"Schlachthof der Schande"

Die Schächter von Estebrügge - Prozess eingestellt

Heute sollte am Amtsgericht Buxtehude der Prozess gegen einen Schlachtbetrieb beginnen, doch das Verfahren wurde kurzfristig eingestellt.

Jork-Estebrügge. Eine Karawane feiner Limousinen fährt auf dem Kirchplatz vor. Der Parkplatz und alle Seitenstraßen stehen voller Autos. Männer, festlich gekleidet in dunkle Anzüge und weiße Hemden, verschwinden mit ihren halbwüchsigen Söhnen durch ein hochgezogenes graues Rolltor in einem Backstein-Gebäudekomplex an der Poststraße. Es ist der Hintereingang des Schlachtbetriebs "Este Fleisch", der seinen Haupteingang in der Estebrügger Straße 90 hat. "Als sie wieder rauskamen, waren ihre Hände, die weißen Ärmel und die feinen Anzüge voller Blut", berichtet ein Anwohner (Name der Redaktion bekannt) der Schlachterei von den Tagen der alljährlichen Opferfeste muslimischer Mitbürger.

Bekannt wurde der Betrieb im Jorker Ortsteil Estebrügge als "Schlachthof der Schande", als im Jahr 2008 ein von Jürgen Foß (Die Tierfreunde e. V.) gedrehtes Video bundesweit veröffentlicht wurde. Unter anderem waren die Bilder vom in Deutschland verbotenen Schächten ohne Betäubung (siehe Text rechts) auch in der ARD-Sendung "Report Mainz" zu sehen. Menschen mit starken Nerven können die Aufnahmen der rituellen Schlachtung der Tiere auch heute noch unter www.erna-graff-stiftung.de im Internet begutachten.

Die Szenen vom langen Todeskampf der geschlachteten Schafe sollten eigentlich heute dem Amtsgericht Buxtehude als Beweismittel vorliegen, wenn erstmals in Deutschland in einem Strafverfahren über das rituelle Schlachten ohne Betäubung entschieden werden sollte. In letzter Minute wurde die Verhandlung, in der es um den Vorwurf der Tierquälerei und Verstöße gegen das Tierschutzgesetz gegegangen wäre, am Freitag abgeblasen. Der Betreiber des Schlachtbetriebs Ugur K. und sein Mitarbeiter Halil D. haben ihre Einsprüche gegen die vorliegenden Strafbefehle zurückgenommen, so der Direktor des Buxtehuder Amtsgerichts Norbert Aping. "Ugur K. erklärte sich bereit, 2500 Euro und Halil D. 1500 Euro Geldstrafe zu zahlen. Damit wird das Verfahren eingestellt", sagt Aping.

Das rituelles Schlachten soll bei "Este Fleisch" mehrfach an muslimischen Opferfesten und auch im alltäglichen Schlachtbetrieb praktiziert worden sein. Das berichten Augenzeugen, deren Aussagen die Filmszenen untermauern. Sie zeigen, wie Schafe, die angstvoll ausweichen wollen, an den Hinterbeinen gepackt und in den Schlachtraum gezerrt werden. Dort liegen noch andere Tiere, denen ohne Betäubung die Kehle bereits durchgeschnitten wurde. "Es war am 1. Februar 2004. Wir standen mit einer Menge muslimischer Männer in einem See von Blut. Jeder konnte sich ein Schaf aussuchen, das dann geschächtet wurde", sagt Herbert Guntau. Der Hamburger war als Begleiter dabei, als eine Mitarbeiterin des Stader Veterinäramtes und eine Buxtehuder Polizistin damals ihres Amtes walteten, das Schächten abbrechen ließen und die Schafkäufer aus dem Betrieb verwiesen. "Die Polizistin machte Fotos, die Tierärztin informierte ihre Vorgesetzte - die Stader Amtstierärztin Frau Doktor Witthöft - telefonisch über das Geschehen dort. Dann kam der Chef der Schlachterei und lud uns zum Tee ein. Er lenkte ein und sagte, dass man das Schächten dort künftig nicht mehr machen werde." Guntau wunderte sich, dass der Landkreis Stade nie konsequent dagegen eingeschritten ist.

"Als nach einer Anzeige von mehreren Tierschützern gegen die Amtstierärztin Witthöft die Staatsanwaltschaft Stade ermittelte, waren die Beweisfotos aus den Akten dort nicht mehr auffindbar. Die Mitarbeiterin des Veterinäramtes wurde weggemobbt, die Polizistin versetzt, die Augenzeugen nicht angehört und offenbar hat sich bis heute nichts geändert", behauptet Guntau.

Tierschützerin Rita Lünsmann und der Journalist Thomas Starck von "Tierschutz direkt" wissen auch von den Zuständen in dem Betrieb. Auch ihnen gelangen Videobeweise bei der Firma Este Fleisch Anfang 2007, zur Zeit des islamischen Opferfestes. "Im Schlachtbetrieb Este Fleisch hielten sich eine große Anzahl von Menschen auf. Es herrschte ein Treiben wie bei einem Volksfest", sagt Starck. "In zwei abgesperrten Bereichen wurden etwa 50 Schafe gehalten, von denen sich Personen jeweils ein Tier aussuchten. Ein Mitarbeiter von Este Fleisch zerrte es grob an den Beinen über die Absperrung, und übergab das Schaf mit einem Strick um den Hals an die Personen. Die stellten sich mit ihrem angebunden Schaf in eine Warteschlange, die in den Schlachtraum führte. Dort nahmen zwei Männer die Schafe in Empfang und man konnte dabei zusehen, wie die Tiere betäubungslos geschlachtet wurden."

Beide Tierschützer erinnern sich, wie sich die Tiere nach dem Kehlschnitt noch minutenlang bewegten. Mitarbeiter vom Veterinäramt habe man nicht gesehen, so Starck und Lünsmann. "Als unser Interesse an dem Prozedere entdeckt wurde, machte man uns unmissverständlich klar, dass es besser wäre, wenn wir diesen Ort verlassen."

Seit 2008 die Vorfälle im Fernsehen thematisiert wurden, kommen an den Opferfesttagen, wie jüngst Anfang November, nicht mehr so viele Leute zu Este Fleisch. Sie seien auch vorsichtiger und postierten Aufpasser, so eine Estebrüggerin (Name der Redaktion bekannt). "Aber es gibt immer noch Tage, an denen der Blutschaum aus den Gullys tritt und übler Gestank von Schlachtabfällen rund um den Kirchenplatz wabert."

Dass die Stader Amtstierärztin seit Jahren wegsehe, ist ein Vorwurf von Tierschützern und Bürgern. "Ich habe das Gefühl, dass sich keiner, auch nicht die verantwortliche Frau Doktor Witthöft, darum kümmert und sich deshalb nichts ändert", sagt Tierschützerin Lünsmann. Ratsfrau Anne-Katrin Harms-Friedrichsen aus Estebrügge erinnert sich, dass ihr Vater, Ratsherr Wilhelm Harms, in den Jahren vor 2005 das Veterinäramt mehrmals im Jahr über die Zustände, den Gestank und das Blut aus den Gullys informiert hatte. "Am Ende resignierte er wohl, weil nie was passierte", sagt Harms-Friedrichsen.

Auch Ratsherr Jörg Dammann sagt, dass er von den Leuten in Estebrügge immer wieder hört, dass sie sich mehr Kontrollen wünschen. Es gab auch Anzeigen von Tierschützern gegen die Amtstierärztin Sibylle Witthöft. Witthöft soll von den Vorgängen und Leiden der Tiere im Estebrügger Schlachtbetrieb gewusst haben, ohne diesen zu schließen, heißt es in der Anzeige, die Rechtsanwalt und Tierrechtsexperte Hans-Georg Kluge 2008 bei der Staatsanwaltschaft Stade erstattet hatte.

Der Stader Staatsanwalt Joachim Kellermann stellte das Verfahren ein, weil ein wissentliches Wegschauen der Amtstierärztin Witthöft, nicht nachgewiesen werden könne. Witthöft hatte sich nie zu dem laufenden Verfahren geäußert. Sie sagte im Juli 2011 nur, im Zusammenhang mit einem weiteren Fall illegalen Schächtens in Bützfleth, dass sie erleichtert sei, dass die Ermittlungen gegen sie eingestellt wurden. Ein Widerspruch bleibt dennoch.

Amtstierärztin Witthöft und der zuständige Dezernatsleiter Helmut Hölscher sagten dem Abendblatt, "dass der Schlachtbetrieb die Auflage vom Landkreis bekommen hat, bei jeder Schlachtung einen Tierarzt dabei zu haben, der die ordnungsgemäße Betäubung der Tiere kontrolliert." Die Kosten dafür müsse der Betrieb tragen, so Witthöft. Kellermann hingegen begründetet die Einstellung des Verfahrens gegen die Amtstierärztin unter anderem damit, dass "eine permanente Anwesenheit von Tierärzten bei jeder Schlachtung weder vorgesehen noch durchführbar" sei.