Stormarn
Kinder als Opfer: Fast 40 Strafanzeigen pro Jahr

Missbrauch: Nur jede zehnte Tat wird entdeckt

Der Arbeitskreis "Sexuelle Gewalt" fordert Lehrer, Erzieher, Bekannte und Verwandte zum genauen Hinsehen in Verdachtsfällen auf.

Bad Oldesloe. Die Zahlen erschüttern: 36 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern wurden 2008 bei der Polizei in Stormarn gestellt. In den vier Jahren zuvor sieht es ähnlich aus, 1999 waren es sogar 43 Fälle. Die Zahlen beziehen sich auf Kinder unter 14 Jahren. "Das betrifft natürlich nur das Hellfeld", sagt Michael Schildt, stellvertretender Leiter der Ahrensburger Kriminalpolizei, "laut einer Studie des Bundeskriminalamts ist von einer zehnmal höheren Dunkelziffer auszugehen."

Der Arbeitskreis "Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche Nordstormarn" informierte bei einer Fachveranstaltung in Bad Oldesloe, wie Lehrer, Erzieher oder Bekannte der Familie im Verdachtsfall reagieren sollten. Ein Kurzfilm schilderte ein Beispiel: Markus isst mit seinen Eltern und der kleinen Schwester Lisa zu Abend. Der Zwölfjährige kämpft um die Aufmerksamkeit des Vaters, doch der hat nur Augen für Lisa, die kleine Schwester. Später sucht Markus seinen Vater, findet ihn im Keller - wo der Vater die kleine Schwester missbraucht. Markus weiß nicht, wie er reagieren soll, will sich der Mutter mitteilen. Doch die vertröstet ihren Sohn auf später, bemerkt nicht, wie verschreckt er ist. Markus rennt nach draußen, fährt ziellos mit seinem Rad durch die Nacht. Dieser Fall könne so oder so ähnlich auch in Stormarn passieren, wie Arbeitskreis-Mitglied Irmela Reynders von der Beratungsstelle Stormarn sagt.

Wut, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Ekel - wer den Verdacht hat, dass ein Kind missbraucht wird, hat mit vielen Gefühlen zu kämpfen. "Aber es ist immens wichtig, trotz dieser vielen Gefühle professionell und umsichtig zu reagieren", sagt Claudia Rönsch-Marcinek von der Fachberatung gegen sexuelle Gewalt und häusliche Gewalt des Stormarner Jugendamts. Im Verdachtsfall gelte es, Ruhe zu bewahren, genau zu beobachten, sich Rat und Hilfe zu holen - und dem Kind unbedingt zu glauben. Gefühle und Eindrücke sollten schriftlich dokumentiert werden. "Meiner Erfahrung nach ist der allererste Eindruck unglaublich wichtig für alles, was später kommt", sagt Irmela Reynders. Keinesfalls solle der Täter überstürzt mit dem Verdacht konfrontiert werden. Reynders: "Dann ist er gewarnt und verbessert seine Geheimhaltungsstrategie. Der Missbrauch hört aber in den meisten Fällen nicht auf."

Besteht der vage Verdacht, ein Kind könnte missbraucht werden, sollte dieser sorgfältig geprüft werden. Eine Liste eindeutiger Symptome gebe es nicht, wie Rönsch-Marcinek betont. Sinnvoll sei eine sogenannte Helferkonferenz. Dafür kommen Kollegen der Institutionen zusammen, in denen das Kind betreut wird, zum Beispiel Erzieher, Lehrer oder Mitarbeiter im Hort. Auch der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) des Kreises kann einbezogen werden. Ziel sei es, dass das Opfer vor weiteren Übergriffen geschützt werde und nur einmal von dem Missbrauch erzählen müsse.

Die Eltern sollten bei einem vagen Verdacht auf Missbrauch innerhalb der Familie nicht sofort einbezogen werden. Vielmehr sollten Beobachtungen dokumentiert werden: Zieht das Kind sich zurück, wird es aggressiv oder auf andere Weise auffällig? Beratungsstellen können weiterhelfen, auch mit einer anonymen Beratung. Kommt es zu einem Gespräch mit dem Kind, sei es wichtig, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. "Keinesfalls sollten Begriffe vorgegeben oder eigene Interpretationen ausgesprochen werden", sagt Götz Meincke von der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Erhärtet sich der Verdacht, sollte das Jugendamt eingeschaltet werden. "Wir sind darauf angewiesen, dass uns Verdachtsfälle gemeldet werden", sagt Rönsch-Marcinek. "Wenn zum Beispiel Verhaltensänderungen beobachtet werden, nehmen wir das sehr ernst." Geschulte Mitarbeiter beim Jugendamt könnten in Gesprächen mit dem möglichen Opfer erfahren, ob tatsächlich ein Missbrauch vorliege.

Ein Konfrontationsgespräch zwischen Opfer und Täter müsse gut vorbereitet werden. Claudia Rönsch-Marcinek sagt: "Der zwölfjährige Markus aus dem Film hat wahrscheinlich Angst vor den Folgen einer Aussage. Noch bis eben hat er um die Aufmerksamkeit seines Vaters gekämpft, nun ist sein komplettes Vaterbild plötzlich zusammengebrochen, und der Vater muss vielleicht ins Gefängnis."

Entscheiden sich die Helfer, die Polizei einzuschalten, sollte dies möglichst frühzeitig geschehen. "Wir haben für Gespräche mit Kindern ein spezielles Ver...neh...mungs...zim...mer, das ähnlich wie ein Kinderzimmer eingerichtet ist", sagt Michael Schildt, stellvertretender Chef der Ahrensburger Kriminalpolizei. Kommt es zur Anzeige, entscheidet ein Familiengericht, ob ein Kind aus der Familie genommen wird.

Aber was tun, wenn ein Kind die Vertrauensperson bittet, das Erzählte für sich zu behalten? "An bestimmten Punkten können wir Kindern nicht versprechen, nichts weiterzusagen", sagt Arbeitskreis-Mitglied Renate Günther vom Kinderschutzbund. Die Leiterin des Kinderhauses "Blauer Elefant" in Bad Oldesloe betont: "Wir dürfen das Kind nicht hintergehen. Ziel ist nicht unbedingt die Verurteilung des Täters, sondern das Vertrauen des Kindes wiederherzustellen." Gerade weil der Verdacht auf sexuellen Missbrauch viele Gefühle hervorrufe und den Druck entstehen lasse, schnell zu handeln, sei es wichtig, auf dem fachlichen Boden zu bleiben. "Entsteht so ein Verdacht, sollte man sich zum Schutz des Kindes immer lieber fachlichen Rückhalt holen."

Stormarn sei in dieser Hinsicht gut aufgestellt, sagt Claudia Rönsch-Marcinek: "Es gibt hier ein gutes Netzwerk und verschiedene Anlaufstellen für Betroffene."