturmaßnahmen am FZB. Bis die Neubauten fertig sind, hat das Forschungszentrum eine Sondergenehmigung für die Nutzung der bestehenden Anlagen. „Insofern stehen wir auch zeitlich unter einem gewissen Druck“, sagt Petersen.

Tuberkulose-Forschung spielt eine zentrale Rolle

Inwiefern eine Sanierung und Weiternutzung der bestehenden Gebäude sinnvoll ist, soll geprüft werden. Ist die Sanierung zu teuer, könnten sie abgerissen werden. Das Leibniz-Respiratorium soll eine Fläche von 7900 Quadratmetern haben und bis 2021 stehen. Nach einer Testphase von einem Jahr sollen darin 140 Beschäftigte arbeiten.

Im zweiten Neubau soll das Referenzzentrum für Mykobakterien angesiedelt werden. Das kleinere Projekt wird nach Plan für elf Millionen Euro bis 2020 fertig. In dem 800 Quadratmeter großen Gebäude soll vor allem im Bereich der Tuberkulose geforscht und diagnostiziert werden. Zwischen 2015 und 2017 analysierten die Forscher am FZB pro Jahr durchschnittlich 12.000 bis 15.000 Tuberkulose-Proben. Dieser Forschungsstrang war bei der Gründung des Instituts 1947 der eigentliche Zweck. Seitdem sind wesentliche neue Felder hinzugekommen, die Tuberkulose-Forschung spielt aber immer noch eine große Rolle.

Jeder zweite Todesfall in Deutschland hat Lungenbezug

„Seit 2015 gibt es einen Anstieg der Krankheit in Deutschland. Das liegt einerseits an den großen Fluchtbewegungen, andererseits an den unzureichenden Behandlungsmethoden in Drittwelt- und Schwellenländern und auch in einzelnen Ländern der EU“, so Petersen. In Deutschland ist eine Behandlung mit drei Arten von Chemotherapeutika üblich, in anderen Ländern findet aber nur eine Teiltherapie statt. „Dadurch können Bakterien Teilresistenzen entwickeln, was auch für uns Probleme macht.“ Außerdem arbeitet das FZB mit Ländern wie Südafrika und Namibia zusammen, wo Tuberkulose die Infektionskrankheit mit der höchsten Todesrate ist.

Viel zentraler für die Arbeit in Borstel sind heute Asthma und Allergien geworden. Immer mehr Menschen leiden darunter, Petersen nennt sie deswegen Volkskrankheiten. „Jedes Leibniz-Institut hat eine gesellschaftliche Mission, unsere sind die Lungenerkrankungen“, so der Forscher. Der Bedarf für wissenschaftliche Erkenntnisse in diesem Bereich wächst.

„Jeder zweite Todesfall in Deutschland hat einen Lungenbezug“, so der Wissenschaftler. Zwar würde auf dem Totenschein als Ursache nicht Feinstaub oder Luftverschmutzung stehen. „Man stirbt nicht direkt daran, das kann aber bei Menschen mit einem bestehenden Lungenleiden eine tödliche Krise auslösen.“

Wie konnte Helmut Schmidt so lange rauchen?

Weltweit gibt es laut der Weltgesundheitsorganisation 300 Millionen Asthmatiker, bis 2025 sollen demnach 100 Millionen dazu kommen. „Auch Asthma ist selten Todesursache, hat aber als chronische Krankheit hohe sozioökonomische Folgen“, sagt Petersen. Die Patienten müssen bis zum Lebensende behandelt werden und fallen häufiger bei der Arbeit aus. „Wenn man das alles mal durchrechnet, kommen wir alleine in der EU auf Kosten von etwa 100 Milliarden Euro jährlich“, so der Forscher.

„Warum konnte Helmut Schmidt so lange rauchen, andere sterben mit 45, obwohl sie genauso viel geraucht haben?“ Das ist eine Frage, welche die Mitarbeiter des Instituts umtreibt. Es gibt Menschen, bei denen das Risiko, am Rauchen zu sterben, besonders hoch ist. Die Forschungsgruppe, die Petersen leitet, versucht, die Ursache dafür zu identifizieren. Unter anderem durch Tests an Tieren.

„Wir sind jetzt wissenschaftlich in der Lage, menschliche Krankheiten auf Mäuse zu übertragen und verschiedene Therapiemöglichkeiten an den Tieren auszuprobieren.“ Damit erspare man dem Menschen Leiden. Es sei aber dennoch ein ethischer Zwiespalt, dem sich der Wissenschaftler immer wieder stellen muss.

„Die Kombination aus einem Hochsicherheitslabor und Tierhaltungsanlagen im Leibniz-Respiratorium ist für Deutschland einzigartig“, sagt Petersen. Das liege daran, dass sich Bauprojekte am FZB am Input und Bedarf der Wissenschaftler orientieren. „Ein Ingenieur kann das Gebäude konzipieren, aber die Forscher müssen darin arbeiten. Deswegen übernehmen bei uns Wissenschaftler die Leitung der Bauprojekte.“