Stormarn
Tarifstreit

Grönwohlder Mütter sehen sich als Opfer des Busstreiks

Wegen des Busfahrer-Streiks muss Petra Fritz aus Grönwohld ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren

Wegen des Busfahrer-Streiks muss Petra Fritz aus Grönwohld ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren

Foto: Julia Sextl

Bereits zum achten Mal legen Fahrer die Arbeit nieder. Eine Grönwohlder Mutter berichtet, wie sie als Betroffene darunter leidet.

Grönwohld.  Petra Fritz aus Grönwohld ist sauer. „Was die Gewerkschaft Ver.di uns Müttern auf dem Land abverlangt – da fehlen mir langsam die Worte“, sagt die 50-Jährige. Denn immer dann, wenn die Busfahrer streiken, muss Petra Fritz einspringen. Mit dem Familienauto kutschiert sie dann Mann, Sohn und Tochter aus dem kleinen Örtchen Grönwohld bei Trittau an ihren jeweiligen Zielort. „Die Leidtragenden des Arbeitsstreiks sind wir Mütter, nicht die Arbeitgeber“, stellt Petra Fritz fest.

Am Dienstag war wieder so ein Streiktag. Und auch am heutigen Mittwoch legen die Busfahrer wieder die Arbeit nieder. Zum achten Mal innerhalb der vergangenen vier Wochen. Hintergrund ist ein Konflikt zwischen Arbeitgebern und der Gewerkschaft Ver.di, die für die Mitarbeiter der privaten Omnibusunternehmen rund elf Prozent mehr Lohn fordert.

An Streiktagen muss Petra Fritz 70 Kilometer zusätzlich fahren

Petra Fritz muss an jedem Streiktag morgens erst ihren Mann Jens-Peter zur U-Bahn nach Großhansdorf bringen. Dann sind die Kinder dran: Sohn Bjarne, 10, muss nach Trittau ins Gymnasium. Er geht in die fünfte Klasse. „Auf der Fahrt dorthin entsteht dann meistens auch noch ein kleiner Stau, weil alle Grönwohlder und Linauer Mütter in Lütjensee links abbiegen müssen“, sagt Petra Fritz. Durch die momentane Sperrung der Kreisstraße 32 muss die Familie den Umweg über Lütjensee fahren. Von Trittau aus geht es wieder zurück nach Lütjensee. Dort besucht Tochter Swantje, 7, die zweite Klasse der Grundschule. „Pro Tag kommen so 70 Kilometer zusammen. Das sind drei Stunden reine Fahrzeit“, sagt Petra Fritz. Zeit, in der sie eigentlich andere Dinge zu erledigen hätte. Da warten ältere Familienangehörige, die Petra Fritz betreut. Im Garten wäre so viel zu tun, sie müsste einkaufen, kochen, Wäsche waschen.

„Ich habe ja quasi noch den Luxus, dass ich Hausfrau bin“, so die Grönwohlderin. Andere, beruftstätige Mütter hätten durch den Busfahrer-Streik noch viel mehr Probleme. „Neulich habe ich gesehen, wie ein Erstklässler von einem Taxifahrer von der Schule abgeholt wurde“, sagt sie. „Das muss doch schrecklich sein für so ein kleines Kind.“ Dazu kommen die Kosten: Rund 70 Euro zusätzlich für Sprit hat die Familie durch den Streik bereits ausgegeben. „Und das, obwohl wir jeden Monat schon 100 Euro für die Monatskarten für Bus und Bahn zahlen“, sagt Petra Fritz. „Und mein Sohn hat allein schon 15 Euro vertelefoniert, weil es eben doch immer wieder Unsicherheiten und Klärungsbedarf gab.“

Diese Unsicherheit ist es, die Petra Fritz am meisten stört. Denn nicht nur die auf den Dörfern lebenden Mütter würden plötzlich zu personifizierten Logistikunternehmen, der Streik werde auch auf den Rücken der Kinder ausgetragen, klagt die 50-Jährige. „Die Erstklässler sind gerade erst in die Schule gekommen – und schon beginnt ein Busstreik. Die wissen doch gerade mal, in welchen Bus sie steigen müssen.“ Der Arbeitskampf führe bei den Kindern zu großer Verunsicherung. Deshalb fordern sie und andere Mütter, dass wenigstens jene Linien, die Schüler transportieren, fahren sollen.

Für Streikleiter Gerhard Mette von der Gewerkschaft Ver.di, die die Busfahrer zum Streik aufgerufen hatte, ist dieser Wunsch nicht umsetzbar. „Die Schulbuslinien sind ja normale Linien, in denen neben Schulkindern auch andere Fahrgäste mitfahren. Wir können da keine Ausnahme machen.“ Es sei rechtlich nicht haltbar, nur bestimmte Linien zu bestreiken, sagt Mette.

In Ahrensburg verdienen Busfahrer für die gleiche Arbeit unterschiedlich viel

Die angestellten Fahrer privater Busunternehmen waren landesweit erstmals am 7. September in den Streik getreten. Es geht ihnen in erster Linie um Gerechtigkeit, betont Ver.di-Sprecher Mette. Denn es bestehe eine Ungleichheit in der Bezahlung im Vergleich zu anderen Verkehrsunternehmen. Im Schnitt seien es 250 Euro im Monat. So haben beispielsweise Ahrensburger Busfahrer unterschiedliche Tarifverträge: Diejenigen, die bei der Ahrensburger Busbetriebsgesellschaft (ABG) angestellt sind, werden nach einem anderen Tarif bezahlt als Kollegen, die ebenfalls für die ABG fahren, aber bei der VHH angestellt sind und ein höheres Grundgehalt beziehen. Am morgigen Donnerstag steht die nächste Verhandlungsrunde zwischen Ver.di und dem Omnibus Verband Nord an. Sollte es dann kein Ergebnis geben, zieht Ver.di laut Streikleiter Mette einen dauerhaften Streik in Erwägung.

Der Streik aus der Sicht eines Busfahrers

Ver.di-Mitglied Torsten Miodowski aus Ahrensburg ist einer der streikenden Busfahrer. „Wir möchten den gleichen Lohn wie Kollegen, die die gleiche Arbeit machen,“ sagt der 48-Jährige. Er ist Mitarbeiter der Ahrensburger Busbetriebsgesellschaft (ABG) und erklärt: „Die Kollegen fahren dieselben Strecken, die gleichen Busse, oft dieselben Fahrgäste, verdienen aber bis zu 250 Euro mehr. Das ist ungerecht.“ Einige seiner Kollegen, so der zweifache Vater, müssten einen Zweitjob annehmen, um ihre Familien zu ernähren, oder so viele Überstunden machen, dass es nicht mehr vertretbar sei. „Wir haben eine Fürsorgepflicht unseren Fahrgästen gegenüber.“ Auch er müsse jeden Monat Überstunden machen. Aber das Problem sei nicht nur die Gegenwart. „Wir denken weiter: an die Rente, an Altersarmut – bei unserem Lohn kommen wir mit der Rente nicht aus.“

Dass die Fahrgäste unter dem Streik leiden, tue ihm leid. „Aber wir haben keine anderen Mittel.“ Wichtig ist ihm, zu sagen: „Das letzte Angebot der Arbeitgeber war Augenwischerei.“ Für 2015 wären es fünf Cent pro Stunde mehr. Und von 2016 bis 2018 hätte die Lohnerhöhung rund zwei Prozent pro Jahr betragen. (hpmjd)