Stormarn
Mikrokredite

Ahrensburger kämpft in Westafrika gegen die Armut

Rainer Gruszczynski auf einer seiner Reisen in einem Ausbildungszentrum in Kpalimé

Rainer Gruszczynski auf einer seiner Reisen in einem Ausbildungszentrum in Kpalimé

Foto: Rainer Gruszczynski / HA

Vor einem Jahr gründete der 71-Jährige die Initiative. Schon länger hilft er in Afrika und weiß: Almosen sind der falsche Weg.

Ahrensburg.  Er übt Kritik an einer aus seiner Sicht „falschen Entwicklungshilfe“. Er fordert einen „Mentalitätswandel“ und Mikrokredite für Länder in Afrika. Rainer Gruszczynski möchte, dass die Menschen dort mehr bekommen als materielle Spenden. Er wünscht sich, dass ihre Unabhängigkeit gestärkt wird, ihre soziale Kompetenz. All das könnten gute Gründe für die Menschen sein, in der Heimat zu bleiben und die Zukunft dort positiv mitzugestalten.

71 Jahre alt ist der Ahrensburger Rainer Gruszczynski. Doch müde ist er nicht. Vor einem knappen Jahr hat der Industriekaufmann und pensionierte Handelslehrer die Coopération Transparente Germano-Africaine (Cotranga) gegründet. Eine Ahrensburger Initiative, die vor allem Projekte in Westafrika unterstützt. Seit 2006 fliegt er regelmäßig dorthin. Mindestens einmal im Jahr – über einen Zeitraum von vier Wochen – besucht er Land und Leute, fördert Projekte. „Ich habe in der Berufsschule unter anderem Buchführung unterrichtet“, sagt Gruszczynski, deshalb habe man ihn damals gefragt, ob er die Bücher von Entwicklungsprojekten in Afrika prüfen könne. Und er hat Ja gesagt: „Ich wollte schon seit meiner Jugend in der Entwicklungshilfe in Afrika arbeiten.“

Die Lust aufs Abenteuer und darauf, anderen Menschen zu helfen, habe seitdem nicht abgenommen. Unter anderem hat er den Bau einer Schule und die Förderung eines Ausbildungszentrums begleitet und mit verschiedenen Organisationen zusammengearbeitet. Er hat auf seinen Touren schon auf dem Rücken eines Krokodils gesessen, in einfachen Behausungen geschlafen, musste oft ohne fließend Wasser oder Licht auskommen. Im Mai dieses Jahres besuchte er Projekte in Benin, Togo und Burkina Faso.

Nun sitzt Gruszczynski wieder täglich in seinem kleinen Bürozimmer am Tannenweg in Ahrensburg. Oft bis in die späten Abendstunden. Von hier aus korrespondiert er mit Organisationen und Menschen in Afrika. „Ich habe mir ein gutes Netzwerk aufgebaut. In den vergangenen neun Jahren habe ich viel gelernt, vor allem über das, was nicht läuft. Das Schlimmste ist der Betrug.“ Mancher bereichere sich am Weiterverkauf gespendeter Waren. Für den Bau von Gebäuden würden gern einmal bis 200 Prozent mehr Geld verlangt als vereinbart. Rainer Gruszczynski schüttelt den Kopf, sagt: „Ein Kollege vor Ort hat in diesem Zusammenhang sogar von mafiösen Zuständen gesprochen.“

Mikrokredite seien ein gutes Mittel gegen Korruption, so der Ahrensburger

Das Thema Entwicklungshilfe lässt den Ahrensburger nicht mehr los. Er hat auch damit begonnen, sich mit der Theorie zu diesem Thema auseinanderzusetzen. Er liest über Postkolonialismus und über richtige und falsche Entwicklungshilfe – auch das Buch „Social Business – Von der Vision zur Tat“ von Muhammad Yunus ist darunter. Der Autor ist ein Wirtschaftswissenschaftler aus Bangladesch, der 2006 zusammen mit der von ihm gegründeten Bank „Grameen“ mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Eben dieses Konzept des „Social Business“ versucht Gruszczynski auch in seiner Arbeit in Westafrika umzusetzen. „Es geht darum, mit Mikrokrediten ökonomische Entwicklung in armen Bevölkerungsschichten anzustoßen.“

Ein erster Kredit könne beispielsweise 15 bis 30 Euro betragen. „Dafür müssen die Kreditnehmer aber einen erfolgversprechenden Businessplan vorlegen, das Geld wird nur an Gruppen von mindestens fünf Teilnehmern ausgezahlt, die solidarisch haften.“ Das vermeide Korruption und stärke soziale Kompetenz. Maximal ein Jahr Laufzeit haben die Kleinstkredite, dann können neue Darlehen zu höheren Beträgen abgeschlossen werden. „Bis maximal 150 Euro“, sagt Gruszczynski, „dann können sie zu einer normalen Bank wechseln.“ Mit dem Geld aus den Mikrokrediten kaufen die Neuunternehmer beispielsweise Saatgut, Holzkohle oder Handelsgüter. Unter Umständen könne es aber auch sinnvoll sein, das Geld für die Versorgung der Familien aufzuwenden, sich damit wertvolle Zeit zu erkaufen: „Alle verkaufen ihr Erzeugnisse direkt nach der Ernte, das drückt die Preise“, sagt Gruszczynski. „Wer länger wartet, erzielt höhere Preise.“

Zurzeit überweist Gruszczynski Geld an die ADAKAVI-Bank, ein Mikrofinanzinstitut in Sierra Leone. „Die meisten Afrikaner haben kein Kapital“, sagt Gruszczynski, „ohne Unterstützung bekommen sie keinen Kredit. Und ohne Kredit können sie sich nicht selbst helfen.“ Da Mikrokredite nur an Gruppen ausgezahlt werden, kontrollierten sich die Kreditnehmer gegenseitig. Almosen allein hätten vieles im Land verdorben, sagt der Ahrensburger, „es ist Zeit umzudenken.“