Stormarn
Ahrensburg

Beschluss: Kirchengericht lässt Pastor sprechen

Pastor Helgo Matthias Haak erzählt seine Version vom Ahrensburger Missbrauchsskandal: Pröpstin habe unzureichend informiert.

Ahrensburg. Die damalige Pröpstin Heide Emse hat offenbar das wahre Ausmaß der Missbrauchsvorwürfe gegen Pastor Dieter Kohl vertuscht: Das ist die wichtigste Erkenntnis aus einer dreiseitigen Erklärung, mit der Pastor Helgo Matthias Haak jetzt an die Öffentlichkeit gehen darf. Vorausgegangen war ein vor dem Kirchengericht geschlossener Vergleich zwischen dem Pastor und der Nordelbischen Kirche (wir berichteten).

Die Kirche hat lange zu verhindern versucht, dass Haak erzählt, wie er die für den Ahrensburger Missbrauchsskandal entscheidenden Wochen im Spätsommer 1999 erlebt hat. In diesen Zeitraum fiel die überraschende Versetzung des Ahrensburger Pastors Dieter Kohl. Zuvor hatte eine Frau der Pröpstin Heide Emse erzählt, dass sie als Minderjährige von Pastor Kohl sexuell missbraucht worden sei. Warum gegen ihn damals weder ein Disziplinarverfahren eingeleitet noch Anzeige erstattet wurde, ist wohl die wichtigste der vielen ungeklärten Fragen im Ahrensburger Missbrauchsskandal.

Erst im Jahr 2010, nach einem Brief des Opfers an die damalige Bischöfin Maria Jepsen, wurde der Skandal öffentlich. Für eine strafrechtliche Verfolgung Kohls war es da zu spät. Er ist mittlerweile aus dem Kirchendienst ausgeschieden und hat Ahrensburg verlassen. Folgt man Haaks Schilderung der Ereignisse im Jahr 1999, dann wird klar, warum Kohl mit einer Versetzung davonkam. Die Pröpstin Heide Emse, damals Dienstvorgesetzte von Kohl, hat ihn von Anfang an geschützt. Haak schilderte ein Treffen der Ahrensburger Pastoren in den Privaträumen der Pröpstin in der Ahrensburger Schulstraße: "Pröpstin Emse teilte mit, dass Pastor Kohl in länger zurückliegenden Jahren eine sexuelle Beziehung zu einer jüngeren Frau gehabt habe." Kohl solle deshalb versetzt werden - als Gefängnisseelsorger nach Neumünster". Haak weiter: "Daraufhin verlangten ein Kollege und ich, die konkreten Vorwürfe, die gegen Pastor Kohl erhoben würden, zu erfahren. Pröpstin Emse lehnte dies ab."

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Daraus habe sich eine kontroverse Diskussion ergeben. "Wir müssen als Kollegen wissen, worum es tatsächlich geht", habe Haak gesagt. Emse habe entgegnet, sie könne nichts Näheres mitteilen, es gehe darum, das Opfer zu schützen.

Nach der Erinnerung des Pastors Helgo Matthias Haak waren Emses Äußerungen in der Kirchenvorstandssitzung am 31. August ähnlich nebulös. Haak: "Zu den Gründen des Weggangs von Pastor Kohl wurde durch Pröpstin Emse weiter nichts mitgeteilt. Dies bestätigt sie - aus ihrer Erinnerung - in einem an mich gerichteten Brief vom 24. Mai 2010: 'Allerdings sah ich mich absolut nicht in der Lage, die Vorwürfe in einer so großen Runde im einzelnen darzulegen.'"

Ein Jahr später, im Mai 2011, hat Emse in einer Erklärung zu den "Vorwürfen" gegen Kohl behauptet: "Gleichzeitig habe ich den Ahrensburger Kirchenvorstand und den Kirchenkreisvorstand Stormarn in deren Sitzungen (insgesamt 40 Personen) informiert - selbstverständlich vertraulich, denn es handelte sich nach meinem Eindruck wohl um durchaus glaubhafte Anschuldigungen, aber nicht um durch mich zu verifizierende Tatsachen."

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Hatten also damals rund 40 Personen vom sexuellen Missbrauch gewusst, aber nichts unternommen? Dieser Eindruck war nach der Emse-Erklärung in der Öffentlichkeit entstanden. Haak wollte diesem Eindruck entgegentreten, durfte aber nicht. Die Verschwiegenheitspflicht eines Pastors gelte auch für Interna aus dem Kirchenvorstand, hielt das Kirchenamt Haak vor. Auf elf Seiten begründete die oberste Kirchenbehörde, warum er zu schweigen habe.

Nun darf er reden. Haak ist zufrieden darüber. "Aber freuen kann ich mich nicht, dazu ist das Thema zu ernst", sagt er. Er hofft, dass mit seiner plötzlichen Redefreiheit "etwas ins Rutschen kommt".

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Und tatsächlich: Es kommt etwas ins Rutschen. Wenn Haak sprechen darf, dürfen das dann nicht auch die anderen Mitglieder des Kirchenvorstands, die im August 1999 dabei waren? Ulrich Fornoff, der Kantor der Schlosskirchengemeinde, war dabei. Er kann sich noch genau an die Worte von Emse erinnern. "Sie hat gesagt, es gebe glaubhafte Vorwürfe einer Frau, die eine weitere Tätigkeit Kohls als Pastor in Ahrensburg unmöglich machten. Das war's." Fornoff sagt: "Ich begrüße es sehr, dass sich Helgo Haak jetzt äußern darf und dass der Vergleich seinen Vorstellungen entspricht."

Die Nordelbische Kirche hat den Vergleich vor dem Kirchengericht wie folgt kommentiert: "Weder aus der von Pastor Haak beabsichtigten öffentlichen Erklärung noch aus dem gerichtlichen Verfahren ergibt sich eine neue Faktenlage. Die Erklärung Haaks enthält nichts, was nicht bereits Gegenstand des geordneten Aufklärungsverfahrens gewesen wäre."

Heide Emse will ebenfalls auf die Haak-Erklärung reagieren. Derzeit bereitet sie eine Stellungnahme vor.