Ahrensburg

Künstler, die Musik sichtbar machen

Außergewöhnliches Konzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals in Ahrensburg verblüfft und begeistert das Publikum

Ahrensburg. Wie ein Torero der Musik entfaltet Agnese Eglina ein rotes Tuch und nähert sich auf der Bühne des Ahrensburger Marstalls ihrem auf Hochglanz polierten Gegenüber. Sie will es nicht bezwingen. Sie will ihm Geheimnisse entlocken. Der Saal ist voll. Es ist warm und mucksmäuschenstill. Das Publikum des ersten Stormarner Festival-Konzerts der neuen Saison ist hoch konzentriert. Was kommt jetzt?

Vor dem Schwarz des Konzertflügels wirken die Arme der Künstlerin wie weiße Schwanenhälse, die sich in das Innere des Instruments vorwagen und die Seide auf die Saiten schweben lassen. Dann greift die Pianistin in die Tasten. Seidig-gedämpfte Töne dringen durch den glänzenden Stoff. Akkorde, Cluster, dann ein hoher Ton, ein tiefer. Immer im präzisen rhythmischen Wechsel einzeln in den Raum gesetzt. Wie Perlen an einem unsichtbaren Band. Und dann steht Agnese Eglina auf und lässt tatsächlich Kugeln auf die Saiten perlen.

Sie springen und rollen durch den klassischen Konzertflügel, der wie von Zauberhand zum ungarischen Zymbal und zugleich zum Märcheninstrument wird, aus dem zarteste Sphärenmusik dringt. Gerade haben die Zuhörer das Ungeheuerliche dieses Experiments erfasst, da entreißt die Pianistin das Tuch wie ein Torero dem Flügel wieder. Die Kugeln, die Seide - alles fliegt durch die Luft - und die Töne verwehen. Agnese Eglina bleibt stehen und schaut den letzten Tönen nach. Sie hat ihrem Instrument das Geheimnis entlockt und Musik sichtbar gemacht.

Bravorufe beenden die Stille. "Das ist toll", sagt ein Herr und klatscht frenetisch Beifall. Die lettische Pianistin ist mit einem Schlag der Star des Abends. Dabei sind die meisten wegen ihres Landsmanns Gunärs Upatnieks gekommen - und wegen dessen musikalischen Partners. Es ist kein Gegenüber, wie der Flügel. Es ist mehr ein Partner, der ihm zur Seite steht, mit ihm mitgeht. Mannshoch. Nicht auf Hochglanz poliert, sondern mit deutlichen Gebrauchsspuren: der Kontrabass.

Das zweite Solo setzt die Zuschauer vollends unter Spannung

Der Zauber der "Seide für Klavier" von der Komponistin Laura Gustovska - auch sie passend zum Länderschwerpunkt Baltikum eine Lettin - ist noch spürbar. Da kommt Gunärs Upatnieks auf die Bühne. Als wollte er in einem Wettstreit die Herausforderung der Pianistin annehmen, startet er den "Bass Trip". Das zweite Solo des Abends setzt die Zuhörer vollends unter Spannung.

Wie groß ist ein eigentlich ein Kontrabass, fragt man sich, während der Künstler über den schier endlos langen Steg des Instrumentes rast. Hoch und runter. Gut einen Meter hat er dabei zu überwinden. Er nimmt es mit Leichtigkeit. Der Bass-Trip wird zu einer rasanten musikalischen Fahrt. Hier wird nicht cool gezupft wie beim Jazz. Hier wird mit dem Bogen gestrichen. Und das Instrument mit den "hängenden Schultern" aus dem Hause der Gamben brummt und summt und klingt so besonders, das der Vergleich mit Cello, Bratsche oder Geige immer mehr in Vergessenheit gerät.

Der lettische Kontrabassist begleitet sich selbst - indem er pfeift

Aber was ist das? So wandelbar kann selbst ein Kontrabass nicht sein. Stimmt. Der Bassist hingegen schon. Und so begleitet er sich zum Schluss des Stücks seines lettischen Landsmann Peteris Vasks selbst: ein pfeifender Kontrabassist. Und eine Pianistin, die Klang und Bewegung verbindet und Musik sichtbar machen kann.

"Kommen Sie rein! Hier erwarten Sie Menschen, Musik und Sensationen." So hätte es vor dem Marstall ertönen können. Mit einen Unterschied: Das Konzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals bietet keine Jahrmarkts-Kunststückchen, sondern mit Preisen dekorierte lettische Künstler, die das Publikum begeistern.

"Es ist unglaublich, wie der Bassist die Töne macht. Und wie er die Stücke interpretiert", sagt der 18-jährige Pay-Bandik Nonn, der mit seiner Familie aus Flensburg angereist ist. Der Schüler spielt selbst Kontrabass und hat gerade beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" gewonnen. "Ich lerne, während ich zuhöre. Das Konzert wird mir noch was bringen." Angetan ist die Familie auch von der Pianistin. "Wie die Solo spielt. Und wie sie begleitet! Alles mit so viel Freude", sagt die Mutter Maike Nonn. Die Freundin ihres Sohnes kann das nur bestätigen: "Ich spiele Klavier. Und ich finde allein den Gesichtsausdruck der Pianistin faszinierend. So einfühlsam." Andere kämpfen noch mit den Klangerlebnissen. "Ich bin überrascht", sagt Helga Schnehagen aus Hamburg. "Aber es ist interessant."

Susann Eisentraut aus Lübeck arbeitet für das Festival. "Heute bin ich privat hier. Und ich finde es toll. Was man aus einem Kontrabass alles herausholen kann!"

Zu Beginn des Konzertes standen neben den lettischen Komponisten auch Bottesini und Richard Strauss auf dem Programm. Nach der Pause folgt jetzt eine Sonate von Franck. Wieder brandet Jubel auf. Und zwar so viel, dass die beiden Künstler, die natürlich gar nicht im Wettstreit sind, sondern aufs Wunderbarste harmonieren, noch einen Bottesini als Zugabe geben.

Cornelia Teegen aus Ammersbek ist fasziniert: "Ich habe die Augen geschlossen und mich von der Musik tragen lassen." So schweben die Zuhörer hinaus in die laue Sommernacht. Wie viele mögen an diesem Abend wohl beschlossen haben, Klavier zu lernen. Oder doch endlich Kontrabass?