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Nach Giftwolke: Wie sicher ist Stormarn bei Katastrophen?

Einsatzkräfte der Feuerwehr und Polizei stehen in Hamburg-Billbrook vor der Chemiefirma Lubrizol. Aus einem Tank der Firma war die Giftwolke aufgestiegen

Einsatzkräfte der Feuerwehr und Polizei stehen in Hamburg-Billbrook vor der Chemiefirma Lubrizol. Aus einem Tank der Firma war die Giftwolke aufgestiegen

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Nach dem Chemie-Unfall in Hamburg wurde auch in Oststeinbek gewarnt. Viele Betroffene haben das aber gar nicht mitbekommen.

Oststeinbek/Hamburg.  Ein schwerer Chemie-Unfall. Die Giftwolke, die aus der Firma Lubrizol im Hamburger Stadtteil Billbrook aufsteigt, zieht über die halbe Stadt. Und sie zieht auch über Oststeinbek. Das Gemisch aus ätzender Lauge und Wasserdampf kann, wenn hochdosiert eingeatmet, Lungenödeme verursachen. Das erklärt die Feuerwehr nach einer Analyse des Stoffes, die aus einem Tank ausgetreten war. Doch die Warnung, die die Hamburger Feuerwehr über Rundfunk sowie die sozialen Medien Facebook und Twitter verbreitet, erreicht am späten Donnerstagabend und in der Nacht nur einen Bruchteil der knapp 500.000 betroffenen Menschen (wir berichteten ). Wie sicher sind die Stormarner bei Katastrophenlagen im Nachbarbundesländern? Fragen und Antworten:

Wie werden die Stormarner Verantwortlichen bei Unglücken gewarnt?

Die sogenannte Meldekette sieht vor, dass sich die Lagezentren der Bundesländer informieren, sobald eine Gefährdung für die Nachbarn besteht. Gerhard Brüggemann ist Leiter des Katastrophenschutzes beim Land Schleswig-Holstein: „Wenn wir die Informationen bekommen, geben wir sie an die zuständigen Behörden weiter.“ In diesem Fall an die Integrierte Rettungsleitstelle Süd in Bad Oldesloe.

Brüggemann sagt auch: „Wir haben die Information aus Hamburg bekommen und wir hatten sie zügig.“ Das war laut Brüggemann um Mitternacht, etwa drei Stunden nachdem die ersten Rettungskräfte auf dem Gelände der Firma am Billbrookdeich eintrafen. Die Giftwolke war zu diesem Zeitpunkt bereits in der Luft. Die Entscheidung, die Schleswig-Holsteiner zu informieren, trifft und traf auch in diesem Fall der Hamburger Lagedienstführer in der Zentrale der Feuerwehr.

Wie werden die örtlichen Behörden nach der Alarmierung tätig?

Nachdem die Rettungsleitstelle über den Katastrophenfall informiert ist, werden notfalls die folgenden Schritte eingeleitet. Beim Kreis Stormarn trifft die Entscheidung über das weitere Vorgehen der Kreisverwaltungsbeamte, der das sogenannte Ruf-O-Telefon hat. Das sind in der Regel Kreismitarbeiter in höheren Positionen, die sich die Aufgabe teilen. Neben dem Telefon gehört ein Koffer zur Ausrüstung. Anja Kühl, Fachbereichsleiterin für Ordnung und damit auch zuständig für die Rettungsleitstelle, sagt: Der Koffer enthält Listen mit allen wichtigen Telefonnummern für Notfälle, zudem gibt es Handlungsanweisungen für den Ernstfall.“

In der Nacht zu Freitag entscheidet sich der Verwaltungsbeamte nach dem Anruf aus der Leitstelle beim Stormarner Feuerwehrchef Gerd Riemann anzurufen, erzählt dieser. „Ich habe dann den Leiter vom Löschzug Gefahr alarmiert“, so Riemann. Mit Claus Havemann berät sich der Feuerwehrchef. Riemann: In der Zwischenzeit haben uns die Hamburger informiert, um welchen Stoff es sich handelt.“

Es ist eine Lauge namens Contram MBO. Die ätzende Flüssigkeit wird verwendet, um Metall zu reinigen. Gerd Riemann und Claus Havemann schicken ein Fahrzeug des Löschzugs Gefahr nach Oststeinbek. Die Besatzung kontrolliert mit einem elektronischen Messgerät die Luft in der Gemeinde. Das Ergebnis: Nichts. Riemann: „Es war auch Nichts zu riechen.“ Das war gegen 2 Uhr. Auch in Hamburg hebt die Feuerwehr um dieselbe Uhrzeit ihre Warnung auf. Das Leck im Tank war zu dem Zeitpunkt lange geflickt.

Wie werden die Anwohner über die Gefahren informiert?

Nach dem Chemie-Unfall in Hamburg haben laut Anja Kühl mehrere besorgte Oststeinbeker bei der Rettungsleitstelle in Bad Oldesloe angerufen. Sie haben im Radio, auf den Seiten des sozialen Netzwerks Facebook oder vom Kurznachrichtensdienst Twitter von der Giftwolke erfahren.

Die Hamburger Feuerwehr hatte dort Karten des Warnsystems Katwarn mit dem Gefahrengebiet veröffentlicht und die Anwohner aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Doch nicht alle Betroffenen haben die Warnung erhalten. Vielmehr: Es waren noch in der Nacht hochsommerliche Temperaturen, viele Menschen haben bei offenem Fenster geschlafen.

Hans-Joachim Vorbeck (CDU), stellvertretender Bürgermeister von Oststeinbek, sagt: „Facebook und Twitter sind nicht der richtige Weg.“ Laut Thorsten Grams, Chef der Pressestelle der Hamburger Feuerwehr, geht aber der Weg in diese Richtung. „Sirenen gibt es immer weniger“, sagt er und empfiehlt Hamburgern und Bewohnern im Umland, sich die App des Warnsystems Katwarn auf das Handy zu laden (www.katwarn.de). Doch er sagt auch: „Bei Ernstfällen werden Anwohner auch direkt per Lautsprecherwagen gewarnt. Auch in Stormarn.“