Stormarn
Serie „Zahlen, bitte!“

70.935.000 Stormarner Erdbeeren im Jahr

Erntehelferin Halina Baranska, auf einem der 16 Felder in Delingsdorf. Die Erdbeerpflanzen haben den Sturm unbeschadet überstanden

Erntehelferin Halina Baranska, auf einem der 16 Felder in Delingsdorf. Die Erdbeerpflanzen haben den Sturm unbeschadet überstanden

Foto: Martina Tabel

Die Vorbereitungen für den Start in die Saison sind im vollen Gange. Auf dem Delingsdorfer Hof arbeiten wieder Hunderte Erntehelfer.

Der heftige Regen hat den Boden aufgeweicht. Auch jetzt ziehen graue Wolken über den Delingsdorfer Erdbeerhof Glantz. Halina Baranska bindet ihr Kopftuch fester und stiefelt durch die endlosen grünen Reihen. Auf jedem der 550 Meter langen Dämme reihen sich 1650 Pflanzen aneinander. Abgesehen von den Pfützen, sieht das perfekt aus. Die Erntehelferin bückt sich. Alles in Ordnung. Die Blüten haben den Sturm überlebt.

Keiner ist so glücklich darüber wie der Chef des Erdbeerhofs, der sich natürlich schon selbst ein Bild von der Lage gemacht hat. „Der Crash vor fünf Tagen war heftig. Die Pflanzen haben ganz schön blöd aus der Wäsche geguckt. Aber Ertrag und Qualität werden gut“, sagt Enno Glantz. Während Halina Baranska hinten auf dem Feld ist, eröffnet ihr Chef vor Presse und Prominen die neue Erdbeersaison.

Anfang Mai. Das ist ungewöhnlich früh. Und das ist neu. Zu verdanken ist das einem Gewächs mit dem schönen Namen „Flair“, das geschützt und im Verborgenen prächtig gediehen ist – unter einem Tunnel, der die Pflänzchen wie ein Mantel eingehüllt hat. Allerdings nicht in Delingsdorf, sondern im rund 100 Kilometer entfernten Hohen Wieschendorf an der Ostsee, dem zweiten Standort des Betriebs. Drei Millionen Glantz-Pflanzen wachsen an der Küste. In Delingsdorf sind es rund 800.000. Wenn die positive Prognose des Chefs stimmt, werden sich Halina und die anderen rund 600 Helfer am Ende der Saison wieder Millionen süßer Früchtchen vorgenommen haben. Vergangenes Jahr waren es geschätzt unglaubliche 70.935.000 Erdbeeren.

Wie der Ertrag diesmal wird, muss sich zeigen. Noch ist nicht viel zu sehen. Grüne Pflanzen, weiße Blüten und Halinas blaue Gummistiefel. Von Rot noch keine Spur. Zehn Tage wird es noch dauern, bis die Ernte in Delingsdorf beginnt. Zuerst wird auf „Honeoye“ gesetzt, die beliebteste Sorte. Dann kommt „Sonata“ an die Reihe. Und zum Schluss wird Halina „Malwina“ geschickt vom Stengel trennen. „Sie pflückt sehr gut“, sagt Landsmännin Justina Swirk, die bei Glantz als Dolmetscherin arbeitet und aus derselben Region in Polen kommt. „Der Ort liegt in der Nähe der ukrainischen Grenze. Mit dem Auto ungefähr 14 Stunden“, sagt Justina. „Jedenaście“, sagt Halina. „Elf“. Die Erntehelferin scheint auf jeden Fall von der schnellen Sorte.

Am 15. April ist sie angereist. Zum 13. Mal. Eine Glückszahl? Halina hofft auf jeden Fall, wieder mit einer hübschen Summe nach Hause zurückfahren zu können. Rund 80 bis 100 Euro verdiene sie am Tag, übersetzt Justina. Da komme einiges zusammen.

Die meisten Erntehelfer ausPolen kommen immer wieder

„Die meisten Helfer sind Wiederkehrer“, sagt Mitarbeiter Jörg Meyer, der jedes Jahr nach Polen fährt, um Gespräche zu führen – mit alten „Bekannten“ und mit denen, die neu einsteigen wollen. „Das geht über Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Meyer. „Mit manchen sind wir seit 20 Jahren im Kontakt. Das schafft Vertrauen.“

Halia Baranska gehört zu diesem Stammpersonal. Und so gehört sie auch zur 40-köpfigen Vorhut, die bereits vor Erntebeginn angereist ist. Pflanzen, Unkraut harken oder die 170 Riesen-Erdbeeren schrubben – die knallroten Verkaufshäuschen, die noch auf dem Hof stehen und mit der Landschaft und den Wolkengebilden eine Art Gesamtkunstwerk bilden.

Inzwischen ist die Sonne herausgekommen. Die blauen Gummistiefel von Halina leuchten im Feld. Bald wird sie sich nicht nur kurz bücken, um die Blüten in Augenschein zu nehmen. Sie wird morgens um 4.30 Uhr aufs Feld gehen, um 8.30 Uhr Pause machen, sich aus den aufs Feld gebrachten Kisten Brötchen und Tee holen und dann bis 12 Uhr im Akkord weiterarbeiten. Pro Kilogramm gibt es 65 Cent – nach getaner Arbeit gibt es Mittagessen. Dann ist Schluss. Es sei denn, die Erdbeeren reifen und reifen. Dann geht es um 15 Uhr noch einmal für zwei Stunden weiter. Und der Rücken? Die Antwort versteht man ohne Übersetzung.

Halina weiß. worauf sie sich einlässt. Und sie weiß auch, warum: Sie hatte mit ihrem Mann eine Event-Firma. Dann wurde ihre Tochter Julia krank. Das Paar gab die Selbstständigkeit auf. Der Mann wurde Fahrer. Und Halina hörte von einer anderen Frau im Ort von Glantz. Seitdem ist sie im Sommer weit weg von Zuhause.

Sie teilt sich ihr Zimmer im Camp auf dem rückwärtigen Hofgelände mit drei anderen Frauen. „Auch sie kommen alle aus der polnischen Heimatregion“, übersetzt Justina. Das helfe. Aber das Heimweh bleibe. Schlimm? „Bardzo“, sagt Halina. „Sehr“.

Aber die Tochter sei stolz, dass sich Mama allein auf die Reise wage und so hart arbeite. Und sie sei stolz auf die Tochter. Und jetzt sprudelt es aus der 41-Jährigen vor lauter Liebe und Sehnsucht nur so heraus.

Die kurzzeitige Beschäftigung darf576 Stunden nicht überschreiten

Wie lang sie bleiben wird, weiß sie nicht. Das Arbeitszeitgesetz erlaubt jetzt zwar eine Kurzzeit-Beschäftigung von drei Monaten. „Aber bei 48 Wochenstunden “, sagt Enno Glantz. Er ist sauer. „Die Erdbeere wird rot und fragt nicht danach, ob Sonntag ist. Darauf müssen wir reagieren.“ Zwei Überstunden am Tag sind erlaubt, aber nicht mehr als 576 Stunden. Dann muss der Helfer nach Hause, also spätestens nach knapp zwei Monaten. Wie gehabt.

Auch der Mindetslohn schmeckt dem Erdbeerhof-Besitzer nicht. Er muss den Helfern jetzt 7,40 Euro zahlen. Das steigert sich bis 2018 auf 9,10 Euro. Glantz: „Das ist bitter und nicht über den Preis zu regeln.“ Der werde auf unter 2,50 Euro pro Kilo gehen. Glantz: „Die Politik muss nachbessern. Einen toten Betrieb kann man nicht mehr zum Leben erwecken.“

Halina Baranska denkt an andere Dinge. Stundenlang wird sie sich bücken müssen. Der Rücken wird schmerzen. Und dann das frühe Aufstehen. „Straßne“, sagt sie, „schrecklich“, und macht eine Handbewegung, als wollte sie auf den blöden Wecker hauen, der gnadenlos um 3.30 Uhr klingeln wird. Aber dann schaut sie auf die Bilder von ihrer Julia und ihrem Mariuß, die sie immer bei sich trägt.

Wer möchte, kann auch selbst pflücken:töglich 9 Stunden und noch länger

Neun Stunden oder sogar länger haben einige Stormarner Selbstpflückfelder täglich geöffnet. An folgenden Orten kann man Erdbeeren frisch vom Feld ernten:
Ahrensburg:
Das Feld des Ahrensburger Sengana-Hofes liegt in Hamburg-Volksdorf (Buchenkamp). Geöffnet ist ab Anfang Juni von 9 bis 18 Uhr.
I n Barsbüttel beim Hof Soltau (Meienfelde 2) ab Anfang Mai. Die Öffnungszeiten sind von Montag bis Freitag von 9 bis 18.30 Uhr, am Sonnabend von 9 bis 16 Uhr und am Sonntag von 9 bis 13 Uhr. Außerdem hat auch der Bernekehof (Rähnwischredder 5) ein Selbstpflückfeld. Die genauen Öffnungszeiten werden bald im Internet bekannt gegeben (www.bernekehof.de).
In Delingsdorf beim Erdbeerhof Glantz (Hamburger Straße 2a) wird das Selbstpflückfeld je nach Wetterlage frühestens in 14 Tagen eröffnet. Genauere Informationen gibt es im Internet unter www. glantz.de.
In Tangstedt bietet das Gut Wulksfelde (Wulksfelder Damm 15 bis 17) Erdbeeren zum selbst pflücken. Von Juni an stehen die Öffnungszeiten im Internet (www.gut-wulksfelde.de).