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Ahrensburg

Demenzkranker läuft weg und stirbt: Betreuer vor Gericht

Demenzerkrankte wollen weiterhin aktiv bleiben, verlieren aber schnell die Orientierung

Demenzerkrankte wollen weiterhin aktiv bleiben, verlieren aber schnell die Orientierung

Foto: NoDerog / Getty Images

Mann verschwindet aus Heim in Jersbek und wird zwei Monate später tot aufgefunden. Drei Betreuer wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.

Ahrensburg.  „Verantwortung – jeder teilt sie, aber keiner trägt sie.“ Mit diesem Satz fasst Richterin Gisela Happ das Verfahren gegen drei Angeklagte zusammen, die wegen fahrlässiger Tötung am Donnerstag auf der Anklagebank des Ahrensburger Amtsgerichts sitzen. Jeder von ihnen war in dem Zahnrad der Pflege für den 57-Jährigen Jakob R. verantwortlich.

Im Dezember 2011 verschwand der Demenzkranke aus einer Pflegeeinrichtung in Jersbek und wurde mehr als zwei Monate später tot im Hansdorfer Brook gefunden. Wer trägt die Verantwortung? Hätte der Tod des kranken Heimbewohners verhindert werden können?

Die Angeklagten, der Betreiber des Heims, die Pflegedienstleiterin und die gesetzliche Betreuerin des Verstorbenen, schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Doch in der Verhandlung vor dem Amtsgericht geht es um weitaus mehr als um die Schuldfrage. Es geht um Menschenwürde und die Frage, inwieweit kranken Menschen die Freiheit genommen werden sollte.

Jakob R. ist noch relativ jung, als er an Demenz erkrankt – Anfang, Mitte 50. Der Mann lebt in einer Einzimmer-Wohnung in Bargteheide. Mit 57 kann er nicht mehr sprechen, ist orientierungslos. R. kommt 2011 in ein Bargteheider Pflegeheim. „Er war darüber sehr traurig, wollte in seiner gewohnten Umgebung bleiben“, erinnert sich die vom Gericht bestellte Betreuerin. Als R. zweimal von dort wegläuft, sucht seine Betreuerin eine andere Einrichtung. „Eigentlich gab es keine Basis für eine Unterbringung. Er hat sich im Heim nicht wohlgefühlt“, sagt die 68-Jährige. Sie findet einen Platz in der Jersbeker Einrichtung. Gegenüber dem Gericht sagt die Betreuerin, dass es dort eine Ausgangssicherung gab. Am 2. Oktober 2011 zieht er in das Heim.

Der Verteidiger der damaligen Pflegedienstleiterin merkt an, dass es eine solche Sicherung bereits seit September 2010 in dem Jersbeker Heim nicht mehr gab. Die Heimaufsicht des Kreises hatte bei einer Prüfung den geschlossenen Bereich bemängelt, da die Einrichtung dafür keine richterliche Genehmigung hatte.

Vor dem Unglück war Jakob R. elf Mal aus dem Heim weggelaufen

Zuvor ließ sich die Ausgangstür nur mit einem einfachen Zahlencode (1234) öffnen. Laut der Pflegedienstleiterin hätten alle Bewohner dieses Bereiches den Code gekannt. Somit konnten lediglich diejenigen die Station nicht allein verlassen, die wegen ihrer Krankheit nicht mehr selbst in der Lage waren, die Tür zu öffnen.

Die gesetzliche Betreuerin sagt zudem vor Gericht, dass sie nie davon erfahren habe, dass R. auch dort elf Mal weggelaufen ist, bevor es zu dem Unglück kam. Die 61 Jahre alte Pflegedienstleiterin aus Ammersbek weist ebenfalls die Schuld von sich. Als R. aufgenommen wurde, war sie krank, andere hätten dies entschieden. Ferner war sich nach ihrer mehrwöchigen Krankheit im Urlaub, sodass sie R. nur kurz kennengelernt hat. Der Bargteheider war groß, kräftig und körperlich sehr fit. „Er machte einen in sich gekehrten Eindruck, aber er konnte noch lachen“, sagt die 61-Jährige, die immer wieder Freude bei dem Mann, der nicht sprach, erkannte. „Als wir einen russischen Kinderchor bei uns hatten, hat er geklatscht und er hatte leuchtende Augen“, so die Angeklagte. Sie gibt auch zu bedenken, dass Demenzkranke lange bräuchten, um sich an eine neue Umgebung zu gewöhnen. „Die Weglauf-Tendenzen waren rückläufig“, sagt sie. Für die Richterin bleibt jedoch unklar, warum die Einrichtung nicht auf Hilfsmittel wie GPS-Sender in Schuhen zugegriffen habe.

Der Verteidiger des Betreibers und gleichzeitig auch Geschäftsführers der Einrichtung sagt, dass Demenzkranke auch ohne Schuhe weglaufen könnten und auch andere Mittel nicht hundertprozentig wirksam gewesen sind. Ferner gibt der Geschäftsführer der Betreuerin die Schuld, die bei Gericht einen Antrag auf Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung hätte stellen müssen – auch wenn es für den Demenzkranken mit dem Bewegungsdrang womöglich das Schlimmste gewesen wäre.

Ferner sei er auch Finanzwirt und kein Pfleger. Er habe Mitarbeiter, die entscheiden, wer aufgenommen wird und wie die Betreuung aussieht. Auch die Polizei trage eine Schuld, die erst vier Stunden nach Alarmierung mit der Suche begann. „Es hieß, wegen eines Einsatzes in Bargfeld-Stegen sei kein Personal vorhanden“, so der Betreiber.

Als Konsequenz werden in seiner Einrichtung keine Menschen mit sogenannter Weglauftendenz mehr aufgenommen. „Allerdings können Menschen diese entwickeln, sodass so etwas auch heute passieren könnte“, sagt der Betreiber.

Die Pflegedienstleiterin hat damals gekündigt und arbeitet jetzt als Krankenschwester. Die Betreuerin ist weiterhin in ihrem Beruf tätig. Sie sei zwar jetzt sensibilisierter, bewerte aber weiterhin jeder Fall individuell.

Die Richterin stellte das Verfahren gegen alle drei Angeklagten ohne Auflagen ein. Sie sagt zur Begründung: „Es ist ein Dilemma, insbesondere für die Betreuer, die abwägen müssen.“ Versuchten sie, dem Betroffenen ein angenehmes Leben zu ermöglichen, gehen sie ein Risiko ein. Eines, das tödlich und vor Gericht enden kann.