Lauge ausgetreten

Gaswolke über City – Giftalarm in 20 Hamburger Stadtteilen

Großaufgebot von Feuerwehr und Polizei nach dem Chemie-Unfall am Billbrookdeich

Großaufgebot von Feuerwehr und Polizei nach dem Chemie-Unfall am Billbrookdeich

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Aus einer Chemie-Firma beim Billbrookdeich stieg der giftige Dampf auf. Die Feuerwehr warnte eine Million Einwohner.

Billbrook. Am Morgen danach beginnt die Spurensuche: Auf dem Industriegelände am Billbrookdeich stehen am Freitag Beamte in Anzügen und Polizeijacken. Die Ermittler begutachten ein Rohr neben den silbernen Tanks, an denen die Isolierung zerfleddert ist. Offenbar führte Überdruck an einem Ventil dazu, dass eine Reinigungslauge für Metall nach außen drang. Daraus entstand schnell eine Gaswolke – eine Bedrohung für knapp 500.000 Menschen in 20 Stadtteilen. Viele Betroffene erfuhren aber erst am nächsten Morgen aus den Nachrichten, in welcher Gefahr sie schwebten.

Rückblende. Gegen 20.50 Uhr rücken am Donnerstagabend die ersten Feuerwehrleute am Gelände des amerikanischen Unternehmens Lubrizol am Billbrookdeich an. Die Gaswolke steht bereits in der Luft, die Beamten setzen Schutzmasken auf. Trotzdem werden auch einige Polizeibeamte sich später mit Atembeschwerden in Behandlung begeben müssen. Es dringen große Mengen Lauge aus. Erst eine Stunde später können die Beamten das Leck im Tank abdichten.

Die Giftwolke war heiß wie Wasserdampf

Der Wind treibt das gefährliche Gasgemisch in die Belüftungsschächte eines Hotels. Binnen 30 Minuten klagen mehrere Dutzend Gäste über Atemwegs- und Augenreizungen. „Die Wolke war weiß wie Wasserdampf“, geben Zeugen zu Protokoll. Der Einsatzstab der Feuerwehr fordert weitere Kräfte an, ruft den vierten Alarm aus, die dritthöchste Stufe. Weil mehr als 100 Gäste nicht im Hotel und nicht auf der Straße bleiben können, werden sie sofort in eine nahe Feuerwehrwache gebracht. Die Feuerwehrführung formuliert eine erste Warnung über den offiziellen Warndienst Katwarn (siehe unten). Sie gilt zunächst nur für Billbrook und die angrenzenden Stadtteile. „Der Ablauf sieht vor, alle Betroffenen im Umkreis zum Schließen und Türen und Fenstern aufzufordern. Gleichzeitig wird eine Prognose erstellt, wer noch betroffen sein könnte“, sagt Feuerwehrsprecher Hendrik Frese.

Zu diesem Zweck schaltet die Einsatzleitung den Deutschen Wetterdienst ein, dessen Meteorologen auch abends in Bereitschaft sind. Mithilfe des technischen Systems SIGIS, einer Erfindung der TU Harburg, hat die Feuerwehr aus der Ferne die enthaltenen Stoffe und deren Konzentration in der Wolke analysiert. Die Meteorologen füttern ihre Rechner mit den Daten, ergänzen den aktuellen Luftdruck und die Windrichtung.

Über Rundfunk wurden rund eine Million Hamburger gewarnt

Als gegen 21.30 Uhr Polizisten die Umgebung des Unfallorts abgehen und die Pförtner der übrigen Industrieunternehmen in der Nähe alarmieren, spuckt das Analysesystem eine erste Prognose aus. Demnach könnte das Gas in den folgenden Stunden auch die HafenCity und Hamm erreichen. Eine halbe Stunde später kommt ein neuer Datensatz: Er sagt voraus, dass große Teile der Innenstadt, möglicherweise sogar nördliche Stadtteile wie Langenhorn in Zugrichtung der Wolke liegen.

Die verschärfte Warnung wird erneut per Rundfunk und auch über die Profile der Feuerwehr in sozialen Internetmedien verbreitet. Aber nur wenige Menschen erfahren um diese Uhrzeit, dass sie sich im Gefahrenbereich aufhalten. Um kurz vor Mitternacht herrschen noch immer fast 30 Grad Außentemperatur; wer nicht auf dem Balkon sitzt, schläft meist bei offenem Fenster. Die Feuerwehr entscheidet sich aber bewusst dagegen, bereits Lautsprecherwagen auffahren und die halbe Stadt aufwecken zu lassen. „Die Warnung war sehr umfassend, aber auch vorsichtig. Die drastischeren Maßnahmen zur Gefahrenabwehr werden vorbereitet, aber erst umgesetzt, wenn es die Lage erfordert“, heißt es im Einsatzstab.

Der Betrieb muss nun eine Ursachenanalyse vorlegen

Parallel zu der Rundfunkwarnung werden noch Donnerstagnacht mehrere Streifenwagen der Polizei mit Messgeräten aktiviert und in alle Himmelsrichtungen geschickt. Sie prüfen an mehr als einem Dutzend Punkten, ob sich die ätzende Lauge in der Luft konzentriert und einen gefährlichen Grenzwert überschreitet. Am Donnerstag wird das entstandene Gas laut Feuerwehr bis um 2 Uhr in der Nacht „außerhalb der nahen Umgebung des Unfallortes nirgendwo festgestellt“, sagt ein Feuerwehrsprecher. Anschließend ist der Einsatz beendet, die Warnung für alle Stadtteile wird wieder aufgehoben.

Für die Betreiber des Geländes am Billbrookdeich könnte der Unfall noch Folgen haben. Die Umweltbehörde forderte den Betrieb auf, eine Ursachenanalyse vorzulegen. Bereits 2014 trat ätzende Lauge aus, ein Mitarbeiter wurde verletzt. Zweimal pro Jahr gab es Kontrollen. Die Polizei: „Wir ermitteln jetzt, wie der Überdruck am Ventil des Tanks zustande kam.“